Jahrgang 
1857
Seite
236
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tete, welches durch ſeinen Geſang in den Straßen der Stadt er⸗ Zuſtände Hildesheims, wie ſie vor etwas längerer Zeit denn innerte an den frommen, im Geſange lebenden Knaben Luther einem halben Jahrhundert geweſen, und wie ſie der Verfaſſer und zugleich in jenen traurigen Zeiten des dreißigjährigen Krieges zum Theil noch aus eigener Anſchauung kannte. In der Schil⸗ manchem bekümmerten Bürger erquickenden Troſt ins fromme derung des Selbſtgefühls einesHilmenſchen Börgers(Hildes⸗ He ſang. Es iſt auch bekannt, daß er im Jahre darauf, am heimiſchen Bürgers), ſeiner Obrigkeit gegenüber erzählt er: Ein ). Julius, die Luthercapelle auf Wartburg, welche lange ver⸗ Non plus ultra dieſer Art von Selbſtgefühl wurde von einem radi geſtanden, zu erneuertem Gebrauche einweihete, und es Fuhrmann Teigler aufgeführt, der die Rolle eines Schalksnarren

mag ihm darin die geiſtvolle Verkündigung des göttlichen Wortes der Stadt ſpielte und wegen ſeines kecken Muthwillens bekannt uu ſeiner und anderer Freude vorzüglich wohl gelungen ſein, da war. Eines Nachts ruft er ſeinem KnabenJunge ſtah up, 4 ihm nur eine ſchwache, in der Hauptkirche der Stadt wenig durch⸗ heißt ihn ſich ankleiden, führt ihn zum Hauſe des Bürgermeiſters, 3 Sein Andenken ſei daher hiermit erneuert! Iht. germeiſter vorgelaſſen zu werden. Man weckt dieſen; Teigler

3 tritt ein, begrüßt ihn und ſpricht nun zu ſeinem Buben:Sieh, dat is dat Recht von einem hilmenſchen Börger, dat hei in aller und jeder Tiht den Borgemeſter ſpreken kann. Nichts vor un⸗ gut, Herr Borgemeſter. Darauf geht er mit einem Gute Nacht von dannen. Das blieb denn freilich nicht ungeahndet. Einige Tage nachher wurde er durch ein Commando Stadtſoldaten nach dem Rathhauſe geholt und in den ſogenannten bürgerlichen Ge⸗ wahrſam gebracht; hier mußte er ein paar Tage bei Waſſer und V Brot ſitzen und wurde dann mit der Bedeutung entlaſſen, er möge

nun ſeinem Sohne ebenfalls deutlich machen, was für Befugniſſe 8 einem Hildesheimiſchen Bürgermeiſter zuſtänden.

Die Muſik in Böhmen. Böhmen iſt bekanntlich ein muſik⸗ reiches Land. Böhmiſche Muſikanten ſind überall zu finden und überall werden ſie geſucht. Bei allen Nationen ſind ſie will

. gr. ddringende, Stimme von der Natur verliehen war. pocht deſſen Leute aus dem Schlafe und begehrt, bei dem Bür⸗ V V b

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V kommene Gäſte. Sie ſind es, welche ſchlagend das widerlegen,

was man dem böhmiſchen Charakter oft zum Vorwurf macht.

Ein geiſtreicher Geſchichtsſchreiber Böhmens ſagt darüber humoriſtiſch:Man wirft den Böhmen oft Mangel an feiner Bildung vor, und die böhmiſchen Muſikanten beweiſen es, daß

die Böhmen ſich auf einen guten Ton verſtehen. Man nennt die Böhmen ſtreitſüchtig; und doch haben ſie an

V ihren Muſikanten ſo gut harmonirende Stimmführer.. 2.. 6 Man ſagt, der Böhme ſei wankelmüthig und unbeſtändig. Auch ein Dichtergrab. Schon wieder einmal iſt ein junges

Si beee eehen hmnesggmsm daten 4 75 feoſte hoffnungsvolles Dichterleben traurig untergegangen. Moritz Bir chmfäh Muſilanten zeſgen aber, daß ſir inetſeſte Reich, deſſen Skizzen und Novellen in untons Unterhal⸗

