Jahrgang 
1857
Seite
217
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A

links und rechts von der Stadt in ſeiner ganzen Ausdehnung mit einem klaren Einblick in alle Straßen und Gaſſen leicht überſchaut. Der Unterſchied zwiſchen der Alt- und Neuſtadt fällt ſogleich in die Augen; ſüdlich und öſtlich an das alte Schloß haben unſere Vorfahren ihre Häuſer angelehnt und in dichten Reihen mit engen Gäßchen um den Marktplatz gruppirt. Alt ſind die Hirſchgaſſe, Eberhardsſtraße mit ihren Verbindungsgäßchen, die Marktſtraße, Kirch⸗ ſtraße, die Eßlinger⸗ und Leonhardtsvorſtadt; alt ſind die meiſten öffentlichen Gebäude der Stadt, ſowie die wenigen Kirchen derſelben. Neu dagegen iſt der größere, ſüd⸗ weſtliche Theil von Stuttgart. hat man bereits den Anlauf zum Schachbrettartigen genom⸗ men, das bekanntlich in München die allernüchternſte Aus⸗ bildung erlangt hat. Auch in dem modernen Stuttgart durchſchneiden ſich die Straßen meiſt in rechtem Winkel und bilden die Quartiere größtentheils regelmäßige Vierecke. Dabei iſt aber das alte und neue Stuttgart ein ſo ungetrenn⸗

Bei der Anlage deſſelben

tes Ganze, daß das letztere heitrer und behaglich iſt, ohne werden dieſelben bald innerhalb ihrer Peripherie liegen.

langweilig zu ſein, und das erſtere ſeinen halb mittelalter⸗

lichen Charakter beibehält, ohne ihn zum Nachtheile der mo⸗ dernen Intereſſen geltend zu machen. Mit dem Abbruch der alten Stadtmauern, der Thore, ſowie mit Ausfüllung der Gräben, wurde ſchon vor 190 Jahren begonnen. Nament⸗ lich hat aber das äußere Bild der Stadt ſich unter König Wilhelm auf das Viekfachſte verſchönert und befriedigen die neueren und neueſten Bauten nicht nur einen geſunden Geſchmack, ſondern auch die Bedürfniſſe des heutigen Ver⸗ kehrs und die geläuterten Begriffe der Geſundheitspflege. Düſtere Farben ſind von freundlichen verdrängt, Plätze und Straßen erweitert und ſo viel möglich geebnet, und gefälli⸗ gere, ſolidere Bauten, erſt durch Barth, Groß und Theu⸗ ret, jetzt durch Gaab, Breymann, Egle, Lains, Knapp u. ſ. f. greifen immer mehr Platz und neue Stadt⸗ theile ſetzen ſich fortwährend nach allen Seiten hin an die alten an, ſo daß jetzt der Umfang der Stadt weit über zwei Wegſtunden betragen mag. Immer mehr ſtreckt ſie ihre Arme nach den Weilern Berg und Heslach aus, und wenn noch einige Jahre ſo fort gebaut wird wie gegenwärtig, ſo

Der elektriſche Telegraph zmiſchen Eurapa und Amerika.

Von S. Steinhard.

(Schluß.)

