Jahrgang 
1857
Seite
198
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kräftigen Frau untergraben. Sie kränkelte lange, ohne auf ihre Leiden zu achten, und ſo lange ſchwere Sorgen die Stirne des hart bedrängten Gatten umdüſterten, hielt die Angſt ſie aufrecht. Als nun aber nach langem Bangen endlich dauernde Ruhe eintrat, da brach die arme Leidende zuſammen und erlag in wenigen Wochen einem verzehrenden Fieber.

Dieſer neue unvermuthete Schickſalsſchlag laſtete abermals ſchwer auf Claas. Seine noch unerzogenen Kinder bedurften nothwendig einer Mutter, und da er weder ein Mann war, der Trieb und Luſt in ſich fühlte, unter den Töchtern des Landes lange zu ſuchen, um ſich die ſchönſte und wohlhabendſte auszuwählen, noch Willens, ſein Lebensglück und die Zukunft ſeiner Kinder durch eine übereilte Heirath möglicherweiſe auf's Spiel zu ſetzen: ſo bedachte er im Stillen, was wohl für ihn das Beſte ſei.

Er blieb nicht lange unſchlüſſig. Margreth' kannte er faſt ſo gut wie ſich ſelbſt. Er hatte ſie in einem Zeit⸗ raume von nahezu zehn Jahren treu, fleißig, zuverläſſig, immer willig und redlich im Dienſte erfunden. Sie war alſo ohne Frage ein Mädchen, das nicht blos zur Führung einer Wirthſchaft ſich in jeder Hinſicht eignete, ſondern beſaß außerdem auch noch Eigenſchaften, welche einen Mann von geradem Charakter unbedingt glücklich machen konnten..

Eines Morgens, als der Hofbeſitzer Margreth' über⸗ raſchte, wie ſie eben mit mütterlicher Liebe für die Kinder ſorgte, faßte er ſich ein Herz. Er reichte dem Mädchen ſeine ſchwielige Hand hin und ſagte kurz, indem er ſie freundlicher als gewöhnlich anblickte:

Willſt' es immer ſo forttreiben, Margreth', bin ich's wohl zufrieden. Da iſt meine Hand ſchlag' ein.

Margreth' ſah mit einer halben Wendung ihres ſchö⸗ nen Kopfes flüchtig zu Claas auf, nickte dann mit kaum merklichem Lächeln, und ſagte gleichgiltig:

Wohl, Baas, bin's zufrieden.

Sollſt Gebieterin werden auf Bombüll⸗Hof, ſetzte Claas hinzu, da er merkte, daß die Magd den Sinn ſeiner Worte nicht ſo gefaßt hatte, wie er ſelbſt ihn verſtanden wiſſen wollte. Ein langer fragender Blick Margreth's ließ ihn nicht weiter ſprechen. Das Mädchen ward todtenbleich, ſie zitterte und eine Thräne benetzte ihre Wimper. Sie ſagte aber nichts, als:

Ihr thut mir weh, Baas! Damit preßte ſie beide Hände gegen die Bruſt, ließ ab von den Kindern, die nicht verſtanden, was zwiſchen dem Vater und ihrer Pflegerin vorging, und wollte das Zimmer verlaſſen.

Claas vertrat ihr den Weg.

Ich will Dein Beſtes, Margreth', ſprach er bittend.

Laßt mich!

Du ſollſt gehalten werden, wie eine Edelfrau! Ihr ſtoßt mir das Herz ab, Baas!

Du haſt Niemand außer mir, Margreth'! Deine Aeltern ſind todt, Dein Verlobter

Claas endigte nicht, denn wieder traf ihn das Auge der jungen Magd. Diesmal aber war der Blick dieſes

Auges ſo tief, ernſt, ja geiſterhaft, daß er faſt davor

erſchrak.

Ihr denkt ſeiner, Baas, und Ihr könnt mir Anträge

machen? ſprach ſie mit leiſem Vorwurf. Du trauerſt um ihn, ſeit er von uns ging.

Gewiß, ich thu's, verſetzte Margreth' und ihr Auge Ein feines Roth überhauchte wieder die er⸗

glänzte.

