Jahrgang 
1857
Seite
200
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Margreth' fort, ihren thränenden Blick ſo feſt auf die Zeichnung heftend, als könne die grobe Geſtalt des Be fehlshabers, welche auf dem Quarterdeck des holländiſchen

Kriegsſchiffes ſo martialiſch den Säbel ſchwang, ſich

leibhaftig in das Bild ihres verſchollenen Bräutigams verwandeln.

Claas ward gegen ſeine Natur wortreich. Er er⸗

ſchöpfte ſich in Auffindung von Gründen, welche ſeiner

Anſicht nach Margreth' überzeugen mußten, daß ihre Vermuthung ſie irre führe. Das betrübte Mädchen hörte auch ruhig zu, vergoß ferner keine Thräne mehr und ſuchte ihr Leid durch Arbeit zu ertödten, glauben aber konnte ſie doch nicht an die Verſicherungen des Hofbe⸗ ſitzers. Das fliegende Blatt, das ſo Wunderbares von

dem holländiſchen Kriegshelden Ipſen erzählte, ward für ſie eine Reliquie, die ſie fortwährend bei ſich trug. Wenn die Kinder nicht um ſie waren, oder des Nachts, wenn auf Bombüllhof Alles der Ruhe ſich hingab, zog ſie das grobe, zerknitterte Blatt hervor, ſetzte ſich an das düſter glimmende Herdfeuer und betrachtete es ſo lange, bis die Augen ihr übergingen und die verſchnörkelten Buchſtaben wie lebendig durch einander liefen. In ſolchen Minuten und Viertelſtunden durchlebte ſie Alles, was ihr auf Bombüllhof begegnet war, noch einmal und die Schmer⸗ zen, die ſie dabei empfand, machten ihr dann die ſtillere Gegenwart, welche ihr, wenn ſie nur wollte, ein zu friedenes Leben ſicherte, zur peinvollſten Hölle.

(Fortſetzung folgt.)

Gallerie deutſcher Volks- und Jugendſchriftſteller.

d. Bitzius(Jeremias gotthelf.) Ein Lebensbild. Von A. W. Grube.

Pfarrer Bitzius, unter dem Schriftſtellernamen Jeremias Gotthelf bekannt, gehörte zu den wenigen glück⸗ lichen Menſchen, bei welchen Anlage und natürliche Nei gung, innerer und äußerer Beruf, körperliche und geiſtige Kraft in Einen ſchönen und vollen Akkord zuſammenſtim⸗ men. Der Chriſt und der Menſch, der Pfarrer und der Schriftſteller, der Bürger und Patriot waren bei ihm aus Einem Guſſe. Wenn er, zu einem Feſte in der Nach⸗ barſchaft geladen, von einer alten Frau beſucht wurde, die ihm ihr Herz ausſchütten wollte mit all' den vielen Sorgen und Kümmerniſſen: ſo konnte er Stundenlang zuhören, um zu rathen und zu tröſten, denn er hatte mit der chriſtlichen Liebe zugleich das rein menſchliche Intereſſe an der menſchlichen Seele, und dieſe in allen Lebensformen zu beobachten, um deſto ſicherer helfen zu können, war ihm das größte Feſt, über welches er manche Einladung zu anderweitiger Unterhaltung verſäumte. Er konnte als Schriftſteller nur darum eine ſo großgewaltige Wirkung ausüben, weil er ſo ganz mit Leib und Seele Dorfpfarrer, mit ſeinen Emmenthalern ſo ganz verwachſen, in jedem Bauernhofe zu Hauſe, mit Alt und Jung auf das genaueſte bekannt war. Nicht bloß Schweizer im Allgemeinen, ſon⸗ dern durch und durch Berner Bürger, verfolgte er, trotz aller ſehr bedeutender Berufs⸗ und Schriftſtellerthätigkeit, mit feuriger Theilnahme die politiſchen Kämpfe ſeines

Vaterlandes. Glücklich dabei an der Seite einer tugend⸗

und gemüthreichen Gattin, geſegnet durch drei wohlge⸗ rathene Kinder, führte er ein muſterhaftes Familienleben, für welches die Herzen ſeines Volkes zu gewinnen, den Blick zu ſchärfen er eben ſo vortrefflich verſtand, wie er das Verkehrte im Staats⸗ und Gemeinde⸗, im kirchlichen und Schulleben zu geißeln wußte. Was er predigte und als Seelſorger mit ſeinen Bauern verhandelte, hatte das gleiche Ziel, wie ſeine bewundernswerthen Schriften es erwuchs Alles natürlich aus ſeinem Leben heraus; und ſo iſt Jeremias Gotthelf zugleich ein Volksſchriftſteller, Volkslehrer und Volkserzieher in ſolcher Kraft und Größe geworden, daß ſein Ruhm weit hinaus über das engere Vaterland in ganz Europa ſich verbreitet hat.

Sein äußeres Leben iſt ſehr einfach. Er ward am 4. Oktober 1797 in der am See reizend gelegenen Stadt Murten geboren, wo ſein Vater Pfarrer geweſen war. Dieſer erhielt im Jahre 1804 einen Ruf zum Pfarramt in die große Gemeinde Utzenſtorf, welches Dorf etwa 5 Stunden von Bern in einer ſehr fruchtbaren Ebene liegt. Zur Pfarrei gehörte ein bedeutendes Stück Land, deſſen Bewirthſchaftung der geiſtliche Herr zum Theil ſelber übernahm. Sein Sohn Albert, der überall wo es zu ſchaffen und zuzugreifen gab, ſich ſtets bereit und ſehr an⸗ ſtellig zeigte, lebte ſich ſchnell in dieſe landwirthſchaft⸗ lichen Verhältniſſe ein, machte ſich überaus gern mit Pfer⸗ den und Kühen zu ſchaffen und ward auch bald ein guter Reiter. Die geiſtige Bildung ward dabei keineswegs vernachläſſigt, und der Vater ließ ſich den Unterricht ſei ner Kinder ſehr angelegen ſein. Albert las gern und viel, Schweizer Geſchichte, Chroniken, aber auch manche Roman⸗ und Ränbergeſchichten, die ſeine ohnehin leicht erregbare Phantaſie oft in nicht geringen Aufruhr verſetz⸗ ten. Als Charaktereigenſchaften zeigten ſich ſchon im Knaben Guthmüthigkeit und Verträglichkeit verbunden mit einem ſehr lebhaften Rechtsgefühle, das entſchieden her⸗ vortrat, wenn nach ſeiner Anſicht irgend Jemand benach⸗ theiligt wurde.Du nimmſt für jeden Lump Partei! ſagte einmal ſein Vater zu ihm, da er die Partei eines Individuums nahm, über welches ſehr ungünſtig ge⸗ urtheilt ward. Alberts jüngerer Bruder Fritz war ſanfter und biegſamer, aber bei Weitem nicht ſo derb, offen und thatkräftig, wie der Erſtgeborene. Die Mutter war eine heitere lebhafte Frau, die wie der Vater den Söhnen freie Bewegung verſtattete, ohne der Strenge zu erman⸗ geln, wenn's Noth that.

In ſeinem 15. Jahre bezog Albert die Literarſchule in Bern und machte die vorgeſchriebenen zwei Gymnaſial⸗ jahre durch; im Jahr 1814 trat er in die ſogenannte Akademie(Hochſchule), als Student den ſechsjährigen theologiſchen Kurs beginnend. Den alten Sprachen konnte er keinen rechten Geſchmack abgewinnen, auch mit der Philoſophie wollte es nicht vorwärts; dagegen ſtudirte er