kargſee ſelbſt wie ſeine Zuflüſſe oder Siehle waren von jeher überreich an Fiſchen aller Art, vor Allem aber rühmte man die Güte und Schmackhaftigkeit ſeiner Aale. So wurden die Inſel⸗ und Halligbewohner im Gottes— kargſee reiche Leute, die von vielen um ihre Beſitzthümer beneidet wurden. Weil ſie aber ſo abgeſchieden von der übrigen Welt lebten und zu leben von der Natur ſelbſt gezwungen waren, bildeten ſich bei den Gotteskargleuten auch eigenthümliche Sitten aus. Die Nebel, welche oft tagelang über dem See lagen und die Häuſer der Hallige den Blicken aller Landbewohner entzogen, machten ſie ernſt und ſchweigſam; diejenigen aber, welche ſich aus— ſchließlich vom Fiſchfange nährten und von den Bewe⸗ gungen der häufig aufbrodelnden Gewäſſer wie durch das merkwürdige Steigen und Fallen des Bodens, welches den Gotteskargſee charakteriſirt, oft in große Bedräng⸗ niß gebracht wurden, galten bei Manchen für Seher. Man hielt die Gotteskargleute für Menſchen, die, wenn ſie es wollten, in die Zukunft blicken und demjenigen, der Begehr darnach habe, ſein Schickſal vorausſagen könnten.
Margreth' hatte in früheren Jahren wiederholt dieſe Eigenſchaft rühmen hören, ohne weiter darauf zu achten. Jetzt dachte ſie wieder daran, und die Prophetengeſtalt der uralten Magdala Veens, die ſie nie geſehen, wohl aber aus Beſchreibungen kannte, ſtand vor ihrem geiſtigen Auge.
Claas erfuhr nichts von dem Vorhaben ſeiner treuen Haushälterin. Ganz in der Stille wußte ſich Margreth' genaue Kenntniß von der Lage des Hauſes der berühmten Alten zu verſchaffen, und damit womöglich Jedermann ihr Beſuch bei derſelben verborgen bleibe, wählte ſie dazu eine Mondnacht, deren Helligkeit durch niedrig ziehendes Nebelgewölk gedämpft ward.
Um völlig ſicher zu gehen, löſte ſie den alt geworde— nen Hund von der Kette, damit er ſie begleite. Das treue Thier leckte dem Mädchen dankend die Hände und umſprang ſie, da Margreth' ihm drohte, ohne ſeine Freude durch lautes Bellen kund zu geben. Bald lag der Hof mit den rauſchenden Kronen ſeiner ſchief gebogenen Linden und den verkrüppelten Fliederbüſchen hinter ihr, ſie er klomm den Binnendeich, welcher gegen Oſten die Be ſitzung ihres Herrn begrenzte, und ſchritt nun, immer von dem Hunde begleitet, zwiſchen ſäuſelnden Rohrſtau⸗ den, welche in Menge die Gräben füllten, dem nicht fer— nen Gotteskargſee zu.
Furcht kannte die ſtarke Frieſin nicht, dennoch klopfte ihr Herz ſo laut und heftig, daß ſie wiederholt raſten und Athem ſchöpfen mußte. Zum Glück begegnete ihr Nie⸗ mand auf dem einſamen Wege. Ein paarmal nur fuhr ſie erſchrocken zuſammen vor dem ſchwirrenden Geräuſch aufſteigender Sumpfvögel, die der herumſchnüffelnde Hund in ihrer Ruhe ſtörte. Außer dem eintönigen Rufe des Kiebitzes, den lang gezogenen Klagelauten einiger Möven und dem Geplätſcher verſchiedener Waſſerthiere im Schilf herrſchte rundum die tiefſte Ruhe. Das Bild des Mondes zeigte ſich ab und zu hinter vorüberrollenden Nebelmaſſen, ganz zu durchbrechen aber vermochte er die ſchweren vom Meere hereinziehenden Dünſte nicht.