In Betreff der Beſchaffenheit des zu dieſem neuen Verkehrsmittel zwiſchen der alten und der neuen Welt zu verwendenden Taues hielten diejenigen Männer der Wiſſen⸗ ſchaft, welche ihre volle Aufmerkſamkeit dem Gegenſtande widmeten, es für wünſchenswerth, daß es die ſpecifiſche Schwere des Waſſers, durch das man es hinablaſſen wird, nicht allzuſehr überſteige. Zu dieſem Zweck hat man ein Tau in Vorſchlag gebracht, das einen zuſammengeſetzten Leiter enthält, der aus ſieben kleinen, in einen Schaft zu⸗ ſammengedrehten und zum Zweck der Iſolirung mit drei über einander liegenden Gutta⸗Percha⸗Bekleidungen bedeck⸗ ten Kupferdrähten beſteht; die Gutta⸗Percha ſelbſt ſoll vor äußerer Beſchädigung geſchützt werden durch eine Um⸗ wickelung betheerten Garns, auf welche eine ſpiralför⸗ mige Decke von Eiſendrahtſchäften gelegt wird. Man zieht den Gebrauch eines Schafts Kupferdrähte als Leiter dem Gebrauche eines ſoliden Drahts deshalb vor, weil, im Fall eines Riſſes in einem Drahte des Schafts an irgend einem Punkte deſſelben, der Draht an ſeinem Platze bleiben und auf keine Weiſe den Durchgang des Stroms mittelſt ſeiner Nebendrähte behindern wird, während es keineswegs wahrſcheinlich iſt, daß mehrere Riſſe in verſchiedenen Drähten neben einander eintreten können. Dagegen könnte, wenn ſtatt deſſen ein ſolider einziger Drahtleiter angewendet würde, ein Riß an irgend einem Punkte leicht zu einer Trennung der Enden des Drahts an der ſchadhaften Stelle führen, und ſo eine gänzliche Verhinderung des telegraphiſchen Verkehrs eintreten.

Man wendet mehrfache Bekleidungen mit Gutta⸗ Percha aus dem Grunde an, weil man dadurch verhindern will, daß ſich irgend ein Fehler in der einen Bekleidung, z. B. eine Luftblaſe, nicht durch die beiden andern fortſetze. Die Maſchinerie, welche ſowohl für die Bekleidung des Drahts, als für die Beſchützung deſſelben durch die äußere Decke des Eiſendrahts in Anwendung kommt, iſt ſehr ſchön. Der mit Gutta⸗Percha bedeckte Draht zieht ſich durch den

Mittelpunkt eines gewaltig großen Rads, an deſſen äußerm

Umfang zwei Reihen von Spulen befeſtigt ſind, welche das

Tau zuerſt mit dem betheerten Garn und dann mit ſeiner

ſpiralförmigen Hülle von Drahtſchäften umwickeln. Nach de⸗r Vollendung des Taues wird daſſelbe in einen großen Waſſer

behälter gelegt, ſeine Iſolirung mittelſt einer Batterie und

eines Galvanometers erprobt und jedem entdeckten Fehler

ſofort abgeholfen.

Das nach obiger Darſtellung eingerichtete Tau, zu deſſen Herſtellung etwa ein halbes Jahr erforderlich ſein dürfte, hat ungefähr einen Dreiviertelszoll im Durchmeſſer und hält mit Leichtigkeit einen Druck von 6 7 Tonnen aus. Dabei iſt es wegen der wechſelnden Meerestiefe ſehr biegſam und zugleich verhältnißmäßig leicht, denn ſein Gewicht in der Luft beträgt ungefähr eine Tonne auf die Seemeile, wel⸗ ches Gewicht ſich dann, wenn das Tau unter Waſſer gebracht wird, bedeutend vermindern dürfte. Es beſteht nämlich dann uatürlich nur in dem Unterſchied zwiſchen der ſpecifiſchen Schwere des Taues und des Waſſers. Es leuchtet alſo ein, daß ſelbſt in der größten Tiefe der Druck auf das Tau höchſt unbedeutend ſein muß.

Es iſt der Vorſchlag gemacht worden, man ſolle der mit Legung des Telegraphendrahts beauftragten Expedition wenigſtens 2500 engliſche Seemeilen Tau mitgeben, damit für unvorhergeſehene Fälle ein Vorrath von etwa 600 Meilen Tau vorhanden ſei. Die ganze Maſſe wird zu gleichen Theilen auf zwei große Dampfſchiffe vertheilt werden, deren jedes ſomit ungefähr 1300 Meilen Tau führt. Dieſe beiden Dampfſchiffe ſollen zuſammen von England abgehen, und wenn ſie von da aus den halben Weg zwiſchen den beiden Küſten, der irländiſchen und der neufundländiſchen, zurück⸗ gelegt haben, wird beim Eintritt ſchönen Wetters ein Ende des in dem einen Schiff verwahrten Taues ſorgfältig mit dem des andern Schiffes in Verbindung gebracht. Hierauf wird man telegraphiſche Signale durch die ganze Länge des