Jahrgang 
1857
Seite
218
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Taues von dem einen Schiff zum andern paſſiren laſſen, und beide Schiffe werden dann in entgegengeſetzten Richtun⸗ gen abfahren, das eine nach Irland, das andere nach Neufundland, indem jedes, wie es weiterſegelt, das Tau abwickelt und die ganze Zeit hindurch Signale austauſcht. Dadurch wird die Zeit, welche gewöhnlich zur Durchfahrung der Entfernung zwiſchen den beiden Küſten erforderlich iſt,

um die Hälfte verkürzt, da jedes Schiff zur Vollendung der

ihm übertragenen Aufgabe nur halb ſo viel Seemeilen zurück⸗ zulegen hat. Man hat bereits unterſeeiſche Taue ohne Schwierigkeit gelegt, die ungefähr 500 Seemeilen lang waren; auch hat man ſchon ſchwerere Taue durch beinahe ähnliche Tiefen im mittelländiſchen Meere ſowohl, als zwi⸗ ſchen den Küſten von Neuſchottland und Neufundland ſicher unter Waſſer gebracht. Es iſt daher an dem glücklichen Erfolg des rieſigen Unternehmens kaum zu zweifeln, voraus⸗ geſetzt, daß bei der Ausführung die nöthige Sorgfalt beobachtet wird. Bei günſtigem Wetter kann der Draht auf die oben beſchriebene Weiſe binnen 68 Tagen verſenkt werden. Herr Brett, der den erſten Telegraphendraht zwiſchen Frank⸗ reich und England legte, ſprach in einem im November 1856 zu Liverpool gehaltenen Vortrag die feſte Ueberzeugung aus, daß der für den atlantiſchen Ocean beſtimmte den Erwartun⸗ gen entſprechen werde. Wenn Drähte bisher riſſen, ſo ſei

es die Schuld Derer geweſen, die ſie erzeugten oder mit ihrer

Verſenkung beauftragt waren. So ſei der Draht durch das ſchwarze Meer von Varna nach Balaklava viel zu dünn ge⸗ weſen, und der vom Mittelmeer ſei deshalb geriſſen, weil der franzöſiſche Schiffscapitain, der ihn zu legen hatte, einen falſchen Curs einſchlug und zu weit nach Weſten ſteuerte, wo dann der Draht zu kurz wurde und natürlich riß. Der Draht von Dover nach Calais ſei nie geriſſen, wohl aber von einem Fiſcher, der ihn mit dem Anker zufällig herauf wand, aus Verdruß entzwei gehauen worden.

Noch ehe der atlantiſche Telegraph ausgeführt iſt, denkt man ſchon an ein noch rieſigeres derartiges Unternehmen, nämlich an die Anlegung eines Telegraphen⸗Gürtels um die ganze Erde; ja, es exiſtiren ſchon mehrere Pläne über die Linie, welche dieſer elektriſche Gürtel zu durchziehen hätte. Es iſt begreiflich, daß man heutzutage, nach den Wundern, die wir bereits erlebt, Scheu tragen muß, in dieſem Fache noch etwas für unmöglich zu erklären.

Nach den neueſten Nachrichten hat die im Kriege mit Perſien begriffene engliſche Regierung die Abſicht, den per⸗ ſiſchen Meerbuſen mit dem mittelländiſchen Meere durch einen elektriſchen Telegraphen zu verbinden, und hängt die Entſcheidung jetzt nur noch von der oſtindiſchen Compagnie ab. Durch die Ausführung dieſes Plans würde die erſte telegraphiſche Verbindung zwiſchen Europa und Aſien her⸗ geſtellt ſein.

Baden-Baden, und das Spiel.

Eine Warnung.

Von Dr. Woldemar Seyffarth.