Jetzt ſchlug der vorausſpringende Hund an, lief dann wieder zurück und kehrte nochmals um, in lautes Geheul ausbrechend. Margreth' lockte ihn an den Worten. Zwei Minuten ſpäter befand ſie ſich am
ſchrägen Uferhang des See's, über deſſen breite Waſſer⸗
fläche hier dicht geballte, dort von ſchwachem Lichtdämmer
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ich mit beruhigen⸗
erhellte Nebel brodelten. Unter ihr, hart am Ufer rauſchte das Schilf, weniger vom Luftzuge, als von dem gleich⸗ mäßigen Schwall langer Wellen in nie raſtende Bewe⸗ gung geſetzt. Bisweilen rollten die Nebel in breiten Maſſen über den See, und in ſolchen Momenten war nirgend ein Gegenſtand in klaren Umriſſen zu erkennen; dann wieder ſpaltete ſich die Dunſtwoge, hob ſich links und rechts zu hügeliger Anſchwellung und Margreth' bemerkte in falbem Dämmerſchein hüben und drüben die ſteilen Schilfdächer der Bauerwohnungen auf den hohen Warften.
Den zitternden Hund ſtreichelnd, der ſich furchtſam an ſeine Herrin ſchmiegte, klatſchte Margreth' jetzt in die Hände, ſo laut ſie es vermochte, und ahmte zugleich den Ruf des Uhus nach. Dreimal in kurzen Pauſen wieder⸗ holte ſie dieſe Zeichen. Es währte nun einige Zeit, dann vernahm ſie Ruderſchläge im Waſſer. Bald darauf beugte ſich das Schilf in der ſchmalen Einbuchtung, wo ſie ſtand, tiefer, und ein Nachen, ein ſogenanntes Binnen⸗ deichsboot, lang, ſchmal und von geübter Hand leicht zu regieren, ſchoß gerade auf den Landungsplatz zu. Als der Bootführer anlangte, ſtieg Margreth' unverweilt ein, ſagte dem Führer, wo er ſie hinbringen ſolle, und ſetzte ſich auf das unbeſchützte ſchmale Brett des Fahrzeuges, ihr Geſicht in beide Hände bergend. Ihr zu Füßen legte ſich der noch immer zitternde Hund.
Inzwiſchen ſtieß der wortkarge Fährmann vom Lande.
Maſt und Segel führte das Binnendeichsboot nicht, was bei der ruhigen Luft auch von keinem Nutzen geweſen ſein würde. Statt eines Ruders handhabte der Schiffer eine lange Stange mit außerordentlicher Geſchicklichkeit, einen „Kluthſtock,“ wie der Gotteskargmann dieſelben nennt, und getrieben von dieſer Stange, ſchaukelte der ſchmale Nachen alsbald auf freiem Waſſer, deſſen hüpfende und rollende Wellen von der Bewegung deſſelben matt glit— zerten. 1 Margreth' bemerkte, daß ſie wiederholt an hoch ragenden Wohnungen nahe vorüberkomme. Auch wenn ſie dieſe Halligen nicht gewahrt hätte, würde das Geblöck der Schaafe auf denſelben oder ein Lichtſtrahl, der aus dem Nebel hervor ſeinen zitternden Widerſchein auf den Seeſpiegel warf, ihr die Nähe menſchlicher Wohnungen verrathen haben.
Dieſe ſchweigſame Fahrt, während welcher Margreth' kein Zeichen des Lebens von ſich gab, dauerte ungefähr eine Viertelſtunde. Dann bewegte das Boot ſich lang⸗ ſamer, das Waſſer ward ganz ſtill, aus dem fluthenden Nebelgewölk trat der niedere Bord einer Hallig mit hoher Warft und einſam darauf gelegener Schilfdachwohnung hervor. Das Binnenlandsboot ſchaukelte leicht an das flache Land.
„Veens-Hallig, wenns beliebt,“ ſagte der Führer deſſelben, den Kluthſtock landabwärts kehrend, um das Fahrzeug feſter an's Ufer zu drängen. Es war das erſte Wort, das der Mann ſprach.
Margreth' ſtand auf, reichte dem Schiffer das Fähr⸗ geld und trat mit den Worten:„In einer guten halben Stunde komme ich zurück,“ an's Land.
Der Fährmann nahm das Geld und nickte zum Zei⸗ chen, daß er die Sprechende verſtanden habe.
Der Hund war ſchon an's Land geſprungen, ſchnüffelte am Boden, lief voran und ließ alsbald ſeine Stimme auf halbem Wege zum Warfthügel erſchallen. Margreth's Zuruf beſchwichtigte den Ungeduldigen, der ihr nunmehr


