Was
nach Gavi, das ſich romantiſch in einem Winkel der Berge ver⸗ ſteckt, überragt von einem alten Caſtell. Plötzlich mündete hier der Weg im Fluſſe, deſſen breites, ſteinigtes Bett nur noch wenig Waſſer enthielt, und wir gelangten am andern Ufer empor hoch über deſſen Spiegel. Da wand ſich der Weg, ausgewaſchen vom Regen, ſchmal den Bergen entlang; häufig rutſchte unſer Wägel⸗ chen bis auf den äußerſten Rand der Kluft, unſer Kutſcher er⸗ mahnte: ja keine Furcht haben! Die Schlucht neben uns erwei⸗ terte ſich zum Thale, grüne Felder ſchimmerten freundlich herauf; am Abhang indeß wuchs nur Strauchwerk, blos hie und da eine blüthenbedeckte Kirſche oder ein nackter Feigenbaum.
Vor dem Oertchen liegt eine große Filanda(Seidenſpinnerei), die einem Genueſer Edelmann gehört, das Städtchen ſelbſt klam⸗ mert ſich äußerſt maleriſch am Abhange des Bergzugs an. Rings⸗ um ſchließen ſich die Höhen, und bilden einen weiten Keſſel, und
von den letzten Rudera der Burg auf dem Gipfel gerade überm Orte bietet ſich eine hübſche Ausſicht dar. Betrachten wir von da aus Voltaggio näher, ſo zählen wir 6 Kirchen und Kapellen naebſt einem Kloſter, und unſer Freund theilt uns mit, daß vor der Revolution 1848 hierſelbſt 40 Prieſter glücklich und in Frie⸗ den lebten, jetzt aber nur noch 20— beide male die Mönche, wie billig, noch außerdem. Steigen wir hinab, ſo finden wir vor der bunt bemalten Hauptkirche eine große Anzahl Bauern, ſämmt⸗ lich in ſchlechtem grauen Zwillichanzug, ohne das geringſte äußer⸗ liche Zeichen von Sonntagsſchmuck. Auf einer Nebentreppe ſtehen Mädchen und Frauen, darunter einige wunderhübſche Ge⸗ ſichter, aber alle braungebrannt, was aus dem geſchmackloſen, lang herabhängenden weißen Schleier beſonders grell hervorſticht. Die Citelkeit ſcheint nicht bis in dieſes abgelegene Thal vorge⸗ drungen zu ſein— oder iſt vielleicht das ärmliche, verkommene Ausſehen aller dieſer Leute einem andern Umſtande zuzuſchreiben, als der Nachläſſigkeit?
Unſer Freund, deſſen Familie einſt die erſte war hier im Orte, und deſſen Ahn im ſechzehnten Jahrhundert die Burg dort oben in die Luft ſprengte, weil er ſie nicht länger gegen die Pie⸗ monteſen zu halten vermochte, wurde von Allen ehrerbietigſt be⸗ grüßt; uns ſtarrte man mit großer Neugierde an, denn Fremde ſind zu dieſer Jahreszeit etwas ſeltenes in Voltaggio.
In einem deutſchen Städtchen würden dieſe Männer in der Schenke ſitzen, die ja bei uns eine unzertrennliche Nachbarin der Kirche. In einem deutſchen Städtchen, beſonders auf der claſ⸗ ſiſchen„rothen Erde“ würde ich es zu gewiſſen Zeiten ſcheuen, mich der öffentlichen Neugier auszuſetzen, um nicht inſultirt zu werden von pausbackigen Jungen oder von Burſchen mit kurzen Pfeifen.
nicht Muth genug, um einen wohlgekleideten Menſchen zu be⸗ läſtigen. Er iſt nur der Arbeiter auf dem Gute des Edelmannes, dem das Land gehört, und erhält, ob die Ernte gut oder ſchlecht, die Hälfte vom Ertrag. Der Wein hat leider in den letzten Jahren faſt nichts ausgebracht, auch ſonſtige Früchte ſind mißrathen, und ganze Schaaren von Bauern haben ſich eine neue Heimath geſucht im ſüdlichen Amerika. Aber die Seiden⸗Ernte iſt ſpeciell
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur:
Voltaggio. Voltaggio iſt ein kleines Städtchen von 2000 Einwohnern, recht mitten in Ligurien. Wir hatten daſelbſt einen Freund zu beſuchen, und begaben uns eines Sonntags von Genua aus auf den Weg. Die Entfernung betrug nur 6 Stunden; wir mußten aber mit der Eiſenbahn 10 Stunden zurücklegen, um auf fahrbarer Straße hingelangen zu können. Dieſe, ein gewöhnlicher Landweg, führte uns aus dem breiten Thale von Serravalle
Aber der hieſige Bauer hat kein Geld für die Schenke, und
beliebt.
hier ſehr reich ausgefallen, und das Product des Landſtrichs von Novi iſt berühmt wegen ſeiner vortrefflichen Qualität.
