das Gewebe iſt anfangs noch ein unzuſammenhängendes Machwerk. Aber mit dem zweiten Tage geht ſie zu einer regelmäßigeren und feineren Arbeit über, indem ſie die Fäden um ſich herumzieht und ſo in 3— 4 Tagen ein länglich⸗run⸗ des künſtlich gewobenes Haus zu Stande bringt(Fig. 4.), das aus einem einzigen, 800— 1200 rhein. Fuß langen Faden be⸗ ſteht, worin ſie ſich ſchlafen legt, um als ein neues Geſchöpf wieder zu erwachen. Dieſes Seidenhaus, Cocon genannt, enthält den köſtlichen Stoff, der unſere reiche Welt ſo rau⸗ ſchend ziert. Die Verpuppung der Raupe erfolgt raſch, und
ſchon nach 14— 20 Tagen durchbricht der Schmetterling das
Gewebe.
Will man die Seide benutzen, ſo müſſen die Cocons bei Zeiten getödtet werden, was gewöhnlich in einem heißen Back⸗ ofen geſchieht, worauf die Seide auf einer eigens dazu ein⸗ gerichteten Maſchine abgehaspelt wird. Die Cocons, die man zur Fortpflanzung gebrauchen will, läßt man liegen,
damit der Schmetterling die Hülle durchbrechen kann. Den Zeitpunkt des Ausſchlüpfens erkennt man daran, daß ſich der Cocon bisweilen bewegt, und an einer röthlichen Flüſſigkeit, womit der Schmetterling von innen die Stelle anfeuchtet, an der er ſich durcharbeiten will. Die männlichen Cocons ſind die kleinſten, in der Mitte ſtark eingedrückt und oben und unten zugeſpitzt; die weiblichen dagegen ſind größer, an beiden Seiten mehr abgerundet und in der Mitte weniger ſtark zuſammengepreßt. Das Ausſchlüpfen der Schmetter⸗ linge findet meiſtentheils Morgens zwiſchen 5 und 7 Uhr ſtatt, worauf alsbald die Begattung erfolgt und das Weib⸗ chen in den nächſten 30— 40 Stunden 4—500 Eier legt.
Merke: Der Seidenſpinner bringt in kurzer Zeit ein koſtbares Werk zu Stande, arbeitet ohne Eigennutz nur für Andere und ſchreitet von Tag zu Tag einer immer grö⸗ ßeren Vollkommenheit entgegen. Der Menſch werde ſein Schüler!
Stuttgarter BZriefe.
I.
Charakfer und Lage von Stuttgart.
Von Stuttgart will ich Ihnen ſchreiben, einer der lieb⸗ lichſten Reſidenzen des ſüdlichen Deutſchland.
Stuttgart iſt eigentlich keine Stadt; es iſt ein Aggregat von Häuſern, ein großes Dorf, in welchem ſich ein Kö⸗ nigsſchloß befindet und erfahrene Leute wohnen. Es liegt an keiner Hauptpulsader des Verkehrs; weder die Wellen eines Fluſſes beſpülen das Fundament ſeiner Häuſer, noch zieht ſich eine bedeutende Landſtraße durch ſeine Wälle, um es zu einem Stapelplatz des Handels zu machen. Es war weder ein ausgezeichneter Sitz der Wiſſenſchaft, der Kunſt oder der Induſtrie, noch hat die kaufmänniſche Welt die Ballen und Fäſſer transatlantiſcher Waaren hierher gebracht. Es rühmt ſich weder alter klerikaler Erinnerungen und ſtol⸗ zer kirchlicher Bauwerke, wie z. B. Köln und Mainz, noch ſpricht der ſonſtige bauliche Charakter der Stadt für den architektoniſchen Kunſtſinn ihrer früheren Einwohner, wie in Nürnberg, oder haben umſichtige und zugleich kühne Speku⸗ lationen hier ihre Schätze angehäuft, wie in Frankfurt. Stuttgart iſt nicht geſchmückt mit jenen ſchlanken Thürmen, wie Bamberg; es wird in dieſer Beziehung ſelbſt von kleine⸗ ren Städten des würtembergiſchen Königreichs, von Eßlingen, Reutlingen und Ulm übertroffen; keine Befeſtigungswerke, Mauern, Wälle, Gräben u. ſ. w. umgeben die Reſidenz. Auch imponirt ſie nicht durch ihre Lage; im Schoße eines ſtillen, von drei Seiten umſchloſſenen Thales hat ſie ſich hin⸗ gebettet— einſam genug, um ungeſtört die Behaglichkeit der Exiſtenz zu genießen, und doch wieder nicht abgeſchloſſen genug, um nicht mit dem Leben gelegentlich wieder in Be⸗ rührung zu kommen; gegen Norden hat es ſich nämlich eine freundliche Paſſage offen behalten. Dort hinaus führt die Eiſenbahn an den Bodenſee und an den Rhein, von dort herein rauſcht in erhöhtem Wellenſchlag das genießende und geſchäftige Leben der Gegenwart, vorh iſt die hohle Gaſſe— es führt kein anderer Weg nach Stuttgart hin.
