deſſelben. Den Anſtrengungen dieſes Vereins gelang es, mehrere Armen⸗Erziehungs⸗Anſtalten in's Leben zu rufen. Die Armennoth zeigte ſich beſonders im emmenthaliſchen Amts⸗Bezirk Trachſelwald, und hier kam unter eifriger Mitwirkung des Pfarrers von Lutzelflüh eine ebenſo be⸗ ſcheidene als nützliche Schöpfung zu Stande, die von Pri⸗ vaten gegründet und unterhalten trotz aller Schwierigkei⸗ ten, die ſich anfangs in den Weg ſtellten, bald auf's erfreulichſte gedieh.
Je mehr ſich der wackere Pfarrer an den Angelegen⸗ heiten des Staats⸗ und Kirchen⸗, des Gemeinde⸗ und Schullebens betheiligte, deſto mehr fühlte er aber auch das Bedürfniß, mit dem ſchriftlichen Wort auf das Volk zu wirken und ſeinen Ideen Bahn zu brechen. So ſchrieb er, was er unmittelbar erlebt, wofür er gekämpft und gearbeitet hatte, ſo ein Stück Selbſtbiographie, einen Lebensſpiegel, in welchem auch Andere ſich beſpiegeln mochten, nieder, und gab das originelle Werk unter dem Titel:„Bauernſpiegel“ von Jeremias Gotthelf heraus. Dieſe Schilderungen des Bauernlebens in einer bis dahin noch nicht erlebten Derbheit und Naturwüchſigkeit, waren faſt allzuſchwarz, die Schattenſeite der traurigen Volkszu ſtände, die darin zur Darſtellung gekommen iſt, machte bald großes Aufſehen und das Publikum erkannte, daß ſich da ein ganz neues und eigenthümliches Talent entfaltet habe. Es erſchienen raſch hinter einander jene Schilderungen und Erzählungen aus dem Volksleben, über welche das dem Feierabend beigegebene Central⸗Blatt näheren Bericht erſtatten wird. In Uli dem Knecht und deſſen ſpäterer Fortſetzung Uli dem Pächter faßte ſich das ganze Streben von Jeremias Gotthelf mit vollendeter Meiſterſchaft zu⸗ ſammen, und wie der„Bauernſpiegel“ ein etwas greller und ſehr derber Anfang war, ſo bildete das milde rührende Lebensbild„die Frau Pfarrerin“ gleich dem ſanft ver glimmenden Abendroth einen verſöhnenden wohlthuenden Schluß der langen Schriftenreihe.
Man erſtaunt, wie es dem Pfarrer Bitzius bei ſeiner übrigen höchſt ausgebreiteten und angeſtrengten Thätigkeit möglich war, immer neue Werke zu ſchaffen, die, wenn auch von ungleichem Werth, doch alle den Stempel des Meiſters, des großen Herzenskundigen und des tüchtigen Menſchen tragen. Sobald ſein Name berühmt geworden war, kamen Beſuche auf Beſuche, Anträge zu neuen Arbeiten, beſonders von Deutſchland, wo ſeine Schriften (zum Theil in's Hochdeutſche förmlich überſetzt) faſt noch mehr Begeiſterung und Theilnahme fanden, als in der Schweiz. Er war ſtets die Freundlichkeit und Gefälligkeit ſelber, und es ward ihm ſchwer, irgend einen Antrag zurück zuweiſen, da es ihm zum Leben ſelber geworden war, zu Nutz und Frommen der Volksbildung die Feder zu führen.*)
Ein treuer Freund, der geiſt⸗ und gemüthvolle Dichter A. E. Fröhlich, beſuchte ihn zuweilen und hat uns von einem ſolchen Beſuch ein Bild entworfen**), das ſelber ein
*) An den Herausgeber des Feierabends, Herrn Pfarrer Schwerdt, ſchrieb er einſt die beherzigenswerthen Worte:„Es gibt eine Einheit über den Markſteinen, und wie verſchieden die Tendenzen⸗ der Landespolitik ſein mögen, über der Politik findet ſich eine Liebe, die Liebe zum Volke, dem man angehört. Vielleicht iſt auch keine Zeit geweſen, wo die Liebe ſo offenbar war wie jetzt, und ſo thätig in Beſtrebungen zum Heile des Volkes ward. Unter dieſen Beſtre⸗ bungen iſt die Volksſchriftſtellerei wohl nicht die geringſte. Indeſſen ſchleicht auch da der Feind ein, und ſäet Unkraut, und wo eine Kirche gebauet wird, ſtellt der Teufel eine Kapelle daneben.“