Gräfin Hedwig*) war eine der lieblichſten Erſcheinungen der Saiſon. Schon als eine der lieblichſten konnte ſie nicht eine der ſchönſten ſein. Dazu fehlten ihr der hohe, ſtolze Wuchs denn ſie war mittelgroß und jene ſtrenge Regelmäßigkeit der Züge, welche Jeder bewundert und Keiner liebt. Ihre großen blauen Angen leuchteten hell und freund⸗ lich, wenn nicht ein Anflug von Schwermuth ſie verdüſterte. Dann bleichte das matte, durchſichtige Roth der zarten Wangen, preßten die ſchmalen Lippen des kleinen Mundes ſich zuſammen, drückten die Fingerſpitzen ihrer weißen, run⸗ den Hand feſt und feſter auf die Bruſt, als wollten ſie hier einen Schmerz, die Lippen einen Schrei erdrücken und dem raſcheren Athem, der den Buſen hob, den Ausgang wehren. Doch ſtreifte dies gewöhnlich ſchnell vorüber, glich der leich⸗ ten Wolke, die den Mond verhüllt, und wie der Mond, von der Wolke befreit, in reinem Glanze hervortritt, verdoppelten der beſiegte Schmerz und der verſtummte Schrei die frühere Heiterkeit der Gräfin. Sie richtete ſich auf, die Wangen färbten ſich, die Augen ſtrahlten, ein weiches Lächeln flog um den Mund und zeigte das Elfenbein der Perlenzähne. Die Grazie ihres Ganges, die edle, freie Haltung ihres Kopfes, das Schmiegſame ihrer Bewegungen und der Geſchmack ihrer Kleidung in Stoff und Farbe, reich und einfach, mehr Be⸗ herrſcherin als Sclavin der Mode, und ein Schmelz von Anmuth, der ſie umhauchte, ob ſie ſtand oder ſaß, oder ging, ob ſie ſprach oder ſchwieg, alles dies machte Gräſin Hed⸗ wig nicht zu einer der ſchönſten, aber zu einer der lieblichſten

*) Ich gebe durchgängig Vornamen, ohne deren Echtheit zu ver⸗ bürgen.

und bemerkbarſten Frauen in den weiten Kreiſen der Ba⸗ dewelt.

Viele Tage erſchien Gräfin Hedwig vor und in dem Kurſaale am Arme ihres Gemahls, des Grafen Alexander. Graf Alexander, dreißig Jahre älter als ſie, war in ſeinem zweiundfünfzigſten Sommer ein gebrochener Greis, eine hoch⸗ gewachſene, gebeugte Geſtalt, dünn und hager, mit eingeſun⸗ kenen Augen und ſtaubiger Geſichtsfarbe, gebogener Naſe, blaſſer, herabhängender Lippe, ſpitzem Kinn und gewölbter Stirn, über welcher blond und grau gemiſchtes, vom Hinter⸗ kopfe nach vorn gebürſtetes Haar den adlig geformten Schä⸗ del mühſam bedeckte, der letzte Sproſſe eines würdigen Grafengeſchlechtes, deſſen zitternden Arm Hedwigs ſchmale Hand ſchwebend berührte, wenn er im oder vorm Kurſaale langſam mit ihr auf- und abging. Geſchah es dann, oder indem ſie an ſeiner Seite ſaß, daß ſein Blick auf ihr weilte, während er ihren Worten lauſchte, hätte man glauben kön⸗ nen es ſei die kindliche Tochter, die dem Vater traulich vor⸗ plaudere, und die achtſame, ſobald er ihre Rede erwiderte, er der glückliche Vater, der Freude an ſeiner Tochter finde und durch ſeine Entgegnung ihr Stoff zu neuer Plauderei geben wolle. Sah man aber ſcharf und tief in die einge⸗ ſunkenen Augen des Grafen, gewahrte man ein Gemiſch widerſtreitender Gelüſte, das Gefühl des Bewußtſeins kör⸗ perlicher Ohnmacht und das Gefühl des Beſitzes einer jugend⸗ lichen Gattin, den Wunſch ſie zu beglücken und den Zweifel an der Möglichkeit, Zufriedenheit mit ihr, Unzufriedenheit mit ſich. Auch für Hedwig ſchien Solches der Ausdruck ſeiner Augen, die Sprache ſeines Innern zu ſein, ein Aus⸗ druck, den ſie zu beruhigen, eine Sprache, der ſie alles Herbe