Jahrgang 
1857
Seite
233
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Begleitern wurde. Diesmal waren indeß offenbar noch andere Beweggründe, als die Luſt zu rauben, im Spiele. Es handelte ſich um einen neuen Angriff, die Bekehrung der Chriſten zum Islam zu bewirken. Herr Barth bezieht ſich

hier, obwohl in polemiſcher Weiſe, ſo beſtimmt auf die Dar⸗

ſtellung Richardſon's, die wir nicht kennen, daß der Vorgang nicht ganz klar wird. Man ſieht nur, daß unumwunden die Forderung eines Religionswechſels geſtellt und natürlich zu⸗ rückgewieſen wurde, und daß hierauf die eignen Diener der Europäer deren Tod als unvermeidlich betrachteten und ſich ein Zeugniß ihrer eignen Unſchuld an demſelben ausſtellen ließen. Herr Richardſon ſcheint die Sache in ſeinem Tage⸗ buch als weniger ernſthaft dargeſtellt zu haben, wird aber von Herrn Barth durch Anführung ſeiner(Richardſons) eigenen Aeußerungen widerlegt, die allerdings die Gefähr⸗ lichkeit des Moments zeichnen:Laßt uns doch ein wenig reden, wir müſſen ja einmal ſterben! Was ſoll es nützen, ſo ſtillſchweigend da zu ſitzen. Wie die Wendung zum Beſſernerfolgte, erfährt man nicht. Einer von der Karawane ſtürzte plötzlich in das Zelt, in welchem die drei Europäer die Entwicklung ihres Schickſals erwarteten und ſtotterte mit herzlicher Theilnahme die Worte her⸗ vor: Ihr ſollt nicht ſterben! Natürlich mußte dieſe Scho⸗ nung des Lebens gut bezahlt werden. Nach der Verſiche⸗ rung des Häuptlings An⸗ nur, deſſen Reſidenz Tintel⸗ luſt ſie ſich jetzt mit ſtarken Schritten näherten, war es religiöſer Fanatismus, was dieſe wiederholten Beläſti⸗ gungen und Gefahren auf die Häupter der Reiſenden herabzog. Die Marabetin von Tintarhode, einem Dorf an der Straße, wenige Mei⸗ len von Tintelluſt, waren jedenfalls vorzugsweiſe aus religiöſem Fanatismus ge⸗ gen die Chriſten gereizt und es befand ſich gerade um dieſe Zeit ein junger Sherif aus Medina in ihrer Mitte, mit welchem Herr Barth ſpäter bekannt wurde und der ihm geſtand, daß er das Seine dazu beigetragen habe um das Volk gegen die chriſt⸗ lichen Eindringlinge aufzubringen. Eine fehlerhafte Einrich⸗ tung der Expedition war es aber jedenfalls, daß die Waaren, anſtatt aus wenigen werthvollen Dingen zu beſtehen, haupt⸗ ſächlich Gegenſtände von wenig Werth, aber großem Umfang umfaßten, was die Leute glauben machte, die Europäer hätten einen ungeheuren Reichthum bei ſich, während der wirkliche Werth ihrer Habe nicht 200 Pfd. St. betrug. Von zehn eiſernen Kiſten voll Zwieback glaubten die unwiſſenden Leute ſie ſeien voll Gold. Prüfungen für die Europäer erſchöpft geweſen, wenn nicht zu rechter Zeit eine bewaffnete Eskorte, von dem Häuptling

Annur ihnen entgegen geſandt, eingetroffen wäre, welche das

räuberiſche und fanatiſche Volk abhielt, und ſie vollends

glücklich nach Tintelluſt, der Reſidenz Annurs geleitete. Hier

waren ſie vor der Hand am Ziel ihrer Leiden angelangt.

Annur war, wie ihn Herr Barth ſchilderte, ein charakter⸗ voller, zuverläſſiger Mann. Er erklärte den Reiſenden gleich beim erſten Empfang ohne Umſchweife: als Chriſten

ſeien ſie zwar ſchuldbefleckt in ſein Land gekommen, aber durch

die vielen Gefahren und Mühſeligkeiten, die ſie erduldet,

ſeien ſie rein gewaſchen; ſie hätten nun nichts weiter als das

Dr. Heinrich Barth.

Schwerlich wäre daher das Maß der

Klima und die Diebe zu fürchten. Die dargebrachten Ge⸗ ſchenke empfing er gnädig, aber ohne ein Wort des Dankes. Gaſtfreundlichkeit erzeigte er keine. Was die Weiterreiſe betrifft, ſo ſandte er bald die einfache Botſchaft:wenn ſie auf ihre eigene Gefahr nach Sudan ziehen wollten, ſo könne dies in Begleitung der Karawane geſchehen, er werde ihnen zuverläſſig kein Hinderniß in den Weg legen. Wünſchten ſie aber von ihm geleitet und geſchützt zu ſein, ſo müßten ſie eine beträchtliche Summe zahlen. Herr Barth tadelt Herrn Richardſon, der dieß als eineſchamloſe Er⸗ preſſung bezeichnet hat und ſagt, er müſſezwar den alten Häuptling für einen abſcheu⸗ lichen Geizhals halten, aber er könne ihm ſeine Achtung nicht verſagen, ſowohl als einem großen Diplomaten in ſeinem merkwürdigen klei⸗ nen Reiche, als auch als einem Mann ausgezeichnet durch Aufrichtigkeit und Ge⸗ radheit. Der vorliegende Band erzählt noch die Reiſe der drei Europäer nach Ta⸗ ghelel in der Landſchaft Da⸗ merghu, unter dem ſchützen⸗ den Geleite Annurs.

Die Expedition mußte, abgeſehen von den ſpeciellen brittiſchen Handelsintereſ⸗ ſen, hauptſächlich die Auf⸗ hellung der äußerſt ver⸗ wickelten und dunklen afri⸗ kaniſchen Völkerverhältniſſe ſich zum Zweck ſetzen. Herr Barth ſelbſt iſt beſcheiden genug das Prädicat eines Naturforſchers abzulehnen. Er iſt, wenn er gleich auch die Pflanzenwelt in den Kreis ſeiner Beobachtungen zieht, doch vorzugsweiſe Geograph und Ethno⸗ graph. Er bezeichnet denZuſammenhang des Menſchen mit der reichen Gliederung der Erdoberfläche als die Art ſeiner Anſchauung. Die hiſtoriſche und ethnographiſche Er⸗ forſchung der afrikaniſchen Völkerverhältniſſe iſt jedenfalls der intereſſanteſte Theil der vorliegenden Reiſebeſchreibung. Es liegt in der Natur der letzteren, daß die Forſchungen hier zunächſt in fragmentariſchen Reſultaten geboten werden und daß es einer ſpäteren Arbeit vorbehalten bleibt, ſie in einem großen inneren Zuſammenhang wiſſenſchaftlich zu verarbeiten. Doch können wir immerhin einige Sätze von allgemeinerem Intereſſe herausziehen, die durch Barth theils beſtimmter feſtgeſtellt theils geradezu Ergebniſſe ſeiner Forſchungen ſind.

Die größtentheils öden und felſigen, nur hin und wieder durch bewäſſerte und fruchtbare Thäler unterbrochenen Ge⸗