Jahrgang 
1857
Seite
219
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zu nehmen ſuchte. Seinem Wunſche gab ſie ihren Dank, ſeinem Zweifel ihren Widerſpruch, ſeinem Mistrauen zu ſich die Bitte um Vertrauen zu ihr.

Viele Tage war Gräſin Hedwig vor und in dem Kur⸗ ſaale mit dem Grafen allein erſchienen, als am warmen Abende eines der heißen Tage, welche der Sommer 1856 Wochen hindurch in Baden hatte, ein Dritter mit Beiden kam. Obwohl ſein Alter ihn näher zu Hedwig herab als hinauf zum Grafen ſtellte, hielt er ſich doch neben dieſen und redete nur mit ihm, während der etlichen Male, welche ſie den offenen Raum vor der Säulenhalle derMaison de Gonversation entlang wandelten. Der Graf ſah weniger aſchfarben aus, ging weniger gebückt, trat feſter auf und ſprach mit größerer Lebendigkeit.Ja, ja, lieber Curt, ſagte er zu ſeinem Begleiter,ich höre es gern, ſtrebe auch darnach es zu glauben, daß Du mich wohler wiederfindeſt, als Du mich verließeſt. Doch mache ich mir keine Täuſchung. Ein geknicktes Reis kann eine Zeitlang grün bleiben; grüner, friſcher wird es nicht. Nach und nach verdorrt es, bis es ganz dürr und todt iſt.

Aber wirklich, guter Onkel, warf der junge Mann ein, welchen Jener Curt genannt....

Aber wirklich, lieber Neffe, unterbrach der Graf lä⸗ chelnd,alle Deine liebenswürdigen und gewiß ehrlichen Verſicherungen hindern nicht daß ich müde bin, müde von dem kurzen Wege aus unſerer Wohnung hierher, und von den fünf oder ſechs Malen wenn es ſo viele ſind die wir auf⸗ und abgegangen.

Nur vergeſſen Sie, guter Onkel, begann wieder der junge Mann aufs Neue....

Nicht, unterbrach wieder der Graf,daß Dein frühe⸗ res Kommen mir eine herzliche Ueberraſchung geweſen iſt, die auf das erlöſchende Lämpchen ein paar Tropfen Oel ge⸗ träufelt hat, daß es hell aufflackert, als habe es Luſt und fühle die Kraft, ein ewiges Lämpchen zu werden. Leider kann ich darüber nicht vergeſſen, daß ich ſehr müde bin, aus dem Gewühle hier dort unter dem Orangenbaume ſitzen möchte, wenn Du uns Stühle beſorgen willſt. Die Saal⸗ diener haben deren ſtets in Vorrath. Sprich einen darum an, Du erkennſt ſie an der weißen Cravatte, und verheiß den königlichen Lohn von achtzehn Kreuzern. Er darf nicht zweifeln, daß Du ſie ihm geben kannſt und wirſt. Zu Dei⸗ nem Lohne ſollſt Du bei uns ſitzen.

Der junge Mann eilte fort und kehrte bald mit einem Saaldiener zurück, welcher vier Stühle trug und ſie unter den bezeichneten, aus vielen weißen Blüthen ſüßduftenden Baum ſtellte, und für das empfangene Geldſtück tiefer dankte, als er für achtzehn Kreuzer gethan haben würde..

Nachdem die Drei ſich geſetzt hatten, der Graf zwiſchen ſeine Gemahlin und Curt, nahm Jener wieder das Wort. So könnte man meinen, ſagte er, in langem Zuge den würzigen Duft einathmend,man ſitze in Italien, unter Orangen und blauem Himmel. Doch iſt's hier ſchöner als dort.

Hier ſchöner als dort? wiederholte Hedwig mit einem Tone halb des Erſtaunens, halb des Unglaubens.

Du warſt nie in Italien, meine gute Hedwig, antwor⸗ tete der Graf.Dich umſäuſelt das Lied von dem Lande, wo die Citronen blühen. Aber Lied und Wirklichkeit weichen oft weit von einander ab, wie Wahrheit und Dichtung. Curt war ſpäter dort als ich. Unſere Flitterwochen waren ſeine italieniſchen Monde. Und wo behagt es Dir beſſer, lieber Curt, hier am Fuße des Swarzwaldes, oder jenſeits der Alpen?