Obenan durch Originalität und Seltenheit ſteht die dudel⸗ tungen und demIlluſtr. Familienbuch des Lloyd viele ſackpfeife. In dieſer Sackpfeife liegt fuürwahr poetiſche Kraft und Freunde gefunden und von dem in Kürze bei Bellmann in r. 5 Fßoror 4- 3 7.. muſikaliſche Tiefe. Dieſes Jauchzen der Freude, dieſes Schnarren Prag ein größerer Roman zu erwarten ſtand, hat in einem Walde ddees Uebermuthes, dieſes Ziſcheln der Schalkhaftigkeit, dieſes unweit Stibnitz in Böhmen den Tod geſucht und gefunden. Man 8. 6 S 5 6 Brummen des Ernſtes ließe ſich gewiß zu den geiſtreichſten Effee- ſagt, der junge Dichter ſei an dem Gefühl zu Grunde gegangen, teen verwenden. Es iſt ſchade, daß kein böhmiſcher Beethoven daß die Kraft ſeinem Streben nicht entſpreche,daß die Schran⸗ V ſich in die Geheimniſſe des Dudelſacks vertiefen und den Ton⸗ ken ſo eng und die Welt ſo weit. Das kann freilich unter Um⸗ reichthum deſſelben läutern, vervielfachen und kunſtgemäß geſtal⸗ ſtänden und bei krankhafter Gefühlsüberreizung ſchon genug zu ten will. Eine Symphonie von einigen Hundert Dudelſackpfeifen einem bitteren, einem tragiſchen Tode ſein. Aber höchſt wahr⸗ müßte eine ergreifende Wirkung machen. ſcheinlich hat auch noch jene andere finſtere Macht ihre Hand im 2.. 7 2 Spiole der Miraa⸗ S ff F. Böhmen iſt übrigens die muſikaliſche Pflanzſchule Curopas; Spiele Fhaͤht, dn der Mirz Schaffy ſagt: A e,.. Sie ſtreift des Lebens Blüthe ab. Muſik iſt die wahre Mutterſprache der Böhmen. Die Art und Straiſt, was uns Lieblichſtes zezeben vee auf welche man dort Muſik erlernt, iſt folgende. Die in Vom Herzen und Gemüthe ab!

8 Leri Noth iſt das Grab der Poeſie! e Schule wandernden Knaben tragen verſchiedene Inſtrumente Das wäre denn ganz die alte Geſchichte,und wem ſie juſt nit auf welchen der Lehrer ihnen nach beendigten Schulſtunden p

paſſiret, dem bricht ſie das Herz entzwei. Unterricht giebt; meiſt unentgeltlich.

Diejenigen Kinder nun, welche beſonderes Talent und Liebe. zur Muſik kund geben, werden zu Erlernung derſelben angehal⸗ Gedankenblumen.

ten, und erhalten weitere Ausbildung. Im Sommer, wo die Meiſter in der Fremde ſind, findet man nicht ſelten in den Land⸗ kirchen ein Orcheſter von Kindern zwiſchen 1014 Jahren, welche mit dem Lehrer eine Meſſe aufführen. Eine große Zahl der 1

Der Geiſt iſt das Flüſſigſte was es giebt. Wer einmal ſagt: ich bin was ich bin der iſt für das Leben verloren. Er iſt aus dem lebendigen Verkehr mit ſeiner Zeit herausgetreten; er iſt ein Todter.

böhmiſchen Muſikanten wird im Sommer nach auswärtigen Kur⸗ orten berufen; viele werden auch als Mitglieder bei Theatern und Das Licht iſt eine ſo wohlthätige und freundliche Macht, Kapellen beſchäftigt. Zahlreiche Muſiker aus Böhmen dienen daß ſich Niemand freiwillig ihr entzieht. Aber jeder Körper hat, überdem noch bei vielen Regimentern der k. k. öſterreichiſchen gemäß ſeiner Natur, einen andern Reflex; der eine ſaugt Strah⸗

Armee. len ein, die der andere zurückwirft, und ſo entſteht der entzückende Wechſel der Farben. Iſt es anders mit dem geiſtigen Licht?

Bürgerliches Selbſtgeſühl. In dem erſten Hefte des zweiten Seine Strahlen brechen ſich anders in jedem Geiſt, und ſo er⸗ Jahrgangs der NürnbergerZeitſchrift für deutſche Culturge⸗ ſcheint uns auch das geiſtige Leben in farbig reizender Man⸗ geſchichte beſchreibt Herr Profeſſor Wachsmuth in Leipzig die nichfaltigkeit.

Berichtigungen.

In dem Artikel: Dentſche Volkseigenthümlichkeiten. II. ſind folgende Fehler abzuändern: Zeile 1 v. o. Donner⸗ ſtatt Donnerer(Donner⸗ und Donners⸗

berge). Zeile 4 v. o. Schneekopf ſtatt Schncekopp. Zeile 21 v. u. Batengel ſta ge alte 1, Zeile 23 v. u. succisa ſtatt succiva. Zeile 6 v. u. Lonicera p ſtatt Lonivera.(Hier iſt das v in den s-Kaſten gefallen. Unſinn!) Spalte 2, Zeile 5 v. o. Cusc Eübsa Aaatt Asonta. Zeile 14 v. u. Fumaria ſtatt Tnmaria. Es bedarf keiner Antwort im Briefkaſten des Feierabend, es genügt, wenn die Druckſehler angezeigt werden.

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Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſecke a Nenrsend in Leipzig.