V bleichte, von langem Harme ſchmal gewordene Wange. Ich werd' um ihn trauern, ſo lange die Sonne den Schatten meines Leibes anf den grünen Koppeln abzeich⸗ net! Wär' ja nicht werth, daß Gottes Hand mich ſchirmte und hielt, könnt' ich ſein vergeſſen, der um meine Ehre landflüchtig ward. Aber er iſt todt, Margreth', und kehrt niemals zurück, warf Claas ein.Du lebſt noch, Du kannſt und ſollſt noch Gutes thun. Erſetzeſt Du meinen Kindern die Mutter, mir die Frau, ſo erfüllſt Du Deine Pflicht und lebeſt nach Gottes Wohlgefallen.

Hört auf, Baas, und ängſtigt mich nicht mehr, ſagte Margreth' ſanfter.Ich kann Euch das nicht ſein, was Ihr wollt, denn ich gehöre immerfort Niß Ipſen. Wollt' ich Euer Weib werden, beging ich eine zwiefache Sünde. Alſo nichts mehr davon! Euern Kindern aber will ich gern die Mutter erſetzen, ſo gut ich kann. Ich habe ſie eben ſo lieb, als gehörten ſie mir zu eigen.

Claas betrübte zwar dieſe entſchiedene Weigerung Margreth's, ihm die Hand zu ehelichem Bunde zu reichen, weil er aber die Feſtigkeit des Charakters ſeiner treuen Magd kannte, drang er nicht weiter in ſie. Er wußte, daß doch jedes fernere Wort überflüſſig ſei. Darum gab er ſeinen Plan auf. Seußzend reichte er der mit ſo ſeltener Treue einem Verſchollenen Anhängenden aber⸗ mals die Hand, indem er ſagte:

Ich hab Dein Wort, Margreth', und halte Dich dabei feſt. Sei und bleibe meinen Kindern Mutter!

Ich hab's geſagt, Baas, erwiederte das Mädchen, die Hand des Hofbeſitzers drückend.

Es iſt gut, ſagte dieſer, gab jedem der Kinder einen Kuß, drückte die Augen zu, als ſei ihm etwas hineinge⸗ flogen, das ihn am Sehen hinderte, und trat tief auf⸗ athmend hinaus auf den Peſel.

Seit dieſer Anſprache ging es wieder ſo ruhig wie immer zu auf Bombüll-Hof. Claas hielt eben ſo gut Wort, wie Margreth'. Zwiſchen Beiden kam das Vor⸗ gefallene nie wieder zur Sprache. Damit aber das wackere Mädchen auch ganz ihre Pflicht thun könne, nahm er noch eine zweite Magd in Dienſt, die unter Margreth's Aufſicht und gewiſſermaßen auch Zucht ſtand. So hob

er die Pflegerin ſeiner Kinder doch in einer Hinſicht auf den Poſten einer wirklichen Hausfrau. Ihr mußte das übrige Geſinde gehorchen; was ſie aus eigenem Antriebe oder im Namen und Auftrage des Baas anordnete, mußte von Allen unweigerlich vollzogen werden. V Der verwittwete Hofbeſitzer fand ſich bald in dieſe neue, von ihm ſelbſt eingeführte Ordnung der Dinge. Freilich fehlte ihm ſtets etwas, das Niemand ihm erſetzen konnte und das ihn häufig unruhig in ſeiner Wohnung umhertrieb; denn mit Margreth' ſo recht von Herzen zu ſprechen, wagte er nicht. Es war ihm dies auch unmög⸗ lich, weil ihr ſtilles, treues Walten zu viel Berückendes für ihn hatte, und er dies lieber nur mit halben Auge ſah, als mit Margreth' darüber ſich in ein Geſpräch ein⸗ ließ, wobei er nicht ſicher war, daß er ſein Verſprechn hielt und ſeine Zunge bändigte. Margreth' ſchien nichts davon zu bemerken. Sie blieb ſich immer gleich gegenüber ihrem Brodherrn und den Dienſtboten, die ja zugleich ihr Mitgeſinde waren. Daß aber das trauernde Mädchen der äußern Ruhe un⸗ geachtet, die ſie zur Schau trug, doch nicht glücklich ſei, verrieth ihr Ausſehen. Langſam zwar, einem ſcharfen Auge aber doch erkennbar genug, begann ſie zu verblühen.