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Das müßten Sie fragen, guter Onkel, lächelte der junge Mann,wenn wir nicht hier beiſammen ſäßen. Drü⸗ ben jenſeits der Alpen war ich meiſt allein.

Und es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei, ſagte der Graf, ein wenig lächelnd.Alſo werde ich meine Frage wiederholen, wenn wir drüben jenſeits der Alpen beiſammen ſitzen, Hedwig, Du und ich.

Da Sie es aber hier ſchöner finden als dort, entgeg⸗ nete Eurt....

Meinſt Du, fiel der Graf ein,ſei ich ein Thor, nicht hier zu bleiben. Ich thäte es wohl, aber es gibt Aerzte und einen Winter. Außerdem habe ich es Hedwig verſprochen.

Und Deinem Arzte, ſetzte die Gräfin hinzu.

Zwiſchen dem und Dir eine kleine Verſchwörung beſtan⸗ den haben mag, drohte der Graf mit dem Finger.

Zu Gunſten Deiner Geſundheit, lieber Alexander, erklärte Hedwig.

Der Graf reichte ſeiner Gemahlin ſchweigend die Hand und drückte ſichtbar die ihrige, die ſie mit naſſem Auge und einem vollen Blick der Liebe in die ſeinige gelegt.

Und wann, unterbrach der junge Mann zögernd, wann, guter Onkel, gedenken Sie zu reiſen?

Wann? wiederholte der Graf;nun, ich denke, ehe der November unſeren Bäumen die letzten Blätter abſchüt⸗ telt. Bis dahin haſt Du Zeit Dich zu rüſten.

Wäre nicht Scherz, was Sie ſagen, betonte der junge Mann,würde es mir um den Ernſt leid ſein.

Leid? Warum? fragte der Graf verwundert.

Sie kennen den Wunſch meiner Mutter, deutete der Andere an.

Wie ſollte ich nicht! lächelte der Graf.Erinnert doch meine ehrliche Schweſter mich in jedem Briefe daran. Du ſollſt das väterliche Gut übernehmen, ſollſt es bewirth⸗ ſchaften, ein braver Hausvater werden.

Ohne Frau, ſagte Curt leiſe und ſenkte die Augen.

Ohne Frau! rief der Graf;weshalb ohne Frau? Ich will nicht hoffen, Herr Neffe, daß die hieſigen böſen Beiſpiele in Geſtalt dort wandelnder, in der ſchweren Seide wie Waſſerfälle rauſchender Dämchen während der wenigen Stunden Ihres Hierſeins anſteckend auf Sie eingewirkt haben. Nein, nein, lieber Curt, darin hat Deine gute Mutter Recht; heirathen mußt Du, mußt Dich verheirathen; nur braucht es weder heute noch morgen, braucht überhaupt nicht vor unſerer italieniſchen Reiſe zu ſein; du kannſt ſehr wohl bis zu unſerer Rückkehr warten. Oder hätte ich Dich falſch verſtanden? Schlägt Dein Herz und mit ihm ein anderes dem Traugl⸗ tare entgegen? Dann, ſtatt zu hindern, will ich gratuliren.

Ich heirathe nie, verſicherte der junge Mann.

Und ſagſt das ſo entſchieden, lächelte der Graf,wie ein ſechszehnjähriges Mädchen, das nie heirathen will.

Wenigſtens ſobald nicht, beſchränkte der junge Mann.

Daſſelbe ſagt ein ſechszehnjähriges Mädchen, wenn es zwanzig zählt, verſetzte der Graf.

Es wäre, daß ich fände, was ich ſuche, umſchränkte der junge Mann weiter.

Eine Conceſſion, bemerkte der Graf,welche auch das vierundzwanzigjährige Mädchen macht, mit dem ver⸗ ſchwiegenen Vorſatze, nicht allzu wähleriſch zu ſein. Aber Scherz bei Seite, lieber Curt; haſt Du noch nicht gewählt, ſo unterlaß es bis zu unſerer Heimkehr. Alles Uebrige will ich mit Deiner Mutter in Ordnung bringen. Und nun zu Etwas, das mir am und auf dem Herzen liegt. Solange wir Drei hier in Baden⸗Baden beiſammen bleiben, nimm mir Hedwig ab.(Fortſetzung ſolgt.)