Unſer Freund entſchuldigte ſich beim Mittageſſen: er könne uns nur Kalbfleiſch vorſetzen, ein Ochs ſei zu viel für den Ort— nur Sommers, wenn Kurgäſte da ſeien, ſehen die Leute ſolch' ein gehörntes Phänomen in ihrer Mitte.
Es iſt nämlich eine ſtarke Schwefelquelle dort, die aus einer Felswand mitten zwiſchen Ruinen hervorſpringt; die Leute ſagen, dort habe vor Zeiten eine Gerberei geſtanden.
Unſer Freund behauptete, der Ort ſei einſt viel größer ge⸗ weſen. Dort das Feld heiße noch immer le cà(die Häuſer), ob⸗ wohl keine Spur mehr davon zu ſehen; noch jüngſt habe man ein altes Gebäude zuſammengeriſſen, um den Platz als Feld zu benutzen. Wirllich iſt rings alles gehörig bebaut, und am Waſſer unten ſind prächtige Wieſen. Aber Bäume ſieht man nur in einem kleinen Nebenthälchen, und deren nur wenige. Den Mangel an Waldung ſchiebt man dem Mittelalter in die Schuhe, als unſre verehrten Vorfahren noch die Lanze auf die Schulter nahmen, und den Kaiſer auf dem Römerzug begleite⸗ ten. Dieſe und die Franzoſen, deren grande passion ebenfalls Italien war, ſollen alles niedergebrannt haben. Aber mich dünkt, auf die Gefahr hin habe man längſt anfangen ſollen, wieder zu pflanzen!—
Das iſt meine Relation, zu der ſich vornehmlich der deutſche Bauer ſelbſt ſeine Gloſſen machen möge. Und dem Glücklichen, den die Eiſenbahn durch die reizende Poloevera nach Genua brachte, der dort die Paläſte bewundert hat und die holden Weiber, dem will ich blos ſagen, daß während in Deutſchland das Elend in den Städten wohnt, ſolches in Italien ſich aufs freiz Land geflüchtet hat. Von da aus kommt es in die Stadt, und der Städ⸗ ter wundert ſich über die hagern gelben Geſtalten. Bei uns hält der Bauer gern jeden Städter für einen Hungerleider; in Genua, ſagte mir meine Hausfrau, muß man die Dienſtmagd vom Lande
erſt herausfüttern, bevor man ſie gebrauchen kann. W. Wens.
Eierhandel in England. Der Handel mit Eiern in England findet mit bedeutender Lebhaftigkeit namentlich zu Lanesborough und auch zu Tarmonbarrey Statt. Die Cier werden bei den Landleuten auf mehrere Meilen weit umher geſammelt, und zwar gewöhnlich durch Knaben von neun Jahren und darüber, deren
jeder ſeinen Bezirk hat, den er täglich begeht und, das Ergebniß ſeiner Mühen, ſorgſam in ein Handkörbchen gelegt, nach Hauſe bringt. Begegnet man ſolchen Bürſchchen auf ihren Umgängen, ſo ſcheint dabei die Vorſicht, welche zum ſichern Fortbringen ihrer Waare ſo nöthig iſt, ihrem Verhalten einen ſo hohen Grad von geſchäftlicher Beſonnenheit verliehen zu haben, wie man ſie bei den ſonſt mit ſo flüchtigem Sinne begabten Kindern Irlands ſelten genug findet. So ging z. B. ein kleiner Barfüßler täglich etwa drei deutſche Meilen weit. Sein täglicher Verdienſt beſtand bei einem Abſatze von zwei Schock Eiern in einem Schil⸗ ling(10 Sgr.). Uebrigens ändern ſich die Eierpreiſe zu verſchie⸗ denen Perioden des Jahres, niemals jedoch ohne daß die kleinen Einſammler vorher Anzeige gehabt hätten. In der warmen Jah⸗ reszeit wechſeln die Preiſe zu Lanesborough zwiſchen 2 Sch. 6 P. bis 4 Sch. für 120 Stück, ſteigen aber gegen den Winter bis auf 5 Sch. Die Eier werden zwiſchen Strohſchichten in eben ſolchen Körben(crates) wie man ſich zur Verſendung von Töpferwaa⸗ ren zu bedienen pflegt, verpackt. Jeder Korb hält etwa über 10,000 Eier, deren Einkaufspreis von 10 Pfd. 10 Sch. bis 16 Pfd. 6 Sch. beträgt. 2* E. L...
Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſeckt a Hevrient in Leipzig.


