Jahrgang 
1857
Seite
223
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oſt und nordfrieſiſchen Blutes in unſern letzten Kämpfen Wunder gethan hat.

Nach dieſem gegenſeitigen Austauſch ihrer Gefühle und Gedanken begann ein ruhigeres Geſpräch zwiſchen den beiden Männern, das ſich größtentheils auf die Vergan⸗ genheit des Mannes richtete, dem noch immer das Volk der Hauptſtadt zujauchzte, deſſen Glücke und zukünftiger Größe an dieſem Tage zahlloſe Gläſer geleert wurden.

Niß Jpſen, oder wie er ſchon ſeit drei Jahren hieß, Capitain⸗Lieutenant der Generalſtaaten, befriedigte gern die Neugierde ſeines Gaſtfreundes, indem er dieſem kurz aber lebendig ſein erſtmaliges Zuſammentreffen mit afri⸗ kaniſchen Seeräubern und deren Beſiegung ſchilderte. Die Erlebniſſe des ſeltenen Mannes waren ſo fabelhaft, daß Vermeeren mehr als einmal vor Erſtaunen die Hände zuſammenſchlug, aufſprang und mit ungewohnter Heftig⸗ keit im Zimmer auf⸗ und niederging. Dennoch ſprach Ipſen nur die Wahrheit. Die Seefahrer damaliger Zeit hatten die unglaublichſten Abenteuer zu beſtehen, die nur

darum ſo wenig allgemein bekannt geworden ſind, weil

in der Regel Niemand zugegen war, der ſie hätte auf⸗ zeichnen können. Den Seemännern ſelbſt fehlte es dazu an Zeit, und Viele beſaßen wohl auch nicht Kenntniſſe genug oder waren der Sprache und Feder zu wenig mäch⸗ tig, um ihre wunderbaren Erlebniſſe in ein Geſammtbild zuſammen zu faſſen. Auch dachten die Meiſten an bereits Vergangenes nicht weiter, wenn es nicht in Zuſammen⸗ hang ſtand mit der lebendigen Gegenwart.

Vermeeren erfuhr durch dieſe Erzählungen, wie ſchnell Ipſen die Aufmerkſamkeit ſeiner Vorgeſetzten auf ſich gezogen hatte. Er ſtieg von Stufe zu Stufe, erhielt bald das Commando eines eigenen Kutters, mit deſſen Beman⸗ nung er die ganze Flotille einer verwegenen Seeräuber⸗ bande ſchlug und zum Theil zerſtörte. Am meiſten Ruhm und Ehre aber brachte ihm ſein kühner Kampf mit den Piraten an der Küſte Marocco's, in welchem er den feind⸗ lichen Anführer in ritterlichem Zweikampfe erſchlug, wo⸗ bei er ſelbſt zwei Wunden davontrug. Dieſe Heldenthat hatte Ipſen vor ungefähr drei Jahren vollbracht. Als die Kunde davon nach Holland drang, ſang das Volk Loblieder auf den frieſiſchen Helden, man entwarf, frei⸗ lich nur auf gut Glück, ein Bild von dem gewaltigen See⸗ manne, und brachte dies, zugleich mit einer wunderbar ausgeſchmückten Beſchreibung all⸗ ſeiner Heldenthaten, als fliegendes Blatt auf den Markt. So zerſtreute es ſich in die nächſten Seeſtädte, kam von dieſen in die benachbarten Länder und ward von fremden Schiffern, welche hollän⸗ diſche Häfen beſuchten, bis in die entlegenſten Nieder⸗ laſſungen am Nordpole verbreitet.

Das letzte große Seegefecht, welches Ipſen mit einer Flottenabtheilung der Generalſtaaten im indiſchen Ocean ſiegreich beſtand, veranlaßte die holländiſche Regierung, dem Manne, welcher ſo Verdienſtvolles gethan, und da⸗ für ſich den Dank der ganzen Nation erworben hatte, eine Auszeichnung ſeltenſter Art zu Theil werden zu laſſen. Ein Flottenwechſel war unter allen Umſtänden gerecht⸗ fertigt. Niß Ipſen, bereits ſeit Jahr und Tag zum Capi⸗ tain⸗Lieutenant einer Fregatte ernannt und ſeitdem Com⸗ mandeur einer Kriegsflotille, ward zurückberufen. Gern folgte der ruhmgekroͤnte Mann dieſem Befehle, denn auch ihn zog das Herz nach den alten, heimathlichen Küſten, die er ſeit über acht Jahren nicht mehr geſehen hatte. Leb⸗ ten ihm doch im fernen, nebelbedeckten Norden noch einige Menſchen, an denen er Theil nahm, deren er oft geden⸗

ken mußte, und dieſe Rückblicke entſtellten nicht ſelten den hellen Strahlenglanz der Ruhmesſonne, die über ſeinem Haupte ſo verheißungsvoll aufgegangen war, durch häß⸗ liche dunkle Flecke.

