Jahrgang 
1857
Seite
228
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Reihe breitäſtiger Linden, in deren Schatten wohl ſchon die Mönche der alten Benedictiner⸗Abtei geluſtwandelt, zum neuen Fürſtenbau, der auf dem Grund des ehemaligen Kloſters im ſchönſten altdeutſchen Stile aufgeführt iſt. Rings iſt das hohe Haus, das bald in ſpitzen, bald in ſtumpfen Winkeln hervortritt und mit ſeinen Erkern und Söllern, mit ſeinen Thürmen und Zinnen einen gar romantiſchen Anblick gewährt, mit kunſtvollen Meiſelar⸗ beiten geſchmückt, unter welchen der ſächſiſche Nautenkranz und der thüringiſche Löwe friedlich neben einander prangen.

Unmittelbar an das herzogliche Schloß fügen ſich die Ueberbleibſel alter Bauten. Das baufällige Kirchlein iſt im Aeußern und Innern ohne hervorragenden Schmuck. Nur an der ſüdöſtlichen Wand feſſelten uns die unter einem Schieferdache eingemauerten Grabdenkmäler der thüring' ſchen Landgrafen, deren Steinbilder vom Alter zernagt und von frevelnden Händen verunſtaltet ſind. Lediglich die zwei letzten dieſer Monumente(Friedrich der Gebiſſene und ſeine Gemahlin Eliſabeth) ſind ächt und nicht ohne Kunſtwerth.*)

An der nordöſtlichen Ecke des ehemaligen Amthauſes, das ſich an die Kirche anſchließt und unter den Gewinden üppiger Schlingpflanzen wieder jung geworden, ragt ein Thurm empor, aus deſſen Gemäuer ein ſteinernes Mönchs⸗ geſicht, wie aus einem kleinen Pförtnerfenſter, neugierig hervorlugt. Unfern deſſelben wölben fich einige Trauer⸗ eſchen mit ihren tief herabhängenden Zweigen zu einer dichten Laube, in deren düſterem Schatten ſich gar ſinnig von den alten Zeiten träumen läßt.

Die Sonne brannte heiß herab. Wir flüchteten unter eine majeſtätiſche Lindengruppe, unter deren kühlem Laub⸗ dach eine runde, verwitterte Steinplatte,der Mönch⸗ tiſch von Ruheſitzen umgeben iſt. Hier, wo die Mönche in ihren Feierſtunden gezecht und geplaudert, ließen wir die Bilder der Vergangenheit an unſeren Blicken vorübergleiten.

Reinhardsbrunn(Regisherisbrunnum) war in den älteſten Zeiten ein einſamer Weiler, wahrſcheinlich von dem Begründer der nahen Schauenburg, Ludwig mit dem Barte, erbaut. Darin wohnte, wie die Sage be richtet, die alle Burgen und Klöſter mit ihren immer⸗ grünen Epheuranken umſchlingt, ein Töpfer, Namens Reinhard, der an einer Quelle des Thals in jeder Nacht drei Flämmchen ſah. Als nundes Bärtigen Sohn, Graf Ludwig der Springer, die ſchöne Adelheid, Ge⸗ mahlin des Pfalzgrafen Friedrich von Sachſen, in ſünd⸗ licher Leidenſchaft geehelicht hatte, ſo legte ihm der Papſt die Buße auf, daß er, als Denkmal ſeiner ſpäten Reue, ein Kloſter ſtifte. Und er bauete die Benedictiner-Abtei Reinhardsbrunn(1089), und zwar bei dem Brunnen, wo der Töpfer Reinhard jene nächtlichen Flammen gewahrt. Als Ludwig alt geworden, vertauſchte er das Schwerdt mit der Kutte, und endete ſein vielbewegtes Leben in dem jungen Kloſter, welches je mehr und mehr an Umfang und Reichthum zunahm. Die Nachkommen ſeines Stifters hielten es in hohen Ehren und beliehen es mit ihrer Gunſt und ihren Gaben, bis ihre ſterblichen Hüllen an geweih⸗ ter Stätte neben dem Staube der erlauchten Ahnen ruh⸗ ten. So ward Reinhardsbrunn allmälig das reichſte und mächtigſte Kloſter im Lande und ſeine Aebte ſchrieben ſich in ſtolzer Demuth:Von Gottes und des heiligen Stuhles *) Vor Kurzem(1857) iſt dies Kirchlein abgebrochen und der An⸗ fang zu einem würdigen Neubau gemacht worden, und zwar ſo, daß derſelbe weiter nach dem Garten hinaus gerückt und der Schloßhof da⸗ durch erweitert wird.

