Jahrgang 
1857
Seite
235
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Auch die ſüdweſtlich von Tintelluſt, wo der Häuptling der Kelowi reſidirt, gelegene, noch immer merkwürdige Stadt Agades, der Sitz des Sultans, den die eben erwähnte Eid⸗ genoſſenſchaft unter Mitwirkung des Einfluſſes eines ſüdlicher gelegenen Negerſtaates einſetzt, iſt von Berbern ums Jahr

1460 gegründet worden, und zwar zu Handelszwecken. In

früheren Zeiten wurde nämlich von Gogo(am Iſa oder Niger) aus ein ungeheurer Goldhandel ſowohl nach Tuat als nach Aegypten betrieben, für dieſen Handel ſollte Agades als ein

Unter dem Einfluß dieſes Handels gedieh denn auch Agades zu großer Blüthe und Bedeutung. Zwar konnten die fünf Berberſtämme, welche Agades gegründet hatten, ſich nicht lange behaupten. Im Jahr 1515 wurde die Stadt von einem großen Herrſcher des(ſüdlichen) Sonrhay⸗Staates, Hadj Mo⸗ hammed Aſkia erobert. Die Berber⸗Bevölkerung ſoll damals niedergemacht worden ſein, ohne Zweifel aber blieb der ärmere Theil derſelben am Leben, denn nicht nur findet man noch heute die Sprache mit Berberwörtern ſtark durchmiſcht, ſon⸗ dern auch ſonſt iſt viel Berberblut in der Bevölkerung er⸗ kennbar. Die Stadt blieb indeſſen auch nach Vertreibung der Berberherrſchaft bedeutend, und zwar ſo bedee daß der von dem Eroberer eingeſetzte König ſeinem Lehnsherrn einen jährlichen Tribut von 150,000 Dukaten bezahlen konnte. Sie mag zur Zeit ihrer höchſten Blüthe 50,000 Ei w gehabt haben. Ihr gänzlicher Verfall datirt von etwa 60 70 Jahren. Nachdem nämlich Gogo noch zu Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Provincialſtadt Marokko's geworden war und der Goldhandel ſeinen Weg vom Iſa direkt nach dem Weſten genommen hatte, woraus ſich der plötzliche Reich⸗ thum Mulay Hameds erklärt, des mächtigen Herrſchers des Weſtens, über den man ſelbſt in Europa erſtaunte warde die Stadt am Ende des vorigen Jahrhunderts gänzlich zer⸗

hochzuſchätzende Einheit der Lehre des Islam beſchmutzt wor⸗ den ſei, und er knüpft daran folgende Bemerkung:Ich ge⸗ ſtehe daß ich mit Wohlgefallen die Ausbreitung dieſer ſtren⸗ geren Sitte des Islam ſehe, da ich nicht zu denen gehöre,

weelche einen beſonderen Fortſchritt darin erkennen, daß Mo⸗

hammedaner gegen ihre Religionsprincipien gleichgiltig ge⸗ macht und an berauſchende Getränke und dergleichen chriſt⸗ liche Vorrechte gewöhnt werden. Ich habe noch keineswegs

den Glauben aufgegeben, daß Lebensfähigkeit im Islam liege, ſichrer Raſtpunkt und als ein befeſtigter Rückhalt dienen.

welche nur durch einen Reformator wieder hervorgelockt wer⸗ den müßte. Ich halte es nicht für unmöglich, daß in dem ruhigen Kampf und Zuſammenſtoß, in welchen nicht nur Chriſtenthum und Islam, ſondern die ganze chriſtliche und moslimiſche Welt unter den gegenwärtigen Verhältniſſen ge⸗ rathen iſt, ein ſolcher Reformator früher oder ſpäter ſich er⸗ heben werde. Sollte ſich dieſe Vorausſagung beſtätigen, ſo wäre die nächſte und nothwendige Folge, daß jenerruhige Kampf zu einem ſehr erbitterten und für die europäiſchen Staaten bal dem heutigen Stand ihrer Handels⸗ und politi⸗ ſchen Beziehungen gar nicht ungefährlichen würde.

