Jahrgang 
1857
Seite
215
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Schmuck trägt, wird es in den kleinen Eiern lebendig; ihre Farbe, die unterdeß dunkelgrau geworden, geht ins weißliche über, und nun ſchlüpfen, am zehnten oder elften Tage,

kleine Räupchen heraus, die aber einen ganz andern Appetit

mitbringen als Vater und Mutter. Die Geburtsſtunde fällt

gewöhnlich in die Zeit zwiſchen 7 und 8 Uhr Morgens.

Dieſe Raupen, welche die vortrefflichſte Seide ſpinnen, haben

ſechzehn Füße, kräftige Schneidezähne und eine grauſchwarze

Farbe, welche ſich in einzelnen Zeiträumen mehrmals verän⸗ dert. Man braucht ſie in kein Gefängniß einzuſchließen; un⸗ geheißen bleiben ſie, wo ſie ſind; nur Eins fordern ſie eine tüchtige Portion Maulbeerblätter, und es ſcheint, als wollten ſie ſich durch fleißige Mahlzeiten für die kurze Dauer ihres Erdenlebens zu entſchädigen ſuchen. Sie mögen den ken:Laßt uns eſſen und trinken, denn morgen ſind wir todt! Wirklich iſt ihr Leben auch kurz, indem es kaum länger als einen Monat dauert; aber ſo gering ihre Lebens⸗ dauer, ſo bedeutend die Futtermaſſe, die ſie verzehren. Es iſt eine wahre Luſt, ſie bei ihren Mahlzeiten zu beobachten, wie ſie Alles neben ſich vergeſſen und ein Blatt nach dem andern gleichſam abmähen, wobei ſie an einer Seite anfangen

und bis zum andern Ende fortfreſſen, dann aber wieder den

fig. 3. Kopf nach dem Anfangspunkt zurückwenden und die gleiche Straße wandern. Das Merkwürdigſte ſind nun die mehrfachen Verwand⸗

lungen der Seidenraupe, die den Beobachter mit Bewunde⸗ Fünf Perioden ſind es, welche die Seiden⸗

rung erfüllen.

raupe zu durchlaufen hat und welche durch ihre Häutung auf den Blättern umher, dehnen ihren Hals aus und heben

begrenzt werden.

Die erſte Lebensperiode umfaßt 5 Tage und ſchließt mit der erſten Häutung der Raupe ab(Fig. 14). In dieſer Zeit die⸗ nen ihr die zarteſten Blätter zur Nahrung, gleichwie man dem Kinde die Milch als die leichteſte Speiſe reicht. Die Freßluſt iſt ſchon bei ihrer Geburt eine große, wächſt aber mit dem

Wachsthum des Körpers bis zum dritten Tage, wo ſie gegen

Abend wieder abnimmt. Raupen das Freſſen ein, richten wehmüthig den Kopf in die Höhe und fallen zuletzt in eine Art Schlaf. Jetzt geht die erſte Häutung vor ſich, die mit ſchwerer Anſtrengung und ſchmerzlichem Kampfe verbunden zu ſein ſcheint, und wobei ſie ſtark ausdünſten.

Nach dieſer Häutung beginnt die zweite Lebensperiode, welche nur 4 Tage dauert. Die gleichſam neugeborenen Naupen ſcheinen von dieſer Wandlung noch ſehr angegriffen zu ſein: denn ſie begnügen ſich anfangs mit einer ſehr knap⸗ pen Mahlzeit und mit geſunder friſcher Luft. Nach und nach

wächſt wieder der Appetit, bis ſie zuletzt in ähnlicher Weiſe,

wie das erſtemal, ihre alte Haut mit einer neuen vertauſchen. Die dritte Lebensperiode umfaßt 6 Tage. Den Unrath muß man ſorgfältig entfernen, ſie mit friſcher Luft erquicken

Mit dem vierten Tage ſtellen die

und ihnen ein reichliches Futter vorlegen(Fig. 2.). Der vierte Tag iſt für ſie ein Feſttag im Schmaußen, während ſie am fünften gleichſam am Katzenjammer erkrankt ſind und wenig Appetit zeigen, am ſechſten gar nichts mehr zu ſich nehmen, indem ſie wiederholt einſchlafen und ſich häuten. Ebenſo verhält es ſich mit der vierten Lebensperiode, die gleichfalls 6, zuweilen auch 78 Tage dauert.

Ehe wir zur letzten Lebensperiode übergehen, verſuchen wir es, den Vorgang der Häutung näher zu beſchreiben. Wenn nämlich die Zeit der Häutung herankommt, beſchließt die Raupe, wie ſchon bemerkt, ihre Mahlzeiten, entledigt ſich alles Unrathes, zieht den hintern Theil des Leibes zuſammen, hebt den Kopf in die Höhe und bleibt ruhig ſitzen, bis die äußere Haut trocken geworden. Dann dreht ſie den Kopf bald rechts, bald links, um die Haut am Halſe zu zerreißen, und verſucht nun, aus der hinteren Hülle ſich herauszuwin⸗ den. Die ſchwerſte Arbeit hat ſie mit dem Abſtreifen der Haut am Vordertheile des Leibes zu vollbringen. Sie kriecht jetzt etwas vorwärts, und nachdem ſie hier eine Zeitlang aus⸗ geruht hat, zieht ſie die hinterſten Freßfüße aus der alten Haut, befreit mit dieſen die Vorderfüße und ſchiebt nun die Haut am Kopf und Hals, die unterdeß runzelig geworden,

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über das Geſicht herunter, womit die Häutung vollendet iſt. In der fünften und letzten Lebensperiode, welche 8 10 Tage dauert, zeigen die Raupen den größten Appetit und verlangen nun ſtarke Blätter von den älteren Bäumen. Mit dem ſiebenten Tage haben ſie ihre Vollendung erreicht(Fig. 3.). Sie werden unruhig, hören auf zu freſſen, kriechen ungeduldig

ihren Kopf hoch empor. Der Körper wird hell und durch⸗ ſichtig, die Haut am Halſe legt ſich in Falten, die Ringe am Leibe ziehen ſich zuſammen und in ihrem Maule zeigen ſich ſchon Fäden. Will man ſich ein eigenthümliches Vergnügen machen, ſo faſſe man die Fäden im Maule der Raupe an, und hat man den rechten Anfang gefunden, ſo kann man den ganzen Seidenfaden aus dem Thiere herausziehen, worauf nichts mehr übrig bleibt, als eine dürre, hautige Maſſe. Wer aber den gewünſchten Lohn für ſeine Mühe haben will, der lege dürre Reiſer, Hobelſpäne, Papierſtreifen u. dergl. (die ſog. Spinnhütten) zurecht, an denen alsbald die Raupen emporklettern und arbeiten. Sie ſind Spinner und Weber zu gleicher Zeit und erinnern uns immer an den Seiler, der aus einer mit Hanf und Flachs gefüllten Schürze durch lang⸗ ſames Rückwärtsſchreiten einen langen Faden windet. Hat nämlich die Raupe einen bequemen Anhaltspunkt gefunden, ſo bringt ſie mit ihrem Maule zwei feine Tröpfchen eines klebrigen Saftes an dieſe Stelle, bewegt den Kopf hin und her und ſpinnt aus ſich heraus zwei dünne Fäden, die ſie mit ihren Vorderfüßen, wie ein Seiler, niedlich zuſammen⸗ fügt. Die Anknüpfungsfäden ſind ihre erſte Arbeit, und