Jahrgang 
1857
Seite
203
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Förmlichkeit, in daſſelbe aufgeſchrieben und aus demſelben verkündet zu werden, wie er ja auch in vielen ſeiner Er⸗ zählungen den Segen einer glücklichen Ehe ſchildert und das Unheil nachwies, wenn in einer Zeit dieſe erſte und ewige Ordnung nicht geachtet wurde. Neben ihm lag aufgeſchlagen die durch und durch, beſonders aber in den Propheten viel geleſene Bibel.

Er ging, die Bücher unter dem Arm, unbedeckten Hauptes zur Kirche, und die breite ſchneeweiße Halskrauſe ſtand ihm ſehr wohl zu dem ſchwarzen Kanzelrocke. Sein klares würdevolles Angeſicht erweckte ſchon Vertrauen und Ehrfurcht, bevor der Mund geſprochen hatte. Ein großer Redner war er nicht, da er etwas undeutlich ſprach und die Zunge nicht ſo ſchnell dem inneren Drange der Gedanken zu folgen vermochte; und doch, wie Gebet und Predigt einfach und aus dem Herzen hervorquellend waren, ſo gingen ſie auch wieder zu Herzen, und man ſah es der Gemeinde an, daß ſie ihren Seelenhirten zugleich achtete und liebte. Jeremias Gotthelf ſagte, wie in ſeinen Erzählungen, ſo auch in ſeinen Predigten, die Wahrheit unerſchrocken, oft wo es ſein mußte, auch ſcharf und ſtreng. Die Liebe, welche vom Guten nicht bloß reden, ſondern es mit Wort und That im Leben aufbauen will, muß vor Allem auch mit Kraft gepaart ſein. So wußte er z. B. als Vorſteher einer Erziehungsanſtalt für ver⸗ wahrloſte Knaben in dem nicht weit von Lutzelflüh gele⸗ genen Trachſelwald die Zucht gut zu handhaben. Er ſah in dieſer Anſtalt nach Allem, in Küche und Keller, in Stall und Feld, kannte die häuslichen Verhältniſſe jedes Zöglings genau, und wurde von Allen geliebt, trotz ſeiner Strenge, die unfehlbar eintrat, wenn gute Worte nichts mehr fruchten wollten.Da meinen äußerte er ſich u. A. über dieſen Punkt gutmüthige Freunde der ſoge⸗ nannten Humanität, man könne mit bloßen Vorſtellungen und mit liebreicher Behandlung den frechſten Burſchen bändigen. Die ernſte ſtrenge Zucht iſt faſt überall gewichen. Wir hatten ſchon öfter vor unſerer Armen⸗ pflege Burſche, die alle unſere Mahnungen und Befehle verhöhnten. Einer trotzte uns in's Angeſicht. Die Armenpfleger waren allerdings entrüſtet, aber ſie wußten keinen Rath. Da ſagte ich: hier hilft nichts als die alte Zuchtruthe. Der Burſche wurde wirklich empfindlich geſtrichen und that von Stund' an gut. Aber das iſt eben das Elend: die Eltern fürchten ihre, unter der dummen Gutmüthigkeit und der gewiſſenloſeſten Verwahrloſung und Zuchtloſigkeit frech gewordenen Kinder, der ſchwache und eitle Lehrer ſeine Schüler; und im Uebermaaß der Freiheit ging und geht die Freiheit verloren.

Da der wackere Mann ſtets unmittelbar aus dem Leben ſchöpfte und friſch in's Leben hineingriff, ſo konnte es nicht fehlen, daß ſich Viele getroffen fühlten, an die er in Schrift oder mündlicher Rede nicht gedacht hatte. A. E. Fröhlich hat uns hierüber einige ſehr bezeichnende Züge mitgetheilt, und Jeremias Gotthelf ſagte zu ihm: Prunket eine eitle Bäuerin mit einem himmelblauen ſeidenen Kleidungsſtücke, in welches ich irgendwo eine Närrin gekleidet, ſo meint jede, ſie ſei abgezeichnet wor⸗ den. In einer meiner Erzählungen*) kommt ein Schul⸗ meiſter vor, welcher eine Hausorgel gekauft, aber ſie noch nicht bezahlt hat; da ſchreit jeder Schulmeiſter im Ober⸗ und Unterland, welcher ſeine Orgel noch ſchuldet, ſeine

*) Leiden und Freuden eines Schulmeiſters.(Berlin 1848.)

