Kaum ein Paar Tagereiſen über Murſuk draußen wurden bereits neue Forderungen geſtellt und von den Reiſenden, denen übrigens nur ſehr beſchränkte Mittel zur Verfügung ſtanden, nur mit Mühe beſchwichtigt.
Mittlerweile hatte Herr Dr. Barth durch ein Abenteuer anderer Art einen Vorſchmack von den Gefahren bekommen, mit denen eine Reiſe durch die Sandwüſten Afrikas verbun⸗ den iſt. Eine Tagereiſe vor Rhat liegt der Berg Idinen, von den Eingeborenen als ein Palaſt böſer Geiſter gefürchtet. Da Niemand ihn begleiten wollte, ſo machte ſich Dr. Barth vom Lagerplatz aus allein auf den Weg dahin, nur mit einem kleinen Waſſerſchlauch und etwas Zwieback verſehen. Bald ſtellte ſich die Entfernung größer heraus, als ſie anfangs geſchienen, auf den ſpitzigen Steinen ſtellte ſich bald Ermü⸗ dung ein, der Kamm, als er endlich mit Mühe erreicht war, bot weder irgend eine Inſchrift oder Denkmal, noch eine Fernſicht, er zeigte nur ein wildes Meer hinabgefallener Felsmaſſen. Von der Karavane war nichts zu entdecken. Ohne Schutz gegen die Sonnenſtrahlen, ohne einen ſtärken⸗ den Imbiß war die Ruhe nicht erquickend. Mit ſchwachen Kräften machte ſich der Verirrte auf den Weg die Karavane, zunächſt aber einen Brunnen aufzuſuchen, denn der Waſſer⸗ vorrath war zu Ende. In ſeiner Richtung ungewiß ge⸗ worden, erſtieg er einen kleinen Sandhügel und feuerte eine Piſtole ab. Vergebens. Sie wurde nicht gehört. Kleine Hütten in geringer Entfernung erwieſen ſich als leer: kein lebendes Weſen war zu ſehen, kein Tropfen Waſſers zu fin⸗ den. Es wurde Abend; es mußte ein Platz zum Nachtlager gewählt werden. Ein angezündetes Feuer verſprach als Signal faſt untrügliche Rettung, aber ſchon fehlte die Kraft um ein wenig Holz zuſammenzuſuchen. Vom Fieber gepackt, faſt bewußtlos, legte er ſich nieder ohne Ruhe zu finden.
Ein Feuer, das in der Nacht ſichtbar wurde, erweckte neue
Hoffnungen. Aber wiederholte Piſtolenſchüſſe blieben ohne Antwort. Mit der aufſteigenden Sonne vermehrte ſich die Pein. Obgleich an ſeinem Blute ſaugend wurde er unſäglich von Durſt gequält. Endlich verlor er die Beſinnung und erſt nach Sonnenuntergang kehrte das Bewußtſein zurück. „Da plötzlich traf der Schrei eines Kameeles mein Ohr. Der klangreichſte Ton, den ich je im Leben gehört. Ich erhob mich etwas vom Boden und ſah einen Targi in einiger Ent⸗ fernung langſam, nach allen Seiten umherſpähend, vor mir vorbeireiten. Er hatte meine Fußſtapfen im Sande be⸗ merkt und da er die Spur auf dem ſteinigen Boden verloren, ſuchte er ängſtlich, nach welcher Richtung ich mich wohl ge⸗ wendet. Ich öffnete meine trockenen Lippen und mit meiner geſchwächten Stimme: aman, aman, Waſſer, Waſſer! ru⸗ fend, war ich entzückt zur beruhigenden Antwort das beja⸗ hende iwua, iwua zu bekommen. In wenigen Angenblicken ſaß er an meiner Seite, wuſch und beſprengte meinen Kopf, während ich unwillkürlich in ein oft wiederholtes el hamdu lillahi, el hamdu lillahi,(gelobt ſei Gott!) ausbrach. Nachdem mein Retter mich vorſichtigerweiſe ſo erfriſcht hatte, reichte er mir einen Trunk. Bei dem gänzlich ausgetrock⸗ neten Zuſtand meines Gaumens und in meinem fieberhaften Zuſtand fand ich ihn gallenhaft bitter; dann hob er mich auf ſein Kameel, ſtieg vor mir auf und eilte den Zelten zu“— wo man den Verlorenen ſchon aufgegeben hatte. Dr. Barth knüpft an dieſes Abenteuer, das ihn auf drei Tage faſt un fähig machte Etwas zu eſſen, die Bemerkung:„Es iſt in der That auffallend, daß der Europäer wenigſtens in dieſen Gegenden ganz ausſchließlich nur von dem lebt, was er augenblicklich zu ſich nimmt, und daß er, ſowie er einen Tag durch Kränklichkeit oder ſonſt verhindert iſt, das gewöhnliche
Quantum von Nahrung zu ſich zu nehmen, augenblicklich um alle ſeine Kräfte kommt. Overweg und ich haben oft genug Gelegenheit gehabt dies zu bemerken.“
Wenige Tagereiſen jenſeits Rhat kündigten ſich die Ge⸗ fahren an, mehrten ſich die Gerüchte von der fanatiſchen Er⸗ bitterung der Bevölkerungen gegen die fremden Eindringlinge, ſteigerten ſich die Forderungen der begleitenden Tuaregs und ſtellten ſich die Anzeichen ein, daß ſie entſchloſſen waren, ihre Schützlinge ihrem Schickſal zu überlaſſen.