Was Stuttgart geworden iſt, verdankt es dem hier reſi⸗ direnden Hofe. Um ihn, wie um die Königin eines Bienen⸗ korbes, hat ſich Zelle an Zelle angeſchloſſen, Haus an Haus
wuchs aus dem Boden, Stadtquartier auf Stadtquartier füllte das anmuthige Thal aus. Und wenn Stuttgart der Poeſie krumm⸗ und engſtraßiger mittelalterlicher Städte auch entbehrt, ſo genießt man dafür die Behaglichkeit breiter, reinlicher, regelrechter Straßen; ſieht man nur wenige Woh⸗ nungen altdeutſchen Styls, ſo erfreuen das Auge um ſo mehr heitere, fenſterreiche, lachende Häuſer— wohnlich, zweckmäßig, bequem gebaut, ſich nirgends palaſtartig über⸗ hebend, noch ſeltener bloß um der Dürftigkeit dürftigen Schutz zu gewähren. Fehlt hier auch der Reichthum einer Handels⸗ und Fabrikſtadt, ſo herrſcht doch durchſchnittlich eine große, ehrbare Wohlhabenheit, zwar weit entfernt von ſchwindeln⸗ dem Reichthum, aber auch ebenſo weit entfernt von jener verzweifelten, von Gott und aller Welt verlaſſenen Armuth, wie man ſie in anderen größeren Städten findet. Der Honig dieſer Wohlhabenheit wollte und will aber auch durch Bie⸗ nenfleiß verdient ſein. Keine Familie ſteht ſo hoch, daß ſie ſich irgend einer emſigen Thätigkeit ſchämte, und keine ſo tief, daß ſie hier ihre Exiſtenz in herumlungernder Trägheit auch nur auf einige Tage finden könnte. Dieſer ſolide Wohlſtand iſt es auch, der dem Fremden aus der Freundlichkeit der Wohnungen und Straßen, aber auch aus der Freundlichkeit der Menſchen ſogleich entgegenleuchtet; er iſt es auch, welcher der ganzen Reſidenz, mag man ſie von Außen oder von In⸗ nen anblicken, in Familien oder Geſellſchaften verkehren, den Stempel der Behaglichkeit aufdrückt. Dieſer Charakter iſt vom Königshaus bis in die letzte Nachtwächtersfamilie nachweisbar.
So ſehr ſich Stuttgart auch von andern deutſchen Städten unterſcheidet, ſo gehört es dennoch zu den bedeutendſten Städten Deutſchlands. Nach der letzten Volkszählung betrug die Zahl ſeiner Einwohner über 50,000; dieſelbe hat ſeit 1810 um mehr als die Hälfte zugenommen. Die Häuſerzahl, welche dieſe Volksmenge beherbergt, füllt beinahe vollſtändig das eine Stunde breite Thal aus, das von zwei Abſenkern der Filder⸗Ebene gebildet wird; ein ganz gewaltiges Häuſer⸗ meer, das man auf den ohne Mühe zu erſteigenden Hügeln