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Schulden gehen mich nichts an, und ich brauche ihn nicht in meinen Büchern herumzuzerren.

Um die Wirkung der berüchtigten Jeſuiten⸗Miſſionen im Kanton Luzern an Ort und Stelle kennen zu lernen, wanderte er eines Tages als Bauer verkleidet in's Entlebuch. Er gedachte, auf dieſe Weiſe in einer Dorf⸗ kirche ungeſtört zu hören und zu ſehen, was da vorging, ward jedoch von den Bauern erkannt und entging mit knapper Noth den Thätlichkeiten der fanatiſchen Menge. Wie ihm alle Frömmelei und Heuchelei verhaßt war, ſo war er auch ein abgeſagter Feind der Volksführer, die nur zu oft als Volksverführer ſich erwieſen, und mit einer Derbheit und Klarheit, die nichts verhüllte, zeigte er, daß es ihnen nur um den eigenen Namen und Vortheil, nicht aber um das Beſte des Volkes zu thun ſei. Er wollte auch in den vielfachen Neuerungen nicht ſo ohne Weiteres das bewährte Alte aufgeben und ſuchte mit aller Kraft die gute alte Sitte aufrecht zu erhalten, wie er anderer⸗ ſeits mit gleichem Eifer das Morſchgewordene, den Zopf der alten Zeit abgethan wiſſen wollte. So nach allen Seiten die ſcharfe Geißel der Satire ſchwingend war es leicht zu erklären, daß er auch viele Feinde und Wider⸗ ſacher hatte, und daß er, durch Widerſpruch gereizt, ſelber hier und da zu weit ging in ſeinem Widerſpruch. Das mußten aber auch ſeine Feinde ihm nachrühmen, daß er ſein Volk über Alles liebte und inmitten des Parteihaders in dem Sonderbundkriege jene ewigen Grundſäulen des Staates, das ächte Familienleben, die lautere Gottesfurcht und Vaterlandsliebe unverrückt im Auge behielt und auf ſie, als die Stützen der Schweizer Freiheit, unvermeidlich hinwies. Gerade in dieſer Uebergangsperiode, in dieſer Zeit der Gährung und Neubildung eines ſchweizeriſchen Einheitsſtaates bewährte A. Bitzius ſeinen Schriftſteller⸗ namen; er war einerſeits ein klagender und ſtrafender Jeremias, dem die Sünden und Verkehrtheiten ſeines Volkes tief zu Herzen gingen, andererſeits aber auch ein Gotthelf, ein thatenluſtiger Prophet, der rathende und helfende Gottesmann.

Er ward zu früh dem Vaterlande entriſſen; nach kurzem Krankenlager machte ein Stickfluß am 22. Oktober 1854 ſeinem thätigen Leben ein Ende. Der Gebrauch des Jods, den er gegen ein Halsübel durch lange Zeit angewandt hatte, und ſeine angeſtrengte Arbeit, bei der er ſich zu wenig ſchonte, hatten ſeine Lebenskraft ſchneller erſchöpft, als ſein ſonſt ſehr ſtarker und rüſtiger Körper vermuthen ließ. Doch hatte er ſich öfters gegen ſeine Freunde geäußert:Ich werde nicht alt!

Seine Hülle, ſo rief ihm ein älterer Freund zum Abſchiede von dieſer Erde nachruht unter den Grä⸗ bern ſeiner Gemeinde, an der Seite ſeiner Mutter, auf dem freundlichen Kirchhofe über der tief unten dahin⸗ rauſchenden Emme. Nebenan lagern die grünen Matten und ſchauen herab auf die waldbekränzten Hügel, die wir durch ihn ſo lieb gewonnen. Mancher biedere Schweizer wird noch dieſe Stätte beſuchen, und mit Wehmuth des reichen Gemüthes gedenken, das in Scherz und Ernſt nur das wahre Wohl ſeines Vaterlandes anſtrebte, warnend und anſpornend, und das uns ſo manchen Schatz from⸗ mer Weisheit in ſeinen Volksbüchern hinterließ. Sein Name wird von dem Namen des Berner Volkes unge⸗ trennt bleiben; er allein wird es vielleicht den zukünf⸗ tigen Geſchechtern ſagen, wie es ausſah im berniſchen Hauſe, im berniſchen Gemeinweſen, wie im Denken und Fühlen eines berniſchen Mannes. Was die Mitwelt