Endlich unweit der Grenze des Gebietes der Asgar⸗ Tuarag gegen Air brach das Gewitter aus. Es traf die beſtimmte Nachricht ein, daß eine Schaar Tuareg die Rei⸗ ſenden verfolge. Die ganze Karavane kam in Allarm und war von einem Geiſt der Kampfluſt beſeelt. Allein„offener Angriff liegt nicht in der Taktik einer Freibeuterſchaar in der Wüſte; ſie niſtet ſich bei einer Karawane ein und zeigt ſich anfänglich ruhig und friedfertig, bis ſie die geringe Einig— keit, welche in einer ſolchen aus den heterogenſten Elementen gebildeten Truppe zu finden iſt, untergraben und ſich aller günſtigen Verhältniſſe bemächtigt hat— erſt dann zeigt ſie ſich allmälig in ihrem wahren Charakter und erreicht auch gewöhnlich ihren Zweck.“ Sobald es dunkel wurde, er⸗ ſchienen drei Männer, die Jedermann als Freibeuter kannte, gegen die unmittelbar zuvor die Kampfluſt der ganzen Ka⸗ rawane ſich gerichtet hatte, ruhig unter den Reiſenden und dieſe nahmen ſie, da nur die Europäer ihre Fernhaltung ver⸗ langten, ruhig in ihre Mitte auf und den Europäern wurde noch zugemuthet ſie zu bewirthen. Am nächſten Abend wie— derholte ſich der Beſuch. Die Vortheile, welche die Verfolger dadurch erreichten, traten bald zu Tage. Die unruhige Stimmung und die Beſorgniſſe trieben das religiöſe Element ſcharf in den Vordergrund; die drei einzelnen verlaſſenen Chriſten konnten dadurch natürlich nicht gewinnen. Nachdem dieſe ſyſtematiſche Beunruhigung mehre Tage hindurch fort⸗ geſetzt worden war, wurde die Forderung beſtimmt formulirt: Auslieferung der Chriſten. Sie wurde abgewieſen. Aber während des erſten Nachtlagers wurden die Kameele für das Gepäck der Europäer weggefangen, die Verfolger verlegten der Karawane plötzlich den Weg und die aufwallende kriege⸗ riſche Begeiſterung wurde raſch niedergeſchlagen durch die Betheuerung, daß man es nur mit den Chriſten zu thun habe. „Jeder hegte die Erwartung, daß es keine Schwierigkeit ha⸗ ben könne, uns zum Islam zu bekehren, und unſer Diener Mohammed verfiel ſogleich, als wir dieſen Antrag als etwas ganz Undenkbares zurückwieſen, in ſeine gewöhnliche Unver⸗ ſchämtheit; er lachte uns offen aus, wie wir ſo abſurd ſein
könnten noch an irgend eine andere Rettung zu denken. Und
des britiſchen Conſulats in Tunis!“
dieſer gewandte, aber verdorbene Burſche war ein Schützling Gemäß einem ſchon vorher im Kriegsrath gefaßten Beſchluß, im Fall einer grö⸗ ßeren Gefahr die Habe der Europäer größtentheils preis zu geben, ſchien endlich ein friedliches Abkommen zu Stande ge⸗
bracht; aber es war nur Schein und die Verſicherung, daß die Gefahr jetzt vorüber ſei, Heuchelei. Die ernſteſte Gefahr
ſollte ſich erſt am nächſten Tage einſtellen.
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Sie kam von der Partei der Marabetin, die im Lande großen Einfluß ge⸗ nießen und in manchem Betracht dem unumſchränkten Anſehn des alten Häuptlings Annur in Tintelluſt(im Lande Air oder Asben) feindlich gegenüberſtanden. Dieſer lag in dieſem Augenblick krank. In Agades war kein Sultan und mehre Parteien ſtanden ſich noch im Streit gegenüber, während eine
große militäriſche Expedition alle Leidenſchaften des kampf⸗
luſtigen Volkes aufgeregt hatte. So erklärt Barth ſelbſt die wiederholten Gewaltſamkeiten, deren Opfer er mit ſeinen


