Waltershauſen nach Reinhardsbrunn liegt; indeſſenwurden wir dafür entſchädigt durch den außerordentlichen Pflan⸗ zenreichthum des Burgberges, welcher meinen botaniſi⸗ renden Freund bei jedem Schritte feſſelte, und durch die überaus liebliche Fernſicht, die ſich vor unſern ſtaunenden Blicken öffnete. Wie eine bunte Landkarte breitete ſich ein weites Panorama vor uns aus: zu Füßen das freund⸗ liche Städtchen und darüber hinweg fruchtbare Fluren mit zahlreichen Dörfern, durch welche die Dampfwagen der Thüringer Eiſenbahn flogen; öſtlich die Stadt Gotha mit ihrem ſtolzen, weithinſchauenden Friedenſtein, der Seeberg mit ſeiner jetzt verwaiſ'ten, ſchon halb zerfallenden Sternwarte, und im Hintergrunde die Schweſterburgen der„drei Gleichen;“ weſtlich der majeſtätiſche Inſelsberg, der uns ſo nahe ſchien, daß wir hinüber ſchreiten mochten; im idylliſchen Wieſengrund das Dorf Langenhain mit ſeiner hervorragenden Kirche; zwiſchen demſelben und dem freundlichen Thale, das der gezackte Hörſelberg begrenzt, die liebe Wartburg und in nördlicher Ferne das in Nebel⸗ dunſt verſchwimmende Brockenhaupt.
Nachdem wir uns an den lieblichen Bildern erquickt und entzückt hatten, kletterten wir den Pfad hinab, welcher ſich gen Süden durch Geſtrüpp und über Gerölle und her⸗ nach durch kühlen Waldesſchatten bis zum Reinhards⸗ brunner Gaſthaus ſchlängelt. Schon waren die Bänke gefüllt, die im Fichtenſchatten vor dem ſchönen, geräumigen Hauſe ſtehen. Eine fröhliche Muſik ſchallte uns entgegen, und geſchmückte Gäſte ſtrömten zu Wagen, zu Roß und zu Fuß von allen Seiten herbei, daß die geſchäftig hin und her eilenden Kellner kaum alle Wünſche befriedigen konn⸗ ten. So grenzt hier der ſtille Waldesfriede an das Ge⸗ räuſch der bunten Menſchenwelt.
Eh' wir uns ein behagliches Plätzchen ſuchten, um uns an einem friſchen Trunke zu laben, den die Reinhards⸗ brunner Brauerei in vorzüglicher Güte ſpendet, zog ich meinen Freund zur Chauſſee hinab, wo ſie aus dem Walde zwiſchen zwei Teichen zum Gaſthofe einlenkt. Dort hatte er noch nicht geſtanden und ein freudiges Ach! entflog ſeinen Lippen. Zwiſchen des Waldes dunklem Rahmen lugte das alterthümliche Schloß, welches der letztverſtor⸗
bene Herzog von Sachſen⸗Coburg⸗Gotha zum Theil auf
den Mauern der alten Abtei(1827—1845) erbaute, mit ſeinen Giebeln und Thürmen über die von Schwänen durchfurchten Teiche in überraſchender Schönheit uns ent⸗ gegen: ein Bild, das die reichſte Phantaſie nicht roman⸗ tiſcher hinzaubern könnte!
Nach kurzer Raſt— denn es litt uns nicht lange in dem wogenden Getümmel des zuſtrömenden Volkes— griffen wir wieder zu unſerm Wanderſtabe, um die tau⸗ ſendfachen Reize des herrlichen Naturparkes, der an Groß⸗ artigkeit und Lieblichkeit kaum ſeines Gleichen hat, mit offenen Augen und mit offener Seele zu bewundern.
Ein ſtattlicher Herr, der eine elegante Dame führte, ging vor uns her. Wir hörten, wie die Dame mit flöten⸗ der Stimme zu wiederholten Malen ausrief:„O mein Jott, ich kann dich nicht ſagen, wie mich's ums Herze iſt: das ſchöne Reinhardsbrunn, das wundervolle Reinhards⸗ brunn, das liebe Reinhardsbrunn! Wenn ich an die Haſenhaide denke,— o mein Jott!“
Gönnenwir ihnen den Genuß— und heißen wir auch ſie immerhin als liebe Gäſte willkommen! Dürfen wir uns
wundern, wenn unſer Waldgebirge mit ſeinen ſtillen Reizen
auf die Bewohner der nördlichen Flachländer eine faſt unwiderſtehliche Anziehungskraft ausübt? dürfen wir uns
wundern, wenn vorzugsweiſe Reinhardsbrunn, die köſt⸗ lichſte Perle des Thüringer Waldes, immer neue Schaaren in ſeinem trauten Schoße ſammelt? Natur und Kunſt umwinden hier den ſinnigen Wanderer mit ihren duftigſten Kränzen, und unter den Blumen der Gegenwart murmeln die geheimnißvollen Quellen alter Sagen und Geſchichten.
