Schwingen ihrer bebänderten Hüte Lebehochrufe erſchallen ließen. Die ganze Stadt hatte ein feſtliches Anſehen; denn nicht blos waren die Schiffe im Hafen mit den Flaggen aller Nationen gleichſam bedeckt, auch von den Giebeln und Zinnen der Häuſer grüßten dieſe Zeichen glücklichen Frohſinns und volksthümlichen Jubels weit hinein in's Land. Am ſtattlichſten nahm ſich unter den geſchmückten Häuſern das impoſante Stadthaus mit ſeinem Thurm aus, deſſen berühmtes Glockenſpiel fortwährend in feſtlichen Tönen erklang, und unter den Schiffen ragte wieder vor allen durch die Pracht der Flaggen eine Kriegs⸗ fregatte hervor, über deren Spiegel die große Flagge der Generalſtaaten weithin ſichtbar, ſtolz und triumphirend im Winde flatterte.
Dieſem Volksjubel ſah aus einem der anſehnlichſten Häuſer auf der Herren⸗Gracht, von ſchwer ſeidenen Gar⸗ dinen halb verdeckt, ſo daß ſeine Geſtalt Niemand von der Straße aus bemerken konnte, ein kräftiger Mann von feſter ſoldatiſcher Haltung zufrieden lächelnd zu. Er trug die Uniform eines Seeofficiers von der Flotte der Generalſtaaten. Sein von Sonne, Wind und Wetter gebräuntes Geſicht erhielt noch mehr Ausdruck durch ein paar Schmarren, die es indeß nicht verunſtalteten, ſon⸗ dern eher zierten. Das hellblaue Auge des Mannes ſah gutmüthig hinunter auf die lärmende Menge, und ſo oft das Hurrah eines vorüberziehenden Matroſenhaufens zu ihm heraufdrang, ſpielte ein glückliches Lächeln um ſeinen Mund.
Jetzt trat mit kleinen eilenden Schritten ein wohlbe leibter Herr in's Zimmer, nach der Sitte damaliger Zeit prunkvoll in Sammet gekleidet, ging mit vergnügtem Lächeln auf den Seemann zu und ergriff mit beiden Hän⸗ den deſſen Rechte, ſie wiederholt drückend und ſchüttelnd.
„Tauſend Dank, Herr Capitain⸗Lieutenant, für die Ehre, welche Sie meinem Hauſe widerfahren laſſen,“
redete der geſchmückte kleine Herr den Fremden an.„Hätte ich Ihre Ankunft vorhergewußt, hätte ich ahnen können, daß Sie mir die Ehre Ihrer Gegenwart ſchenken würden, mein ganzes Haus hätte neu gemalt werden ſollen.“ 4
„Schon gut, mein verehrter Freund,“ erwiederte der Capitain⸗Lieutenant,„aber mich dünkt, wir wechſeln die Rollen, Herr Vermeeren. Ohne Sie, ohne Ihr väter liches Zureden, was würde aus mir geworden ſein, als ich vor acht Jahren fremd, ohne Mittel, ein Landflüch⸗ tiger in dieſe Stadt kam? Sie, mein trefflicher, väter⸗ licher Freund, waren mir Helfer und Retter. Ihnen allein habe ich es zu danken, daß ich nicht elend unterging, oder vielleicht gar dem Verbrechen zum Opfer fiel. Sie zeigten mir die Bahn, die ich wandeln ſollte, und darum ſind Sie auch der Erſte, dem ich mich vorſtelle. Nächſt dem Glück, das mir wohl wollte, und dem Bischen Muth, der mir in Nerven und Adern ſteckt, haben doch Sie allein den größten Antheil an meinen jetzigen, ich möchte faſt ſagen, unverdienten Ehren.“
„Schweigen Sie von meinen angeblichen Verdienſten, Herr Capitain⸗Lieutenant,“ verſetzte abwehrend der reiche Rheder und Großhändler, Herr Vermeeren.„Als ich mich damals Ihrer und Ihres Gefährten annahm, that ich's aus purem Egoismus, ja— ich ſchäme mich nicht, es Ihnen jetzt offen zu bekennen— aus arger Verlegen⸗ heit. Mein Schiff war befrachtet, es mußte in See gehen, ſollte ich nicht in große Verluſte gerathen. Hände waren damals theuer und ſelbſt für gutes Geld nicht immer zu haben. Die Regierung nahm die tüchtigſten jungen
