Jahrgang 
1857
Seite
196
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einen blutigen Strauß auszufechten. Entweder gilt es, den Schwächeren zu unterdrücken, oder den gehaßten ebenbürtigen Bruder zu zermalmen.

Die Hauptſtreiter ſind die rothbraunen Ameiſen. Hat ſich irgend eine Veranlaſſung gefunden, ſo werden von beiden Seiten gewaltige Heere auf den Kampfplatz geſendet, die mit Waffen und Munition wohl ausgerüſtet ſind: denn die Kiefern, mit denen ſie den Feind anpacken, dienen ihnen als Schwerter; der kleine ſpitzige Stachel iſt ihr Dolch; die Füße ſind die Arme, mit denen ſie den Gegner mordgierig umklammern, und der giftige Saft, den ſie ausſpritzen, dient ihnen als Flinten⸗ und Kanonen⸗ kugeln.

Stoßen die zwei Heere auf einander, dann fallen ſie ſich wüthend an, packen ſich gegenſeitig mit den Kiefern, um den Schwächeren in die Gefangenſchaft zu ſchleppen, und beſpritzen ſich mit dem beißenden Gifte. Die ganze Schlacht beſteht ge⸗ wöhnlich in Zweikämpfen, wo dann der Sieg lange ſchwankt, bis noch eine dritte oder mehrere andere Ameiſen hinzueilen und dadurch der einen Partei das Uebergewicht verſchaffen. Während dieſes Kampfes werden die Geſchäfte des Hauſes nicht unter⸗ brochen; die zurückgebliebenen Burggenoſſen holen aus dem Walde die gewöhnliche Nahrung, während andere die Gefange⸗ nen in ihre Burg hineinzerren, zur Bewachung übergeben und dann wieder in den Kampf zurückeilen. Es geht ſehr hitzig im Gefecht zu, und man muß über die Kühnheit und Todesverach⸗ tung der kleinen Thierchen erſtaunen. Sie laſſen ſich lieber zer⸗ fleiſchen, als daß ſie gutwillig nachgeben, daher es denn an Ver⸗ ſtümmelungen, an ausgeriſſenen Beinen, abgemähten Köpfen und zerfetzten Leibern nicht fehlt.

Bewunderung erregt es, daß jedes Thierchen ſeinen Freund und ſeinen Feind kennt. Sollte im hitzigen Streit auch einmal ein Kämpfer auf ſeinen Heimathsgenoſſen losgehen, ſo ſieht er doch bald wieder ſeinen Irrthum ein, läßt ab vom Kampf und ſtreichelt den Freund liebreich mit ſeinen Fühlhörnern.

Bei einbrechender Nacht wird dem Kampf ein Ende gemacht. Die beiden feindlichen Heere laſſen von einander ab und kehren in ihre heimathlichen Burgen zurück, mit Hinterlaſſung der Tod⸗ ten, doch alle Gefangenen ſorgfältig mit ſich führend. Am

die Heere in Schlachtreihen, und der Kampf beginnt aufs neue, nur daß er noch hitziger geführt wird, als am erſten Tage. Auch legt ſich der Feind manchmal in den Hinterhalt; und wer von der gegneriſchen Seite ſich zu weit vorwagt, der wird wüthend über⸗ fallen und gemordet. Und kommt ein Feind mit ſtarker Krieger⸗ ſchaar, ſo ſchicken die, welche im Hinterhalt liegen, ſofort in ihren Stock und fordern Hülfe, die ihnen auch alsbald reichlich zu Theil wird.

Wer Zeit und Muße hat, den Wald zu beſuchen, der ver⸗ ſäume nicht, nach den Ameiſenhaufen ſich umzuſchauen; er wird bald Zeuge ſolcher intereſſanten Kämpfe ſein können; aber er hüte ſich, in ein Ameiſenneſt zu ſtochern, ſonſt wird leicht ein Kampf gegen ihn ſelbſt entbrennen. R. K.

Eine Entennation. Die Japaneſen ſind gleich den meiſten Orientalen eine Entennation. Mit Wolluſt genießen ſie Dampf⸗, warme oder Seebäder und verwenden auf dieſes Vergnügen viele Zeit. Sogar in der kleinen Stadt Simoda ſind vier Bade⸗ anſtalten, wo Perſonen für eine kleine Münze im Werth von Cent(oder% eines preußiſchen Pfennigs) in eine ungeheure Wanne voll warmen Waſſers ſteigen, oder, wenn es zu warm iſt,

ſich in die äußern Gemächer begeben und zum Schluß ein Dutzend

und noch mehr Eimer kalten Waſſers über ihre Köpfe ausgießen oder ausgießen laſſen. Jedes Alter und Geſchlecht entledigt ſich aller Kleidung und miſcht ſich ſorglos mit den andern im Bade.

und nicht blos dies, ſie leiſten ſich auch untereinander Leib⸗

dienſte ohne die geringſte Rückſicht auf Alter oder Geſchlecht. Häufig ſieht man Hunderte von Männern, Weibern und Kindern, die ganze Bevölkerung von Dörfern in der See in gemiſchten Haufen herumrollen, jauchzend und ſchreiend, wie eben ſo viele Wilde. Golowin, ein ruſſiſcher Capitain, der lange Zeit ihr Gefangener war, bemerkt, daß auch die höheren Claſſen des Anſtandesjammervoll bedürftig wären. Es iſt bedauerns⸗ werth eine ſo fatale Abweſenheit deſſen zu ſehen, was das ſchönſte Merkmal für den Grad der Civiliſation und der Moral einer Nation iſt.

