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Die Roſen ihrer Wangen waren längſt ſchon abgewelkt, jetzt zeigten ſich bereits die Spuren des Kummers, den ſie tief verſchloſſen im Buſen trug. Ein ſcharfer Zug legte, beſonders wenn ſie lächelte, einige feine Fältchen
um die friſchen und noch immer vollen Lippen, und ſaß
ſie mit den Kindern Abends vor dem Hofe und ſah ſinnend hinaus nach dem Haffdeiche, hinter deſſen geraden Linien bei heller Luft die ſilbernen Spitzen der Sylter Dünen wie Schneekegel ſchimmerten, ſo bildeten ſich auch Falten auf der weißen Stirn der Trauernden. In ſolchen Augenblicken, die wohl bisweilen zu Stunden ſich aus⸗ dehnten, weilten ihre Gedanken bei dem verlorenen Ge⸗ liebten, deſſen Geſtalt ſie ſich vergegenwärtigte, nach welchem ſie lautlos ſo lange in vergehender Sehnſucht ſeufzte, bis die ſchweren Augen von Thränen überſtröm ten und die Kinder des Hofbeſitzers, welche Margreth' wie einer Mutter anhingen, die Weinende durch Lieb⸗ koſungen zu tröſten ſuchten.
Zu gewiſſen Zeiten pflegte Claas ſeinen Beſitz auf einige Tage zu verlaſſen, um in den zunächſt gelegenen Städten den Ertrag ſeiner Felder zu verwerthen oder ſonſt geſchäftliche Anknüpfungen zu treffen. Selten jedoch führten dieſe Ausflüge ihn weiter, als bis über die Eider nach Dithmarſchen. Wagte er ſich ſoweit fort von der heimiſchen Scholle, ſo kehrte er immer mit allerlei Ge— ſchenken für die Kinder beladen zurück. Margreth', die gewiſſenhafte Pflegerin, ging dann natürlich auch nicht ganz leer aus, und da ſie in keiner Weiſe verzogen war oder ſich anders gab, als die Natur ſie geſchaffen hatte, ſo verweigerte ſie die Annahme ſolcher Gaben nicht.
Gegen den Herbſt machte Claas einen etwas länger dauernden Ausflug, weil er, je nachdem zu erwartenden Ernte⸗Ertrage, dann ſowohl die Städte an der Weſt⸗ wie auch an der Oſtküſte der Reihe nach beſuchte. War die Ernte gut ausgefallen, ſo zeigte ſich Claas immer freigebig, und die Kinder ſahen der Heimkunft des Vaters mit Sehnſucht entgegen. Ihre Wünſche und Hoffnungen theilten ſie unterdeſſen Margreth' mit, die ſtill lächelnd zuhörte und nur manchmal bei einem drolligen Einfalle oder bei einer Bemerkung, welche ein tiefes Gemüth er⸗ rathen ließ, die kleinen Schwätzer liebkoſend an ſich zog.
Claas war diesmal über acht Tage ausgeblieben. Als er endlich recht erheitert zurückkam und ſeiner Ge⸗ wohnheit nach, zuerſt nach allem Nöthigen gefragt und geſehen hatte, kramte er ſeine Geſchenke aus. Margreth' empfing das für ſie beſtimmte zuletzt. Es beſtand aus
einem anſehnlichen Paquet, das vorſorglich in mehrere
Lagen dicken Papieres eingewickelt war. Das eigenge machte Zeug zu einem neuen Sonntagsrocke, das beim Eröffnen zum Vorſchein kam, gefiel dem ſtillen Mädchen gar wohl, und treuherzig reichte ſie dem Baas ihre Hand dankend über den Tiſch.
„Iſt ſchon gut, Margreth',“ ſprach Claas,„'s ſollte Seide ſein, wenn Du gewollt hätteſt, wie ich dachte.“
Margreth' ſchwieg und beugte, um eine empor⸗ quellende Thräne zu verbergen, ſich tiefer auf das erhaltene Geſchenk. Die Kinder hatten ſich inzwiſchen der nieder geglittenen Papiere bemächtigt, auf deren einem ſich die roh gezeichnete Figur eines ſtolzen Seeſchiffes befand. Der aufqualmende Rauch zwiſchen den Maſten und ein paar wunderlich geſtaltete kleinere Schiffe, mit vielen
dargeſtellt werden ſollte. jubelnd dieſe Bilder und fanden ſie überaus herrlich.