Mannſchaften für ſich, und preßte oft auch Widerwillige zum Schiffsdienſt, wenn dieſe ihr nur tauglich ſchienen durch Körperkraft und Jugend. Die vielen Seegefechte im indiſchen Meere, der Krieg mit den wilden Eingebo⸗ renen unſerer indiſchen Beſitzungen erforderte die ſtärkſte Anſtrengung, um die Flotte hinreichend zu bemannen. Wie ich Sie und Ihren Gefährten nun ſo ſorglos daſitzen ſah, mußte ich mir ſogleich ſagen: das junge kräftige Frieſenblut fängt die Regierung ein für ein paar Gold⸗ gülden, und ſchickt es erbarmungslos auf ihre Schiffe. Sei alſo geſcheidt, Vermeeren! Bedenke, daß Jeder ſich ſelbſt der Nächſte iſt und daß derjenige Bürger dem Staate die beſten Dienſte leiſtet, der es ſich angelegen ſein läßt, ſein eigen Hab' und Gut zu mehren, um gelegentlich oder im Augenblicke der Noth dem bedrängten Staatsweſen mit kräftiger Hand unter die Arme greifen zu können. Kann Deine Fregatte nicht unter Segel gehen, ſo verlierſt Du ſo und ſo viel tauſend Gulden, ſie kann aber die Anker lichten, wenn Du Dich der beiden Burſchen verſicherſt, die ſo große Luſt zu haben ſcheinen, Abenteuer zu erleben! So, verehrter Herr Capitain-Lieutenant, ſprach ich zu mir, und nur damit mein Handel nicht in's Stocken gerathe, darum warb ich Sie mit ſammt ihrem wackern Kameraden damals an.“
„Wie dem immer ſein mag, verehrter Freund,“ ſagte der Seemann,„ich habe ein Recht und die Verpflichtung, Sie meinen Wohlthäter zu nennen. Jedenfalls hatten Sie nichts Böſes im Sinne, als Sie mich häuerten. Uebrigens,“ ſetzte er heiter hinzu,„war meine Dankbar⸗ keit nicht größer, als Ihre Humanität, denn Sie werden ſich wohl erinnern—“
„Nichts, gar nichts erinnere ich mich, Herr Capitain⸗ Lieutenant,“ fiel ihm der Rheder in's Wort.„Sie hatten in Allem Recht, und folgten immer Ihrem Stern. Das kann und ſoll man Niemand verübeln, denn, wie ich ſage: Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte, und ohne die Cultivirung dieſes zweckmäßigen Egoismus, den uns die Natur ein⸗ geimpft hat, gingen ſämmtliche Staaten zu Grunde. Oder
meinen Sie etwa, Sie hätten klüger gehandelt, auf mei⸗
nem Handelsſchiffe noch zwei Jahre die Segel ſtellen zu helfen, wenn Sie am Bord eines Kriegskutters ſchon bei der erſten Affaire ſich zum Hochbootsmann emporzuſchwin⸗ gen vermochten?“
„Nun, das wohl gerade nicht, Herr Vermeeren,“ ver⸗ ſetzte der Capitain⸗Lieutenant,„ich will mit dieſer Hin⸗ deutung auf meine Vergangenheit nur bemerken, daß mein eigener Egoismus dem Ihrigen vollkommen ebenbürtig war.“
Herzlich drückten ſich jetzt beide Männer die Hände, worauf der ſchon alternde Handelsherr den in beſter Manneskraft ſtolz aufgerichteten Seehelden näher zum Fenſter zog und ihn hier ſcherzend in einen prächtig gepol⸗ ſterten Lehnſtuhl niederdrückte, deſſen kunſtvolles Schnitz⸗ werk reich vergoldet war.
„Da ſehen Sie'mal, was Sie angerichtet haben,“ ſprach er, hinunter auf das Gewühl der Straße deutend. „All dieſer Spektakel gilt Ihnen, Herr Ipſen— Herr Capitain⸗Lieutenant, Ihnen und Ihren Heldenthaten allein!“
„Vergeſſen Sie meine braven Soldaten und meine treuen Matroſen nicht!“
„Sie machten Alle nur ihrer Abſtammung Ehre.“
„Gewiß, Herr Vermeeren, und darum bin ich doppelt ſtolz auf ſie. Ja, ich läugne nicht, daß die vereinte Kraft