An einer andern Stelle erwähnt Herr Barth des Mannes, der den Islam nach den Ländern des mittleren Sudan ver⸗ pflanzte und dadurch jenen mächtigen Kampf begründete, welcher immer weiter und weiter dringend, dazu beſtimmt ſcheint, die Nationen bis über den Aequator hinaus zu er⸗ greifen wenn nicht die chriſtlichen Nationen jetzt ernſtlich auf den Kampfplatz treten, um ihm ſeinen Preis ſtreitig zu machen. In der That liegt faſt ganz Afrika als ein noch

völlig jungfräulicher Boden vor der europäiſchen Geſittung

ſtört, und dadurch ſah Agades die Wurzeln ſeiner Exiſtenz welche Zeugniß geben von der Herrſcherkraft und dem civili⸗ ſatoriſchen Beruf des großen römiſchen Volkes in Ländern, die jetzt in den Tagen ſich ſo hoch und weiſe dünkender Ge⸗

durchſchnitten. Agades hat jetzt kaum noch 7000 Einwohner, und iſt nur noch ein Schatten ſeiner früheren Größe. Es iſt natürlich hier nicht der Ort dem berühmten Rei⸗

ſenden in die Einzelheiten ſeiner Darſtellung zu folgen; wir müſſen uns begnügen einige Hauptmomente zuſammengeſtellt

zu haben. Wir wollen noch einige Bemerkungen über die religiöſen Verhältniſſe dieſer Länder und Völker herausheben,

die auf das künftige Schickſal derſelben nothwendig von Ein⸗

fluß ſein müſſen. Dr. Barth erwähnt eines mohammeda⸗ niſchen Reformators, der namentlich die Verehrung verſtor⸗ bener Heiliger abgeſchafft, durch welche die Reinheit und die

und dient ihr bis jetzt faſt nur zum Maßſtab, wie viel ihr noch zu thun übrig iſt, um hier auch nur jenen äußeren Um⸗ fang zu erreichen, den die römiſche Civiliſation umſchloß. Von Tripoli bis wenige Meilen vor Murſuk hat unſer Rei⸗ ſender eine ganze Reihe intereſſanter Denkmale aufgezeichnet,

nerationen noch immer der Barbarei verfallen ſind.

Wir ſchließen die vorſtehende Mittheilung über den erſten Band von Dr. Barths Reiſen und Entdeckungen mit der Bemerkung, daß man den folgenden Bänden um ſo mehr mit Spannung entgegenſehen darf, als ſich an die Weiterreiſe in völlig unbekannte, dabei bevölkerte und fruchtbare Länder, in das Herz der ſchwarzen Bevölkerung, ein erhöhtes Intereſſe knüpfen muß.

Was helieht. b

Die Lutherscapelle der Wartburg. Wenn Nr. 1. des Feier⸗ abend das Bild der neuen Verklärung aufrollt, welche unſerer Wartburg durch den Geiſt eines edlen Fürſten fortwährend zu Theil wird, und wenn dabei beſonders die reſtaurirte Luthers⸗ capelleein einziges großes Bild mit der Gedankentiefe der Refor⸗ mation genannt wird: ſo erinnern wir uns auch wohl gerne des erleuchteten und frommen Mannes, welcher vor länger als 200 Jahren jenem tiefen Gedanken ſchon nahe geſtanden hat.

Es war Mag. Johannes Götz, Sohn des Bürgermeiſters Johannes Götz in Franken, ſpäter wahrſcheinlich zu Meiningen, geboren im J. 1573. Schon während ſeiner Anſtellung als Pfarrer zu Helmershauſen(Amts Kaltennordheim), 1597 1610

bewies er ſich als einen wackeren Kämpfer gegen die damals im Frankenlande ſich ausbreitenden Jeſuitenkünſte. Da Jene haupt⸗ ſächlich der Schulen und ihrer Jugend ſich zu bemächtigen ſuch⸗ ten, ſo errichtete er zu Helmershauſen eine Privatſchule, worin er neben dem Evangelium beſonders des Geſanges pflegte und ein frühes Talent, Namens Stadelmann, zu hoffnungsvoller Blüthe heranbildete. Zugleich ſtellte er 1599 den erſten öffent⸗ lichen Schullehrer zu Helmershauſen an. Er war überhaupt ein rechter Reformator dieſer Gemeinde.

In dieſem begeiſterten Eifer wirkte er fort, nachdem er 1627 oder 1629 Superintendent zu Eiſenach geworden war. Es iſt bekannt, daß er hald darauf in Eiſenach das Schülerchor errich⸗