**) Siehe den V. Band der„Erzählungen und Bilder aus dem Volksleben der Schweiz“(Berlin, 1855).
liebliches Idyll iſt.„Wie wir gegen das Pfarrhaus kamen — erzählt Fröhlich— hatte uns Jeremias mit ſeinem fernſichtigen Auge ſchon erblickt und erkannt. Freund⸗ licher und freudiger kann kein Empfang ſein, als ſein: „Das iſt brav!“ und„Gott grüß' Euch!“ Sein großes ſchönes und kräftiges Auge leuchtet wirklich vor Freude und ſeine Stimme iſt die Herzlichkeit ſelber. So iſt auch der Gruß und Ton der Seinigen ein wirkliches„Willkom⸗ men!“ Und er bemerkt alſobald: er habe ſoeben wieder eine gdößere Arbeit zu Ende gebracht; außerordentliche Geſchäfte ſeien in den nächſten Tagen nicht abzuthun und erwünſchter könne ihm jetzt nichts ſein, als ſich mit Freunden eine Erholung zu gönnen. Sogleich wurden einige Ausflüge vorgeſchlagen. Sie wären der Kurzweil wegen nicht nöthig geweſen, denn in ſeinem und der Seinigen Umgang war es dem Gaſte ſo außerordentlich wohl und traut, daß, ehe man ſich's verſah, Stunden vorüber waren wie Augenblicke. Es mußte gemahnt wer den: wenn man den ſchönen Nachmittag noch genießen wolle, ſo ſei aufzubrechen; die Chaiſe ſtehe bereit. Er ſelber nahm das Leitſeil zu Handen und zeigte auch in deſſen Führung alſobald Gewandtheit und Sicherheit. Wie vergnüglich war an ſeiner Seite die Fahrt tiefer in's Emmenthal hinein. Ueber Land und Leute wußte er, man kann ſagen, faſt Alles, Vieles über die einzelnen Häuſer und Hütten und ihre Bewohner, über ihren Land⸗ bau, Gewerb und Handel. Er kannte Jedermann, ward von Jedem freundlich gegrüßt und grüßte hinwieder oft mit Namen. Dazu ſein feines Aug und ſein lebhaftes Gefühl für die Schönheit der Landſchaft im Ganzen und im Einzelnſten.“—— Die Freunde kamen nach Lutzelflüh zurück im Schein des herrlichſten Abendrothes, welches das Thal mit neuen Reizen ſchmückte. Jeremias wußte genau auch um den guten Fortgang der Feldarbeiten Be⸗ ſcheid und freuete ſich nicht wenig über den guten Stand der Feldfrüchte.„Wir ſelbſt— erzählt Fröhlich— be merkten uns genauer die ſtattlichen Bauernhäuſer und ihre Umgebungen, beſonders auch den Speicher und den Anbau mit ſeinem heimeligen Stübchen, das in Jeremias Erzählungen öfter beſchrieben iſt. Wie freudig wurde dann Jeremias von den Seinigen begrüßt! Es gab noch, da es dunkel geworden war, ein heimeliges Stündchen im Kreiſe der traulichen Familie. Es wurde Muſik gemacht, Klavier geſpielt und geſungen. Jeremias, der ſelber nicht ſang, hörte mit Vergnügen zu, und ging ſinnend auf und ab; ihm ſchienen Volkslieder und Gedichte von Kuhn, Wyß und Hebel beſonders zuzuſagen; überaus gefiel ihm Schenkendorfs Andreas Hofer.— Sein Studierzimmer war auf dem oberen Boden des Pfarrhauſes; es hat ein einziges Fenſter gegen Mittag und ſieht in den Garten zwiſchen den Bäumen hindurch in's nahe Pflanzland, über einige Häuſer hinweg auf die jenſeitigen Hügel und Wäl⸗ der, auf die wiederum der Eiyer mit ſeinem leuchtenden Schnee und ſeinen ſchwarzen Felswänden herabſchaut. Des Pfarrers einfacher Arbeitstiſch war aber„von der Ausſicht abgewendet und gegen die Wand gekehrt, als wollte ſich der Arbeitende von dem Reiz der Ausſicht nicht zerſtreuen und von andern ihm vor der Seele ſchwebenden Bildern nicht abbringen laſſen. Neben ihm lagen ſeine Kirchenbücher, unter dieſen eins mit beſonders glänzendem Goldſchnitt, es war das Buch, aus welchem er von der Kanzel die Eheverlöbniſſe verkündete. Er wollte wohl durch dieſe Aeußerlichkeit zu verſtehen geben: es ſei dieß auch ein Buch des Lebens und es ſei nicht eine leere


