Jahrgang 
1857
Seite
224
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Sie würden unbedingt Recht haben, wäre ich nicht längſt ſchon verſprochen.

Wirklich? Und mit wem, wenn ich fragen darf. Doch nicht mit einer malayiſchen Prinzeſſin?

Ein melancholiſches Lächeln glitt über das ausdrucks⸗ volle Geſicht des Seehelden.

Ich bin zu niedrig geboren, ſagte er,um meine Blicke ſo hoch erheben zu können. In eines Käthners Hütte erblickte ich das Licht der Welt, verwaiſ'te frühzei⸗ tig, kam noch, ehe ich denken konnte, unter fremde Leute, und meine erſte Beſchäftigung, die mir noch erinnerlich iſt, war, daß ich das Vieh auf der Weide in einem der Karge beaufſichtigte. Weil ich etwas Geſchick zeigte und muntern Geiſtes war, hatten mich die Hofbeſitzer gern. Mit Pferden wußte ich gut umzugehen; darum fand ich ſpäter ein Unterkommen als Ackerknecht. Nach zweimali⸗ gem Dienſtwechſel kam ich nach Bombüll⸗-Hof. Dort lernte ich ein braves Mädchen kennen und verlobte mich mit ihr

Die Tochter des Hofbeſitzers eine reiche Erbin?

Nein, Herr Vermeeren, nur ſeine Dienſtmagd.

Der reiche Kaufherr fuhr von ſeinem Sitze auf, als wäre ihm ein Schuß durch die Bruſt gegangen; dann aber brach er in lautes Lachen aus.

Dacht ich mir's doch, rief er,daß Sie das Scher⸗ zen auf altfrieſiſche Art nicht laſſen könnten! Trefflich, ganz vortrefflich! Capitain⸗Lieutenant der Generalſtaa ten, Sieger in ſo und ſo vielen Seeſchlachten, Bräutigam einer. Dienſtmagd! O, es iſt himmliſch⸗originell! Ihr Schatz lebt doch noch?

Als Vermeeren bei dieſer letzten Frage ſeinen Blick dem Seemanne wieder zuwandte, verſtummte er und er⸗ ſchrak, als habe er ein Geſpenſt oder ſich ſelbſt als Doppel⸗ gänger geſehen. Ipſen blitzte ihn aus ſeinen ſcharfen blauen Augen ſo ingrimmig an, daß er ſich ganz unwohl fühlte.

Ich ſcherze nicht mit ſo heiligen Dingen, Herr Ver⸗ meeren, ſagte Ipſen, ſeinen Unwillen bekämpfend.Marg⸗ reth' liebte mich, ſie war eine treue, edle, großſinnige Natur. Aus Liebe zu ihr ward ich ein Todtſchläger an dem, der mir ſie rauben wollte, und um nicht in die Hände er⸗ barmungsloſer Feinde zu fallen, flüchtete ich. Was mir weiter zuſtieß, iſt nicht wichtig. Ich kam nach Amſter⸗ dam das Andere wiſſen Sie. Erlebt, erfahren, ge⸗

ſehen habe ich viel ſeitdem, Herr Vermeeren, ein Mädchen

aber, wie meine Braut auf Bombüll⸗Hof, iſt mir auf all' meinen Irrfahrten nicht wieder begegnet.

Dem gutmüthigen Handelsherrn that es leid, daß ein

unvorſichtiges Wort den Mann, richtig bewunderte, verletzt hatte. Um ihn zu beruhigen und zugleich ihm zu beweiſen, daß nur das aufrichtigſte Wohlwollen gegen ihn ſein Herz erfülle, ſagte er jetzt:

Verzeihung, mein Herr Capitain⸗Lieutenant! Der

deſſen Thaten er auf⸗

Menſch kann ſich irren ich wußte nicht ich konnte 9 9

nicht ahnen

Schon gut, Herr Vermeeren, es bedarf keiner Ent⸗ ſchuldigung. Jeder ſieht die Welt mit ſeinen Augen an. Bin ich auch ein Mann von Rang geworden, mein Herz iſt geblieben, was es war, als ich noch den Pflug führte und ſchweren Kleiboden umbrach. Und darin, will's Gott, ſoll auch die Zukunft, mag ſie mir ſonſt bringen, was der Himmel mir beſtimmt hat, keine Aenderung machen.

