dicht zur Seite blieb und erſt, als er die Nähe einer frem— den Wohnung witterte, in ängſtliches Gewinſel aus⸗ brach.—
Es war eine der kleineren Fiſcherwohnungen, in denen Magdala Veens hauſte. Ihr einziger Sohn trieb das Geſchäft ſeines Vaters und befand ſich jetzt, wie Margreth' wußte, mit ſeinen Gefährten auf der fiſchreichſten Stelle des Sees. Sie konnte deshalb die weiſe Magdala ruhig befragen, denn vor Mitternacht kehrte kein Fiſcher des Gotteskargſees zurück.
Magdala Veens ſaß am Herdfeuer und ſpann. Ihr weißes Haar fiel ungeordnet unter der glatt anliegenden altfrieſiſchen Fauenmütze, die noch einen Theil der Stirn bedeckte, zu beiden Seiten herab. Schlicht und ſchmucklos, faſt ärmlich war das Innere der Wohnung, wenn man ein Trinkhorn von geriebenem Silber ausnehmen will, das auf einem Bort zur Seite des Herdes ſtand, und deſſen kunſtreich geriebene Arbeit auf ein hohes Alter des werthvollen Geräthes ſchließen ließ. Zu beiden Sei— ten des Herdes waren die Wände, wie faſt immer in Friesland, mit ſauber gehaltenen viereckten Kacheln aus⸗ gelegt.
Die ſpinnende Greiſin wendete beim Eintritt der jun⸗ gen Magd nur wenig den Kopf, ohne ihre Arbeit zu unter⸗ brechen. Kaum merklich erwiederte ſie Margreth's ſchüch⸗ ternen Gruß. Der Hund zog den Schwanz ein und legte
ſich, der Alten gerade gegenüber, auf die Diele, ſeine bei⸗
den großen Augen wie fragend auf ſie richtend.
„Kommſt ſpät,“ ſprach Magdala,„was willſt Du?“
Margreth' vermochte nicht ſogleich Antwort zu geben. Sie mußte ſich erſt ſammeln, um ihr Anliegen verſtänd⸗ lich vortragen zu können. Indeß machte die Anrede der greiſen Frau, deren Stimme weder hart noch geheimniß⸗ voll klang, einen ermuthigenden Eindruck auf die frieſiſche Jungfrau.
„Man hat mir geſagt,“ hob dieſe jetzt ſchüchtern und nur halblaut ſprechend an,„daß Ihr ſehr weiſe ſeid und mehr wiſſet, als die meiſten andern Menſchen. Nun bin ich ſchon lange in Bedrängniß, lebe in Angſt und Noth, und deshalb möchte ich fragen, ob Ihr mir rathen und helfen könnt?“
verſetzte abwehrend Magdala Veens,„aber weil ich ruhig bleibe und nie mich von Leidenſchaften und Begierden hin⸗ reißen laſſe, ſehe ich klarer, als mancher Verblendete. Was haſt Du? Sprich!“
Margreth' erzählte zwar ſtotternd, aber kurz und möglichſt zuſammenhängend, was ihr begegnet war und welche Gedanken ſie beunruhigten.
Immerfort ſpinnend hörte Magdala Veens zu.
„Kind,“ verſetzte jetzt die alte Frieſin,„das ſind ja Geſchichten, die man ſchon beinahe ganz vergeſſen hat, aber es thut nichts, altes Erdreich trägt auch Früchte, und was einer glaubt, darauf kann er Häuſer bauen. Ich kannte Niß Ipſen.“
„Ihr kanntet ihn?“
„Ja, mein Kind. Ehe ſeine Aeltern ſtarben, ſah ich ihn oft. Klug war er und unternehmend dazu, und wenn er nicht ertrunken iſt auf der See, ſo hat er ſicherlich viel Glück gehabt.“
„Wenn er nicht ertrunken iſt!“ wiederholte unter bangem Seufzen Margreth!
„Gewiß, mein Kind, ſo iſt es,“ fuhr die Alte fort. „Ein gewandter Mann ertrinkt ſo leicht nicht, nnd da Niß Ipſen mit dem jungen Cruppius in die Welt gegangen iſt, dieſer aber noch lebt, ſo wird auch Dein Bräutigam nicht umgekommen ſein.“
„Ihr wißt, daß Gerſon Cruppius noch lebt?“ fragte Margreth' lebhaft.
„Ich weiß es, Kind, er lebt,“ betheuerte Magdala Veens trocken.
„Wo, beſte, liebe Frau?“
„Nicht an einem Orte, wo Du ihn fragen kannſt.“
„Und iſt Niß Ipſen bei ihm?“
„Jetzt nicht.“
„So waren ſie zuſammen?“
„Zwei volle Jahre.“
„Und als ſie ſich trennten, wo blieb mein Bräutigam?“
„Seeräuber nahmen ihn mit ſich.“
„O Gott!“
„Thörichtes Kind, wie ſchwach biſt Du!“ ſprach Magdala ſtrafend.„Räuber ſind oft beſſer von Herzen, als fromm umher blickende Menſchen. Bei ihnen lernte er etwas und als er ihnen zu klug geworden, waren ſie froh, daß er ſie freiwillig wieder verließ.“
„Das Alles wißt Ihr? Von wem kam Euch dieſe Kunde?“ Magdala Veens blickte Margreth' durchdringend an. „Du biſt ſehr neugierig, thörichtes Kind,“ ſagte ſie
mißbilligend,„hemme jetzt Deine Zunge und begnüge
Dich mit dem, was Du vernommen haſt. Begehrſt Du mehr zu erfahren, ſo könnte ich Dir leicht trübe Antwor⸗ ten geben. Es iſt Zeit, daß Du gehſt. Der Nebel fällt, die Sterne blinken, und wenn Du Bombüll-Hof erreichen willſt, noch ehe man Dich dort vermißt, ſo rathe ich zum Aufbruche. Glaube, ſei beſcheiden und mehr noch als Du wünſcheſt, wird Dir zu Theil werden!“
So ſprechend verließ Magdala Veens ihren Sitz am
Herde, ſtreifte an Margreth' vorüber und ſtieß die Thür
„Ich weiß nicht mehr, als Andere, thörichte Dirne,“ ihres Hauſes auf, aus welcher ſie einen anſehnlichen Theil
des Gotteskargſees überblicken konnte.
„Ganz recht,“ fuhr ſie fort,„die Nebel zertheilen ſich, ich ſehe Warften, Häuſer und drüben die Binnenlands⸗ deiche. Du haſt keine Zeit zu verlieren. Gute Nacht, ſei beſcheiden!“
Faſt mit Gewalt drängte die alte Frau Margreth' aus dem Hauſe. Aengſtlich keuchend folgte ihr der Hund, ohne zu ſprechen ruderte der Fährmann ſie wieder über den See, und ſchneller als ſie geglaubt, erreichte ſie Bom⸗ büll-⸗Hof. Obgleich die Prophetin vom Gotteskargſee ihr in keiner Hinſicht etwas Gewiſſes über die Schickſale
und etwaigen Erlebniſſe Ipſens geſagt hatte, betrat
Margreth' doch den Hof viel beruhigter, als ſie ihn ver⸗ laſſen. Sie wußte oder glaubte jetzt doch zu wiſſen, daß ihr Verlobter Jahre lang gelebt habe, und dieſer Glaube gab ihr Kraft, ihre Zukunft an neue Hoffnungen zu
knüpfen. (Wrtſebung folgt.)


