Jahrgang 
1857
Seite
193
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Greytown genannt) in den atlantiſchen Ocean mündenden Fluſſe San Juan, der durch Kunſt erweitert und vertieft wer⸗ den könnte, würden die Schiffe hinauffahren bis zu dem See Nicaragua, von welchem der Fluß ausgeht, ſie würden die⸗ ſen See ſchräg durchſchneiden bis etwa zu dem Punkte, wo die Stadt Rivas iegt und von hier würde durch einen Durchſtich von wenigen Meilen in der Länge der ſtille Ocean gewonnen werden. Die Möglichkeit einer Canalverbindung auf dieſem Wege, aber auch nur auf dieſem, läßt ſich nicht bezweifeln, die Ausführung wurde bis jetzt nur durch die ungeordneten ſtaatlichen Verhältniſſe dieſer centralamerika⸗ niſchen Länder aufgehalten. Dieſe kleinen Republiken ſind durch fortwährende Parteikämpfe zerrüttet und unfähig eine geordnete Regierung aus ſich zu erzeugen. Gerade dieſe Parteizwiſte aber waren die Veranlaſſung, um ein neues, kräftiges und zur Herrſchaft befähigtes Element, das angel⸗ ſächſiſche, herbeizuziehen und zwar gerade in den Staat, der, wie wir ſoeben darlegten, vermöge ſeiner geographiſchen Vor⸗ theile der wichtigſte unter den centralamerikaniſchen Staaten iſt, weil er allein die Möglichkeit einer Canalverbindung dar⸗ bietet nach Nicaragua.

Die demokratiſche Partei dieſes Staates, unfähig aus eigner Kraft ihrer ariſtrokratiſchen Gegner Herr zu werden, wandte ſich in den erſten Monaten des Jahres 1855 an den amerikaniſchen Abenteurer William Walker in San Francisco in Californien, der ſich durch eine übrigens völlig verun⸗ glückte Flibuſtier⸗Expedition nach der mexikaniſchen Provinz Sonora ein gewiſſes Anſehen unter ſeinen Landsleuten er⸗ worben hatte. William Walker iſt als der Sohn eines von Schottland eingewanderten Bankiers im Jahr 1824 in Teneſſee geboren, und war ſomit im Jahr 1855 31 Jahre alt. Er führte von früher Jugend an ein herumſchweifendes Leben, durchreiſte Europa, lebte dann bald als Zeitungs⸗ redakteur in New⸗Orleans und San Francisco, bald als Advokat in andern Städten der Union und widmete ſich end⸗ lich ganz jenem amerikaniſchen Flibuſtierweſen, das die Schwäche und den Verfall der ſpaniſch⸗indianiſchen Race be⸗ nutzt, um in abenteuerlichen Freizügen auf eigene Fauſt, die ſtets nur unter Verletzung der nordamerikaniſchen Neutrali⸗ tätsgeſetze unternommen werden können, die angelſächſiſche Race weiter nach Süden auszubreiten. Nachdem ihm im Juli 1853 eine Expedition dieſer Art durch rechtzeitiges Ein⸗ ſchreiten der californiſchen Behörden vereitelt worden war, gelang es ihm im Oktober deſſelben Jahres ſie wirklich in's Werk zu ſetzen, fungirte eine Zeit lang alsPräſident von Niedercalifornien und Sonora, mußte aber, mehr durch phyſiſche Entbehrungen als durch die mexikaniſchen Waffen genöthigt, nach Californien zurückkehren, wo er wegen Ver⸗ letzung der Neutralitätsgeſetze vor ein Gericht geſtellt, von dieſem jedoch freigeſprochen wurde. Er lebte nun wieder als Zeitungsredakteur in San Francisco, wegen der in ſeinem unglücklichen Feldzug bewieſenen Tapferkeit und Umſicht in großem Anſehen bei den zahlreichen Unbeſchäftigten und Abenteurern, die das californiſche Gold in's Land gelockt und betrogen hat. Als ihm der Antrag der demokratiſchen Partei in Nicaragua zukam, mit einer Anzahl kräftiger Geſellen ihrer Sache zu Hilfe zu kommen, ging er ſofort darauf ein und es gelang ihm mit etwa 150 Mann den Hafen von San Francisco zu verlaſſen und am 11. Juni an der Küſte von Nicaragua zu landen, wo das ariſtokratiſche Heer entſchieden im Vortheil war. Die Ankunft Walkers änderte dieſes Ver⸗ hältniß raſch. So abenteuerlich die amerikaniſchen Berichte über die Walker'ſchen Kriegserfolge lauten, ſo ſind ſie doch keineswegs unglaublich, wenn man die völlige Verkommenheit