Da rauſchte wieder ein ſtolzes Paar an uns vorüber.
„Ich weiß aber doch nicht,“— ſagte ein ältlicher Herr, indem er die Elfenbeinkrücke ſeines Spazierſtockes an die lange Naſenſpitze hielt,—„ob nicht Schwarzburg mit dem Schwarzathale noch reizender iſt, als Reinhards⸗ brunn!“—„Oder Bad Liebenſtein,“ ſprach eine andere Stimme dazwiſchen, mit dem wundervollen Altenſtein und dem wildromantiſchen Druſenthal!“
„Da hörſt Du nun,“— ſpöttelte Karl wieder,— „wie ſie Alles durch einander werfen!“
Es iſt der alte Streit, lieber Freund! ob Schiller größer ſei, oder Göthe. Dankt dem lieben Gott, hat Letz— terer geſagt, daß ihr uns Beide habt! Allerdings ſind Altenſtein, Reinhardsbrunn und Schwarzburg die Edel⸗ ſteine in der Krone des Thüringer Waldes. Jeder aber hat ſeinen eigenthümlichen Glanz, jeder iſt gleich pracht⸗ voll gefaßt und geſchliffen.
„Und dazwiſchen,“ verſetzte Karl,„prangen ſo viele andere koſtbare Perlen, zuweilen tief in den geheimniß⸗ vollen Gängen des Gebirges verſteckt, ich erinnere nur an den Dietharzer und an den Oberſchönauer Grund, daß man kaum weiß, wohin man Fuß und Auge wenden ſoll.“
„Jetzt ſollſt Du das Auge emporheben“— erwiederte ich lächelnd—„und die Pracht bewundern, die ſich wie ein Ferngebilde vor uns ausbreitet.“
Wir ſtanden unfern des Schloſſes, das mit ſeiner ſtattlichen Säulenhalle und mit den rieſigen Schlingge⸗ wächſen, die das Gemäuer umranken, einen prachtvollen Anblick gewährt, da wo ein ſpiegelheller See den Ueber⸗ fluß ſeines Gewäſſers unter einer kleinen Brücke hinweg der alten, von Bäumen umſchatteten und von Blumen umdufteten Kloſtermühle zuführt. Auf den gekräuſelten Wogen des ſtillen Teiches ſchaukelt ſich eine bewimpelte Gondel und die Blumen und Sträucher der nahen Boskets und die ſchimmernde Facade des herrlichen Schloſſes malen ſich in ſeinem klaren Spiegel. Jenſeits brauſtein ſchäumen⸗ der Forellenbach unter überhängenden Trauereſchen herab. Rings aber iſt der üppige Wieſengrund von einem maleri⸗ ſchen Waldſaum eingerahmt und von ſauberen Promena⸗ denwegen durchſchlängelt, und die künſtlich angepflanzten Büſche und Bäumeſind ſo geſchmackvoll geordnet, daß ſie das reizende Landſchaftsbild mit Licht und Schatten coloriren. Eine Fülle der ſchönſten und ſeltenſten Blumen nickt und duftet auf allen Seiten und im Hintergrunde ragen dunkle Berge(namentlich der ſteile Abtsberg) empor, die, auf den anmuthigſten Pfaden zugänglich, in den großartigen Naturpark eingerahmt ſind, der ſich von Reinhardsbrunn bis zum Inſelsberg hinzieht und eine überaus reiche Ab⸗ wechſelung der herrlichſten Gebirgsſcenen bietet.
Freund Karl hatte ſeinen Zeichenſtift zur Hand ge⸗ nommen und entwarf eine flüchtige Skizze des reizenden Bildes, die er daheim weiter ausführen wollte. Er meinte, daß gerade von dieſer Seite das Reinhardsbrun⸗ ner Thal ſeine charakteriſtiſchen Eigenthümlichkeiten am ſichtbarſten entfalte und doch, ſo viel er wiſſe, noch nicht gezeichnet ſei.
Als er die Arbeit beendigt hatte, traten wir durch eine
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