Gnaden. Als aber der letzte thüringiſche Landgraf, Fried⸗ rich der Einfältige, allda ſein Grab gefunden(1440), ſiechte auch das Kloſter hin, als ob ſeine Wurzeln mit dem thüringiſchen Landgrafengeſchlechte verwachſen wären, bis es von den Stürmen der Reformation in ſeinen Grund⸗ veſten erſchüttert und von den wilden Rotten des Bauern⸗ krieges zerſtört und eingeäſchert ward. Zwar ſammelten ſich die Mönche wieder, die ſich vor dem zügelloſen Volke geflüchtet hatten, indeß ihre Zeit war abgelaufen. Der zu Weimar reſidirende Kurfürſt Johann der Beſtändige, unter deſſen Oberhoheit das Kloſter ſtand, ließ ſie bedeu⸗ ten, ſie möchten Handwerke lernenvnd Wyber nehmen, und zog die reichen Kloſtergüter ein(1525). Reinhards⸗ brunn ward nun zu einem herzoglichen Amte und deſſen Vorbau zu einem Cammergut. Die Wittwe des Herzogs Johann von Weimar aber, die von des Thales melan⸗ choliſcher Einſamkeit ſich innig angezogen fühlte, ließ hier ein Kirchlein erbauen, nachdem die alte ſtaltliche Kloſter⸗ kirche mit ihren 24 Altären, ihren 3 Orgeln und 12 Glocken zu einem Trümmerhaufen geworden, und errich⸗ tete das ſogenannte hohe Haus, in welchem ſie mit ihren Kindern häufig wohnte. Im Jahre 1640 kam Reinhards⸗ brunn an das gothaiſche Fürſtenhaus, indem es dem un⸗

vergeßlichen Herzog Ernſt dem Frommen zufiel, der hier V

die Spiele ſeiner Kindheit geſpielt. Allein es verwaiſſte mehr und mehr und ward nur ſelten von den Fürſten des Landes beſucht. Erſt mit dem Jahre 1826, als das Herzogthum Gotha dem Coburger Hauſe anheimfiel, ging über Reinhardsbrunn ein neuer Stern auf, welcher es mit einem Glanze umwob, wie es in den Tagen ſeiner reichſten Blüthe ſich denſelben nicht geträumt hatte. Der natur⸗ und kunſtſinnige Herzog Ernſt von Gotha und Coburg ließ das reizende Thal mit geſchmackvollen Anlagen zieren, bahnte von allen Seiten Straßen und Wege und erbaute das prachtvolle Schloß, das der Glanzpunkt des Rein⸗ hardsbrunner Parkes geworden iſt. Und auch ſein er⸗ lauchter Sohn, der jetzt regierende Herzog Ernſt II., welcher nicht blos in ſeinem Lande, ſondern weit über deſſen Grenzen hinaus nach ſeinem hohen Werthe erkannt, ge⸗ liebt und verehrt iſt, weilt in dem fürſtlichen Aſyle oft und gern, und ſteht durch die Telegraphen⸗Station, die ſeit 1855 in Reinhardsbrunn errichtet iſt, mit der weiteſten Ferne in gedankenſchneller Verbindung.

Mag er noch lange hier weilen! fiel mir Freund Karl in's Wort, als ich bis dahin erzählt hatte.Mögen ihn die Genien des Reinhardsbrunner Thales mit ihren duftigſten Blüthen umkränzen!

Damit erhob er ſich, indem er ſprach:Laß uns nun auch die inneren Räume des Schloſſes durchwandern, das, wie ich hörte, reich und glanzvoll im altdeutſchen Geſchmack decorirt iſt.

Wir gingen an einem mit Latten umfriedigten Raſen⸗ platz vorüber, in deſſen Gehege unter der Obhut eines

drolligen Wärters allerlei Gethier des Waldes, zahm und

wild, gepflegt wird, und traten über den kleinen Hofraum, welcher mit reichen Blumengruppen geſchmückt iſt, in die Wohnung des Kaſtellans, der uns die Merkwürdigkeiten des alten und die Herrlichkeiten des neuen Baues zeigte. Am längſten feſſelte uns der ſtattliche Feſtſaal, mit den Ah⸗ nenbildern der ſächſiſchen Fürſtenhäuſer und mit einer An⸗ ſicht des alten Kloſters Reinhardsbrunn, unddie Hirſch⸗

gallerie im ehemaligen Amthaus, worin die ſtattlichſten

und ſeltenſten Geweihe prangen, deren Sammlung ſchon von Ernſt dem Frommen begonnen ward.