Bald aber geriethen ſie über ein paar darauf befindliche Figuren in Streit und wandten ſich an Margreth', damit ſie entſcheide, wer im Rechte ſei. Der Vater hatte das Zimmer bereits wieder verlaſſen, um im Hauſe nachzu⸗ ſehen, ob auch Alles in gewohnter Ordnung ſich vorfinde.
Margreth' war den Kindern ihres Gebieters an wirklicher Bildung nur wenig überlegen. Ihre Kennt niſſe endigten in der Kunſt, Gedrucktes mit einiger An⸗ ſtrengung leſen zu können. Die Frage der Kinder ward aber ſchnell von ihr entſchieden, indem ſie Beiden Recht gab, womit die Kinder auch zufrieden waren. Während ſie aber dies Urtheil fällte, haftete ihr Auge doch länger auf dem Bilde und verirrte ſich endlich auch zu der Be ſchreibung, die in großer Schrift unter dem Bilde ſtand. Das Bild ſtellte, wie die Ueberſchrift ſagte, den unſterb⸗ lichen Sieg dar, welchen der berühmte holländiſche Schiffscommandeur Ipſen über den berüchtigten See— räuber Morgan erkämpft hatte.
Weiter las Margreth' nicht. Bei dem Namen Ipſen ging ein Zittern durch ihren Körper, daß beinahe das bedruckte Papier ihren Händen entfallen wäre. Die Kinder riefen laut nach dem Vater, das Mädchen ſprang hinaus, um Waſſer zu holen und die Zitternde damit zu beſprengen; denn ſie glaubten die mütterliche Pflegerin von ſchwerer Krankheit befallen.
Margreth' war aber eine ſtarke frieſiſche Natur. Sie konnte erſchüttert, nicht ſo leicht niedergeworfen werden. Ehe Claas noch zurückkam, war ſie ſchon wieder gefaßt und vollkommen Herr ihrer Gefühle. Claas blickte ſie beſorgt an.
„Du biſt blaß, Margreth', Du haſt Dich erſchrocken,“ ſprach er.
„Ja, Baas, und noch dazu über ein Stück Papier! Gelt, ich bin recht ſchwachherzig! Wo iſt das her?“
Sie reichte ihm den ziemlich großen Bogen Papier, der, zuſammengefaltet, eins jener vielen fliegenden Blätter darſtellte, welche damals in den meiſten Gauen deutſcher Zunge noch die Stelle der Zeitungen verſahen und von beſonders wichtigen und wiſſenswerthen Ereigniſſen dem Volke Kunde brachten.
„In Heide nahm ich's mit aus der Herberge,“ ſprach Claas,„angeſehen hab' ich's nicht.“
„Da leſ't! Was ſteht da?“
Der Hofbeſitzer blickte mit ernſter Miene auf die krauſen Züge der gedruckten Schrift. Auch er war kein Gelehrter, und es dauerte ein paar Minuten, ehe er die ganze in verſchnörkeltes Deutſch eingekleidete Ueberſchrift der Abenteuer oder Heldenthaten, die erzählt wurden, durchgeleſen hatte. Fragend ſah er darauf Margreth' an. „Wenn Er es wärel“ ſagte dieſe unter heftigem Herzklopfen.
„Ipſen!“ ſprach Claas. Dann fügte er kopfſchüttelnd hinzu:„Iſt unmöglich, ganz unmöglich! Es leben der Ipſen mehr in der Welt.“
Margreth' wurde das Athmen ſchwer, das erregte
Bluth röthete ihr Geſicht, ſie legte die Hände gefaltet
über das zitternde Buſentuch. „O, hätte ich Gewißheit!“ ſtieß ſie heraus, während Thränen auf's Neue ihre Augen trübten.„Mir war's
immer, als könne er nicht geſtorben ſein, als würde und
1 müſſe ich ihn wiederſehen!“ Ruderern bemannt, zeigten an, daß hier eine Seeſchlacht
Die Kinder zeigten einander
„Niß Ipſen iſt todt, glaub' mir!“ verſetzte Claas finſter und ſeine Stimme klang faſt hart. „Es weiß Niemand, wohin er ſich gewendet,“ fuhr


