Jahrgang 
1857
Seite
191
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der Speculant ſammelt und wird reich. Er ſchöpft gleichſam den Rahm von der Milch des Arbeiters.

Was die Hütten-, Gruben⸗- und andern induſtriellen Beamteten betrifft, ſonbeziehen auch ſie faſt ohne Ausnahme einen ungewöhnlich hohen Gehalt. Aber auch ihnen gehen die Bedingungen eines angenehmen Lebens ab. Höhere Genüſſe, Theater, gute Muſik und dergleichen, bieten ſich ihnen faſt nie. Sie ſind faſt lediglich auf ſinnliche Vergnü⸗ gungen angewieſen. Alles um ſie her iſt Induſtrie und Speculation, Speculation und Induſtrie. Jede Poeſie, jeder Duft muß ſchwinden in einer ſolchen Wirklichkeit. Und ſelbſt die Geſelligkeit wird ſtumpf. Daß ſich einzelne ausgezeich nete Kräfte und Fähigkeiten trotz dieſen Verhältniſſen oder vielmehr gerade in ihnen zu Ruhm und Reichthum auf⸗ ſchwingen, verſteht ſich von ſelbſt. Die Intelligenz bedarf des Angenehmen und Schönen nicht. Und in der That mehr als eine Coryphäe der Oberſchleſiſchen Induſtrie hat ſeine Laufbahn als untergeordneter Beamtete begonnen. Wir gedenken hier nur eines Mannes, welcher ſeine Laufbahn als ſimpler Schreiber eröffnete und bei ſeinem Tode einen geadel⸗ ten und berühmten Namen, einen der größten Güter⸗ Complexe Oberſchleſiens und eine ſo große Menge Gruben, Hütten und Oefen hinterließ, daß es kaum möglich iſt, den Werth ſeiner Hinterlaſſenſchaft auch nur annähernd anzugeben.

Was die Speculation anlangt, ſo haben wir bereits einige Pröbchen vorgezeigt, werden auch noch einige zum Beſten geben. Dieſe Proben verhalten ſich aber zur Maſſe, wie die Tropfen am Eimer zum Inhalt. Und wenn ein Schriftſteller tauſend Jahre lebte und die Federkraft eines Kock oder Dumas beſäße, ſo könnte er die Geſchichte der Oberſchleſiſchen Speculation nicht erſchöpfen. Die Blüthe zeit derſelben, die Zeit, wo ſie hunderttauſende in kurzer Zeit gewann, iſt übrigens vorüber. Die Auflärung und Con⸗ currenz erſchwert die Geſchäfte. Man kauft heut nicht mehr ſo leicht ein Beſitzthum für einige Hundert und findet Erz⸗ lager von einer Million an Werth. Und gleichwol wurde im Kreiſe Beuthen noch vergangenes Jahr ein Grundſtück von 7 Morgen für 10,000 Thaler gekauft, welches muth⸗ maßlich ein Erzlager im Werthe von mehren Hunderttauſenden birgt. Doch gehörtdieſer Falljetzt zu den Seltenheiten, während aus früherer Zeit dergleichen ſehr viele anzuführen wären.

Der größte Theil der jetzigen Speculanten hält ſich vor⸗ züglich an die Eiſenbahn. Und man kann wol ohne Ueber⸗ treibung behaupten, daß es in den Oberſchleſiſchen an der Bahn liegenden Städten nur wenig Bürger gibt, welche nicht irgend wie mit der Bahn in Geſchäftsverbindung ſtehen.

Daher ſind bei einem großen Theile der Oberſchleſiſchen Kaufleute und Handwerker Laden und Profeſſion nur Neben⸗ ſachen, Namen für ein ungeſetzliches Kind. Hauptſache iſt: Geſchäfte mit der Bahn zu machen, Kies, Schwellen, Zie⸗ gel oder ſonſt irgend Etwas für die Bahn zu liefern. Bedarf von dergleichen iſt bei einer Bahn, welche täglich 27 Züge befördert, welche, um einen Theil ihrer ungeheuren Einkünfte wieder anzulegen, immerfort baut, renovirt, vervollſtändigt, natürlich immer. Gleichwol kann man nicht Alles brau chen und annehmen, was die Legion der Speculanten bietet.