Die Heimathloſigkeit des Ruſſen. Allen Reiſenden in Ruß⸗ land fällt die Niedergeſchlagenheit und Schwermuth des ruſſiſchen Muſchik(Bauer) auf. Der Negerſklave kann lachen und ſcher⸗ zen; der ruſſiſche Bauer iſt ſtets traurig, ſelbſt in ſeinen Geſän⸗ gen und Liedern. Höchſtens die Trunkenheit kann eine vorüber⸗ gehende, unnatürliche Luſtigkeit erzeugen. Der Schweizer be⸗ kommt das Heimweh bei den Tönen des Kuhreigens; der Muſchik hat ein perpetuirliches Heimweh; aber er krankt nicht nach der Heimath, ſondern an der Heimath. Keiner Klaſſe in Rußland gilt die Heimath wirklich als Heimath. Selten kommt es vor, daß Muſchiks, die ſich aus der Leibeigenſchaft zu Kaufleuten

emporgearbeitet und großes Vermögen erworben haben, am D

Abbend ihrer Tage ſich in das Dorf zurückziehen, in dem ſie ge⸗

Bediente in den großen Städten.

boren, oder daß ſie auch nur in ihren Vermächtniſſen ihres Ge⸗ burtsorts gedenken. Auch die Soldaten kehren, wenn ihre Dienſtzeit vorüber, ſelten in ihr Dorf zurück; ſie werden lieber Was ſollten ſie auch anders thun! fragt der ächte Ruſſe. Sie ſind keine Leibeigenen mehr und ihrem Herrn nichts mehr nütze. Sie ſind nicht mehr jung und für die Conſcription nicht mehr zu gebrauchen. Was ſollten

ſie alſo in ihrem Dorfe thun? Nach ruſſiſcher Auffaſſung beſteht

2 8: der Patriotismus des Ruſſe rin, daß er ſich über in andern Morgen, noch ehe die Sonne aufgeht, ſtellen ſich wieder der Patriotismus des Ruſſen darin, daß er ſich überall, im gan

zen Umfange des Reiches, zu Hauſe fühlt, wohin ſein Kaiſer ihn

ſendet. Die germaniſche Race durchſtreift zwar die ganze Welt,

ſich auf Balken, welche darüber gezogen ſind, niederlaſſen, um ſich

dem Einfluß des aufſteigenden Dampfes auszuſetzen, worauf ſie

Verlag von Hugo Scheube in Gotha. Verantwortl. Redacteur

Hugo Scheube in Gotha. Druck von Gieſeckt a Devrient in Leipzig.

aber ſie hängt mit Liebe an der Heimath und nicht leicht verläßt den Wanderer der Gedanke, eines Tags dahin zurückzukehren.

Ertrag des Tabaßsbaues. Der Tabaksbau im Großher⸗ zogthum Heſſen gewinnt von Jahr zu Jahr an umfaſſender Ver⸗ breitung. Dazu eignet ſich beſonders die Provinz Starkenburg, welche in ihren ebenen Theilen einen für die Tabakscultur vor⸗ trefflichen Sandboden beſitzt. Und der Bauer pflanzt mit Luſt und Eifer dieſes Kraut, weil die Kartoffelernte ſeit Jahren ge⸗ ring geweſen iſt und der Tabak einen lohnenden Ertrag liefert, zugleich auch weil in den nahen großen Städten ein leichter und bequemer Abſatz zu erzielen iſt. Welch einen ſtaunenswerthen Gewinn dieſer Tabaksbau bringt und bringen kann, beweiſt uns der Garten des Großherz. Heſſ. Correctionshauſes zu Dieburg (bei Darmſtadt), worin im Jahre 1856 auf einer Fläche von 868 Gr. Heſſ. Klaftern(400 Klafter= 1 heſſ. Morgen) 2946 Pfd. (100 Pfd.= 1 Centner) Tabak gezogen und daraus 623 fl. 17 kr. als Reinertrag gewonnen wurden. Von dem Fabrikanten Wenck in Darmſtadt wurde für 1 Ctr. Deckblatt 31 fl. 10 kr., für 1 Ctr. Sandblatt 11 fl., für 1 Ctr. 1. Geize 6 fl. und 2. Geize 3 ½ fl. bezahlt. R. K.