Jahrgang 
1857
Seite
234
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birgslandſchaften, welche unſer Reiſender im vorliegenden erſten Bande durchzieht, bilden den Uebergang von der Hei⸗ math der weißen zur ſchwarzen Raſſe. Dieſer Uebergang iſt in keiner Weiſe ein plötzlicher. Seit den älteſten Zeiten haben Berührungen und Vermiſchungen zwiſchen beiden Raſſen ſtattgefunden und zwar ſind es die Weißen, die von Norden her gegen die Urſitze der ſchwarzen Raſſe vordrangen und dieſe dadurch in Bewegung ſetzten. Nicht bloß von den weſt⸗ licheren Geſtaden des Mittelmeeres, ſondern auch von Aegyp⸗ ten her laſſen ſich die Spuren des vordringenden und bele⸗ benden weißen Elementes deutlich aufzeigen. Ueberall erſcheint das weiße Element als das höhere, herrſchende, feſte, ge⸗ ordnete Verhältniſſe begründende, und wenn es tiefer nach dem Süden zu, wo es der Zahl nach nur ſchwach auftreten

konnte, im Lauf der Zeit von dem ſchwarzen faſt vollſtändig abſorbirt wurde, ſo haben doch ſeine Gründungen, die hiſto⸗

riſchen Spuren, die es zurückließ, das Minimum von Cultur, das es mit ſich brachte, vorzugsweiſe bis auf unſre Zeit die ſchwarze Raſſe in Bewegung geſetzt, Gegenſätze in derſelben geſchaffen, große Conflicte zwiſchen ihren einzelnen Theilen hervorgerufen. Die von unſrem Reiſenden durchforſchten Länder zeigen dieſe Miſchlingsraſſen in den verſchiedenen Graden der Miſchung auf. Selbſt die Hauſſa⸗Nation unter dem 10. Gr. n. Br. erklärt Barth noch für keine reine Neger⸗ raſſe und es iſt gewiß charakteriſtiſch daß die Gelehrten dieſes Landes ſelbſt ihre edelſten und angeſehenſten Familien von ausländiſchem, weißem Urſprung ableiten. Die ſchwarze Raſſe erkennt damit ſelbſt die Ueberlegenheit der weißen, ihre eigene Inferiorität an, welche wohl unzweifelhaft feſtſteht, wenn auch daraus keineswegs auf die natürliche Beſtimmung der Neger zur Sklaverei geſchloſſen werden darf.

Im Anfang der hiſtoriſchen Zeit war Nordafrika von einer weißen Bevölkerung ſemitiſchen Urſprungs bewohnt. Ohne Zweifel war ſie in vorhiſtoriſcher Zeit ſelbſt eingewan⸗ dert. Dieſe Bevölkerung blieb nicht ganz rein; ſie nahm ein von Aegypten her kommendes fremdartiges, wenn gleich ver⸗ wandtes Element auf. Durch dieſe Miſchung entſtanden Verſchiedenheiten, die von den Alten durch die unterſcheiden⸗ den Benennungen Libyer, Mauren, Numidier, Liby⸗Phö⸗ nicier, Gätuler u. ſ. w. bezeichnet wurden. Sprachidiom und allgemeiner Charakter aber waren ohne Zweifel dieſelben. Sie bilden zuſammen die heute ſogenannte Berberbevöl⸗ kerung. Dieſe Bezeichnung Berber iſt aber nur der Name, den die Fremden dieſem großen Volksſtamme beilegten. Er ſelbſt in ſeinen verſchiedenen Abtheilungen weiſt ihn mit Ver⸗ achtung zurück. Für die eigentliche und richtige Bezeichnung, die ſich alle Bruchſtücke dieſes jetzt weit nach Süden verbrei⸗ teten Volksſtammes gefallen laſſen würden, erklärt Hr. Barth den Namen Mazigh oder Imoſcharh.

Während des ganzen Alterthums ſcheinen ſich die Imo⸗ ſcharh(Berber) innerhalb ihrer urſprünglichen Grenzen ge⸗ halten zu haben. Die ſchwarze centralafrikaniſche, von den

Alten fälſchlich als äthiopiſche bezeichnete Raſſe reichte bis

zum 31. Gr. n. Br. hinauf. Unter den Phöniciern, Römern, Vandalen und Byzantinern, welche der Reihe nach die afri⸗ kaniſchen Mittelmeergeſtade als Eroberer inne hatten, wur⸗ den die Imoſcharh milde behandelt und hatten ſomit keine Veranlaſſung ihr Land zu verlaſſen. größtentheils ſelbſt das Chriſtenthum an, ſo daß ſie von

einigen Arabern noch jetztdie Chriſten der Wüſte genannt

werden und noch heute für Gott den Namen Meſiah, Meſi, für Engel den Namen Anyelus haben.