Vermeeren hörte den Erzählungen ſeines Gaſtes mit großer Aufmerkſamkeit zu. Einige Male, wo der frühere Knecht ſeine gefahrvollen Kämpfe, in denen ſein Leben auf der Spitze ſtand, mit lebendigen Farben malte, ward dem friedliebenden Handelsherrn ſchwül, was er durch unruhiges Hin- und Herrücken auf ſeinem Seſſel zu er kennen gab. Am Schluſſe ſeiner Mittheilungen nahmen die belebten Geſichtszüge des Capitain⸗Lieutenants einen etwas verdüſterten Ausdruck an, und die ſanfter klingende Stimme des heldenmüthigen Mannes verrieth, daß er Gedanken trüber oder doch wehmüthiger Art nachhing.

Ich kann Sie nur bewundern, ſagte Vermeeren nach einer Pauſe, während welcher er das eben Vernom⸗ mene in ſich verarbeitete,und wenn auch von Ihrem wohl⸗ verdienten Ruhme für mich nichts abfällt, daß ich dennoch ſtolz auf Sie bin und an Ihrem Glanze mich mit erfreue und labe, können die Generalſtaaten mir nicht wehren. Mittelbar iſt ein Theil Ihres Ruhmes mein Eigenthum; denn hätte ich Sie nicht gehäuert damals, als Sie in Gefahr waren, den Seelenverkäufern in die Hände zu fallen, ſo beſäße mein Vaterland einen tapfern Degen und berühmten Seehelden weniger.

Und mich freut es, daß Sie zu dieſer Erkenntniß kommen, ſagte Ipſen.Der Eine nennt es Schickſal, der Andere Zufall, wir wollen einſtweilen an der Mei⸗ nung feſthalten, es ſei die unerforſchlich weiſe Vorſehung geweſen, die mich ſo wunderbar geführt, und aus der tief⸗ ſten Erniedrigung, den tiefſten Bedrängniſſen, in die ein Menſch gerathen kann, zu ſo unverhofftem Glück empor⸗ gehoben habe. Nur, daß ich dies irdiſche Glück mit Nie⸗ mand theilen ſoll, das drückt mich.

Das iſt Thorheit, mein Freund, fiel Vermeeren leb⸗ haft ein,das ſind Grillen, die Sie verſcheuchen müſſen. Ein Mann, wie Sie! Mein Gott, wäre ich jetzt an Ihrer Stelle, ſo ruhmgekrönt, ſo von allem Volke geehrt und bewundert, ich dächte ohne langes Beſinnen an eine glänzende Partie, und das ſchönſte und reichſte Mädchen in Holland wäre mir nicht zu gut, ich fragte getroſt an. Sehen Sie, Herr Capitain-Lieutenant, hätte ich eine Tochter von ſiebenzehn, achtzehn Jahren, Präſentirteller böte ich ſie Ihnen an zum Ehegeſpons, aber ich habe keine, das iſt der Fehler. Meinen verzogenen Schlingel, Adam, der ein ganz guter Junge wäre, wenn er nicht ſo unverſchämt viel Geld unter die Leute brächte, können Sie leider nicht heirathen. Aber ich rathe ſehr, lieber Freund, ſehen Sie ſich um unter den Töchtern des Landes. Gerade jetzt iſt die beſte Zeit dazu für Sie ge⸗ kommen. Sie ſind begehrt, alſo dürfen Sie auch viel ver⸗ langen. Später kann ſich das wieder ändern. Und beim Heirathen, mein werther Herr Capitain⸗Lieutenant, beim Heirathen muß man alle fünf Sinne beiſammen haben, oder es trägt ſich zu, daß man dummes Zeug macht.

Sie meinen es gut, Herr Vermeeren, erwiederte Ipſen, und ich danke Ihnen dafür, dennoch fürchte ich,

Ihre ſehr beherzigenswerthen Rathſchläge werden diesmal

wohl ungehört an mir vorüber gehen müſſen. Warum? Einen guten Rath darf auch der Klügſte, der Größte und Mächtigſte nicht verachten. Das thu' ich gewiß nicht. Dann müſſen Sie auch einſehen, daß ich Recht habe.

auf ſilbernem