und namenloſe Feigheit dieſer indo⸗ſpaniſchen Miſchlingsrace kennt. Walker erhielt den Auftrag Rivas zu beſetzen. Er nahm dazu 58 von ſeinen eigenen Leuten und 100 Mann Eingeborne. 480 Mann von dem ariſtokratiſchen Heere machten ihm den Beſitz von Rivas ſtreitig. Kaum hatte das Gefecht begonnen, ſo liefen die 100 Eingebornen davon und ließen Walker mit ſeinen 58 Amerikanern allein. Er ver⸗ ſchanzte ſich in einem Gebäude der Stadt, trotzte den ganzen Tag über den Angriffen eines überlegenen Heeres, von wel⸗ chem viele durch amerikaniſche Kugeln fielen und ſchlug ſich Nachts, mit einem Verluſt von nur 10 Mann, durch den Feind und die Stadt hindurch, ohne verfolgt zu werden. Das feindliche Heer ſoll 180 Mann verloren haben. Natür⸗ lich ſtieg der Reſpekt der Nicaraguaner vor der kaltblüthigen Tapferkeit der Amerikaner nicht wenig durch dieſes Treffen, obwohl es verloren worden war. Dieſer Reſpekt war denn auch ein wohlbegründeter. Walker ſtellte die Disciplin in dem eingebornen Heere, ſo gut es ging, her, und das zweite Treffen bei Virgin Bay im September 1855 fiel vollſtändig zu Gunſten der mit den Amerikanern verbündeten Demokra⸗ ten aus. Das überlegene feindliche Heer mußte ſich mit großem Verluſte zurückziehen vor den Büchſen und Revolvern der in blaue Bluſen, ſchwere Filzhüte nnd hohe Stiefeln ge⸗ kleideten amerikaniſchen Flibuſtier. Die Einnahme der befeſtigten Stadt Granada war die unmittelbare Folge und damit war den demokratiſchen Waffen das Uebergewicht im Staate in entſcheidender Weiſe geſichert. Walker fand es inzwiſchen zuträglicher eine Verſöhnung beider Parteien herbei⸗ zuführen und eine neue Regierung einſetzen zu laſſen, wodurch der Staat zur Ruhe zurückgebracht, er ſelbſt aber zum Ober⸗ befehlshaber der Armee der Republik ernannt wurde. Die Verſöhnung fand am 29. October zu Granada Statt. Pater Vijil, ſpäter Geſandter in Washington, hielt den Gottesdienſt und wies in ſeiner Rede auf den Mann hin, den die Vorſehung geſandt hat, um dieſem blutbefleckten, unglücklichen Lande Frieden, Wohlſtand und Glück zu brin⸗ gen. Zum Präſidenten wurde Don Patricio Rivas ernannt.

Natürlich genügten dieſe Erfolge um das Anſehen Wal⸗ kers bei ſeinen Landsleuten zu erhöhen und zahlreiche Aben⸗ teurer unter ſeine Fahnen zu locken. Sie genügten aber nicht, um die Anerkennung der amerikaniſchen Union und der be⸗ nachbarten kleinen Republiken für die neue Regierung von Nicaragua zu erlangen. Dieſe letzteren ſahen ganz richtig ein, daß die Feſtſetzung der Amerikaner in Nicaragua ihrer eigenen Exiſtenz mit der Zeit gefährlich werden mußte; ſie rüſteten ſich zum Kampfe gegen die neue Ordnung der Dinge in Nicaragua und boten Alles auf um die Anerkennung dieſer neuen Ordnung durch die vereinigten Staaten von Amerika zu verhindern. Es iſt begreiflich, daß ſie an den Bevollmäch⸗ tigten der europäiſchen Staaten eifrige und einflußreiche Bundesgenoſſen fanden. Der Präſident zu Washington wurde mit Proteſten und Aufforderungen zur Handhabung der Neutralitätsgeſetze beſtürmt. So geſchah es denn, daß der neuernannte nicaraguaniſche Geſandte in Washington weder Anerkennung noch Audienz bei dem Präſidenten erlan⸗ gen konnte, obgleich der amerikaniſche Geſandte in Nicaragua ſofort die neue Ordnung der Dinge anerkannt hatte. Man wollte in Washington abwarten, ob Walker ſich in ſeiner Stellung zu behaupten vermöchte. Daß ein Conflikt mit den benachbarten Staaten, insbeſondere mit Coſta⸗Rica bevor⸗ ſtand, war gewiß..

Dieſer Conflikt hat für die Deutſchen ſchon dadurch ein Intereſſe als Männer mit deutſchen Namen dabei eine gewiſſe Rolle ſpielen. Zunächſt erſcheint einOberſt Schleſinger,