Dieſes Verhältniß änderte ſich aber weſentlich mit der arabiſchen Eroberung. Gerade daß ſie Chriſten waren, ſetzte

Sie nahmen ſogar

ſie in einen ſcharfen Gegenſatz zu den mohammedaniſchen Eroberern, und ſo wurde ein großer Theil dieſer Bevölkerung, die mit dem einheimiſchen, ſchon den Griechen und Römern bekannten Namen am richtigſten Mazigh genannt wird, ge⸗ zwungen ſich in die öden und unfruchtbaren Gegenden zurück⸗ zuziehen, die in ihrem Rücken lagen. Es läßt ſich für dieſe große Bewegung kein beſtimmter Zeitpunkt angeben, ſie war offenbar der Inhalt einer Reihe von Jahren, ja Jahrhunder⸗ ten. Im Lauf der Zeit nahmen ſie den Islam an und dadurch hauptſächlich begründeten ſie ihre Herrſchaft über die Neger⸗ ſtaaten. Die Trümmer dieſes nach dem Süden zurückgedräng⸗ ten Mazigh⸗Stammes in den verſchiedenartigſten Miſchungen und die Spuren ihres Einfluſſes auf die Negerſtaaten ſind es nun, denen Herr Barth auf ſeiner Reiſe überall begegnet. Er findet ſie noch jenſeits des ſogenannten Niger oder Iſa.

Zu dieſen Trümmern der Mazigh⸗Bevölkerung gehören zunächſt die Aſgar⸗Tuareg, deren Gebiet ſich von Rhat bis zum 21. Gr. n. Br. erſtreckt. Tuareg iſt wiederum ein Name, der nur von den Arabern dieſem Stamme beigelegt wird. Das Wort bezeichnet einen, der ſeine Religion aufgegeben hat, bezieht ſich ſomit auf die Vertauſchung des Chriſtenthums mit dem Islam. Dagegen iſt Aſgar ein uralter Berber⸗ Name. Die Asgar⸗Tuareg zerfallen wieder in mehre Un⸗

abtheilungen, die von Herrn Barth ſorgfältig erforſcht wor⸗

den ſind. Dieſe Asgar bilden eine im Verhältniß zur Be⸗ völkerung des Landes nur ſehr geringe Zahl. Die unter⸗ worfene Bevölkerung heißt Imrhad. Dieſe ſtehen in der

Miſchung niedriger d. h. ſie haben mehr ſchwarzes Blut.

Das herrſchende Geſchlecht lebt ebenſo von der Arbeit der unterdrückten Raſſe, wie die Spartiaten von der der Heloten. Die Imrhad dürfen weder ein Schwert noch einen Eiſenſpeer führen. Die herrſchende Raſſe iſt zwar nicht rein weiß, hat aber doch eine edle, kaukaſiſche Körperbildung.

Weiterhin nach Süden, im Lande Air herrſcht das ſchwarze Element in der regierenden Claſſe ſchon mehr vor, es iſt ſchon mehr ein förmlicher Negerſtaat. Zwar der Name Air ſelbſt iſt berberiſchen Urſprungs; der frühere, auch jetzt noch ge⸗ bräuchliche Name iſt Asben. Man darf mit Beſtimmtheit annehmen, daß die Berber, von der arabiſchen Bevölkerung aus dem Norden verdrängt, auch hier einen Berber⸗Staat gründeten, d. h. eine auf eine Negerbevölkerung gegründete Berber-Herrſchaft. Vor ungefähr einem Jahrhundert wur⸗ den ſie aber von den Kelowi verdrängt, die zwar mit den Berbern verwandt, aber ſtärker mit Negern gemiſcht ſind. Der Negercharakter herrſcht hier mehr vor, damit aber Leicht⸗ ſinn, Ungebundenheit, beſonders im Familienleben. Es findet ſich hier, als Zeichen der Herrſchaft des Negerelemen⸗ tes, ſchon die Bedingung, daß der Häuptling der Kelowi keine Frau vom Stamme Mazighs heirathen, ſondern nur Kinder mit ſchwarzen Frauen oder Sklavinnen erzeugen darf. Auch findet ſich hier die für die Moralität des ſchwarzen Familienlebens charakteriſtiſche Beſtimmung, daß die Regie⸗ rung nicht auf den Sohn, ſondern auf den Sohn der Schwe⸗ ſter übergeht, weil der Schweſterſohn ohne Zweifel einen Theil des urſprünglichen Blutes haben müſſe, während des Häuptlings Sohn in Folge des Leichtſinns der Mutter mög⸗ licherweiſe dem fürſtlichen Blute ganz fremd ſein könne. Die reinen Mazighſtämme ſehen dies als eine ſchmachvolle Ein⸗ richtung an, als Zeugniß von dem geringen Vertrauen, das der Mann zur Treue ſeines Weibes habe. Ueberhaupt wer⸗ den die Kelowi von den reinen Berberſtämmen mit einer Art Verachtung betrachtet. Die Kelowi bilden wieder mit andern verwandten Stämmen eine übrigens ſehr loſe Art von Eid⸗ genoſſenſchaft.

T.