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Anſtatt nur die Lieferungsgeſchäfte auf dem Wege der Licita⸗ tion zu vergeben(wie neuerdings, ſeitdem die Bahn an den Staat übergegangen, beſchloſſen worden), ſtellte man es dem Belieben der betreffenden Beamteten(den Baumeiſtern, Streckenconducteuren und Bahnmeiſtern) anheim, dem einen Angebot gegenüber zu ſagen: Wir nehmen's nicht an; wir brauchen das, was Ihr liefern wollt, nicht! einem andern gegenüber: Wir nehmen es an; Ihr mögt liefern! Und gelang es jedennoch einem der Speculanten, durch Fürſprache eines Oberbeamten gegen den Willen des betreffenden Unter⸗ beamten eine Lieferung zu erhalten, ſo lag es immer noch in der Gewalt des Unterbeamten, bei Abnahme des Materials durch allerlei Chicanen den Lieferanten ſo zu zwicken und zu ſchrauben, daß ihm das Geſchäft nur geringen oder gar keinen Gewinn abwarf.

Daß dieſe Willkühr unvermeidlich zur Beſtechlichkeit führte, liegt auf der Hand. Und dadurch erſtand wieder für die ſpeculative Wirkſamkeit ein neues, höchſt intereſſantes und gewinnreiches Feld. Der Speculant verſuchte, einen gewiſſen⸗ loſen Beamteten zum Verbündeten, zum Theilnehmer an der Speculation zu machen. Gelang ihm dies, ſo war er gebor⸗ gen, und ſein Geſchäftim Flor

Was endlich Induſtrie und Capital betrifft, ſo bedeuten ſie in dem induſtriellen Theile Oberſchleſiens ſo ziemlich ein und daſſelbe. Die Induſtrie iſt des Oberſchleſiers Capital. Und dieſes Capital iſt ſo ungeheuer, daß es ſich gar nicht berechnen läßt, daß man Mühe hätte, auch nur die Zinſen zu berechnen.

Wenn man bedenkt, daß die Gruben von Charley in

3 Monaten für 400,000 Thaler Galmey ergeben; daß die

Luiſengrube von Zaberze(aus 4 Schachten) täglich 3000 Tonnen Kohlen fördert(wovon die Oberſchleſiſche Bahn allein circa 1000 Tonnen täglich zu Coaks verarbeiten ſoll); und wenn man erwägt, wie viele ſolcher großartig ergiebiger Gruben es gibt, und wie viele reiche Lager noch verborgen im Schooße der Erde ruhen mögen; dann gibt man wol recht gern den Gedanken an eine Berechnung dieſes Capitales auf. Auf welcher hohen Stufe aber die Oberſchleſiſche Induſtrie, als Intelligenz betrachtet, ſteht, davon haben alle Induſtrie ausſtellungen Zeugniß gegeben, und davon gewinnt man ein zur höchſten Bewunderung hinreißendes Bild, wenn man ein einziges Mal die Eiſenhütte Laura betritt und die Wunder⸗ werke derſelben betrachtet.

Bringen wir die obigen Betrachtungen unter den Stand⸗ punkt des Schönen und Sittlichen, ſo gelangen wir zu der überraſchenden und gewiſſermaßen betrübenden Entdeckung: Daß die Induſtrie, welche wir doch, als entſchiedenen Fort⸗ ſchritt, nicht hinweg wünſchen dürfen, mit Schönheit und Sittlichkeit im Gegenſatz zu ſtehen ſcheint, der Art, daß, wo ſie zur Erſcheinung und Geltung kommt, Schönheit und Sittlichkeit ſchwinden. Hierüber müſſen wir uns durch die Erwägung tröſten: Daß, ſo wie in der Muſik Disharmonien ſich auflöſen in Einklang, und ſo wie gegenſätzliche Syſteme in der Wiſſenſchaft bisher immer in einem höhern dritten

aufgegangen ſind, auch die obigen Gegenſätze ſich ſpäter mehr

und mehr harmoniſch vereinigen werden.

William

Walker.

Wer hat nicht von dem abenteuernden Flibuſtier Walker geleſen oder gehört, der mit ſeinen Paar Hundert Amerika⸗ nern die mächtigſten Staaten der Welt in Spannung erhält,

deſſen Thaten, trotz der Beſchränktheit ſeiner Mittel und der Kleinheit des Terrains, die geſammte öffentliche Meinung in Europa und Amerika mit Aufmerkſamkeit folgt? Aber nicht