Ipſen blickte düſter vor ſich nieder, Vermeeren aber berührte ſeine Schulter und ſagte ermuthigend:

Wenn ich Ihnen dienen kann, Herr Capitain⸗Lieute⸗ nant, ſo bitte ich, nach Belieben über mich zu verfügen. Haben Sie nie wieder von dem Mädchen, das Sie lieben und dem Sie in ſo eigenthümlicher Weiſe die Aenderung Ihres Lebenslaufes verdanken, etwas gehört?

Dies war unmöglich, verſetzte niedergeſchlagen der Seemann,denn nie kamen frieſiſche Schiffer in die Ge⸗ wäſſer, wo ich ſeitdem lebte.

Freilich es iſt lange her

Und denn das wollen Sie ja doch ſagen, Herr Vermeeren Mädchen ſind ſchwach und wankelmüthig. Nun, übel nehmen kann ich Ihnen das nicht.

Der Kaufmann machte ein ſehr bedenkliches Geſicht und zuckte die Achſeln.

Acht Jahre wartet ſo leicht kein Mädchen, das ihr Bräutigam verläßt.

Gezwungen verläßt, Herr Vermeeren!

Sehr wohl aber

Was?

Sie hörte nichts mehr von Ihnen, ſie wird Sie für todt gehalten haben.

Ipſens Züge wurden immer trauriger. Vermeeren ging ein paarmal durch's Zimmer, einige Fäſerchen von dem prächtigen Teppich aufſammelnd, welcher den Fuß⸗ boden bedeckte. Dann trat er abermals zu ſeinem Gaſte und ſagte:

Man könnte ja Erkundigungen einziehen laſſen.

Bombüll-Hof brannte nieder in der Nacht, wo ich flüchtete, ſprach der Capitain⸗Lieutenant, mehr zu ſich als zu Vermeeren, und indem er der Schreckensnacht jener gewagten Flucht gedachte, ſah er ſich im Geiſt wieder auf dem grau ſchimmernden Watt, umrauſcht von der rück⸗ kehrenden Fluth und umdunſtet von den trügeriſchen Meernebeln.

Es wird längſt wieder aufgebaut ſein, meinte der Kaufherr.Soll ich dort anfragen laſſen?

Ipſen ſtand auf und trat an's Fenſter, ohne dem Gaſtfreunde zu antworten. Ein Zug Matroſen verſchie⸗

dener Nationen wankte unſicher die Straße entlang. Einige

derſelben ſangen mit heiſerer, ſehr lauter Stimme ein Lied, deſſen Melodie ihm bekannt vorkam. Er ſtieß das Fenſter auf und lauſchte. Frieſiſche Töne berührten ſchmeichelnd ſein Ohr, und als hätte ein hilfreicher Genius

ihm den Namen zugeflüſtert, der plötzlich auf ſeine Lippe

trat, rief er, froher Hoffnung ſich hingebend: Wo mag er jetzt weilen!

Iſt das ein alter Bekannter? willige Vermeeren.

Ein Freund, mein Herr, und auch ein Bekannter von Ihnen.

Was Sie ſagen!

Gewiß und wahrhaftig! Cruppius hieß mein Be⸗ gleiter, den Sie mit mir zugleich für Ihr nach Batavia beſtimmtes Schiff anwarben.

Und er konnte ſich von Ihnen trennen?

Unbeſtändig, wie das Meer, war unſer Beider Leben, ſagte Ipſen.Mich feſſelte Indien, ſeine Wun⸗ der, ſeine Beherſcher, meinem Freund behagten weder die Menſchen noch die Natur. Ein kurzes Sclavenleben, das er gleich vielen andern frieſiſchen Seefahrern an den Küſten Marocco's zu führen genöthigt ward, bis er durch Liſt ſeinen Peinigern entfloh, hatte ihm die ſüdliche Erd⸗ hälfte verleidet. Er kehrte zurück, gerade als ich mein erſtes Seegefecht ruhmvoll beſtanden, und was er ſeitdem

Cruppius!

fragte der dienſt⸗