In einer Zeit, in welcher die ganze Welt vor dem moder⸗ nen Götzen, dem goldnen Kalbe, kniet; in welcher der ruhige, ſolide Erwerb nicht mehr befriedigt, der Handel zum Hazard⸗ ſpiel, die Sucht nach Reichthum zur Manie geworden; in einer Zeit, deren Wahlſpruch iſt: Jeder für ſich!— oder: Schwimme, wer ſchwimmen kann; wer plump iſt, ſinke unter!— in einer Zeit endlich, in welcher ſich ſelbſt der nüchternſten Köpfe ein gewiſſer Schwindel bemächtigt und der Drang nach Gold die Abenteuerluſt wieder erweckt: da muß es auch Länder, Provinzen, Gegenden geben, welche dieſe Abenteuerluſt vorzugsweiſe anziehen und befriedigen und ſo den Haupttummelplatz für den modernen Glücks⸗ und Induſtrieritter bilden.
Der abenteuerluſtige Amerikaner wandert nach Califor⸗ nien, um ſein Glück zu machen. Der Preuße, und ins⸗ beſondre der Schleſier, geht nach Oberſchleſien. Der Cali⸗ fornier ſucht und gräbt Gold; der Oberſchleſier ſucht und gräbt Kohlen, Galmei, Zink und Eiſen. Dergleichen Aehn⸗
Oberſchleſien auch wol das Preußiſche Californien genannt.
In der Hauptſache beſteht aber ein ſehr weſentlicher Unterſchied. Während nämlich der Californier Gold und Reichthum in der Regel durch körperliche Arbeit und Anſtrengung gewinnt, ſo gewinnt der Oberſchleſier meiſt durch Speculation und Induſtrie. Denn wenn auch in Oberſchleſien die körperliche Arbeit vortrefflich bezahlt wird, ſo ſpielt ſie doch eben nur eine Nebenrolle, und die hohe Löhnung kommt weniger dem Arbeiter, als dem Speculanten, zu Gute.
Uebrigens haben wir dieſe Aehnlichkeits- und Unter⸗ ſcheidungspunkte nur nebenbei, nur des Namens wegen, be⸗ rührt. Wir laſſen jetzt Californien ganz außer Acht und betrachten Oberſchleſien für ſich allein.
Wer würde es wieder erkennen, dieſes Oberſchleſien, wenn er's vor funfzehn Jahren bereiſt und ſeitdem nicht wieder beſucht hat?— Die Landſchaft hat faſt jedes Stück Erde an den Ackerbau und einen großen Theil ihres Waldes an die Induſtrie abtreten müſſen. Die Eiſenbahn mit ihren graden, das Auge ermüdenden Linien drückt ihr an faſt allen Theilen einen Maſchinen⸗Charakter auf. Auf der ganzen linken Seite der Oberſchleſiſchen Bahn(mit Ausnahme weniger Striche) ſteigt ein grauer, ſtickiger Rauch aus Oefen und Hütten auf und lagert ſich, wie ein häßlicher Trauerſchleier, über die ganze Gegend. Alles, was du ſchauſt, iſt ſchmuckloſe Nütz⸗ lichkeit und gewinnſüchtige Speculation.
Wir haben hier vor der Hand nur den ganz induſtriellen Theil Oberſchleſiens im Auge. Denn in einzelnen Gegenden i*ſt die Induſtrie mit ihren Dampf und Rauch ausſchnauben⸗ den Maſchinenrachen noch nicht vorgedrungen. Es gibt ſogar, nur beiläufig ſei es erwähnt, eine kleine Schweiz in Ober⸗ ſchleſien, eine hübſche naturfriſche Gegend, wo Hügel und kleine Berge mit Thal, Wald und Teichen lieblich abwechſeln, eine reizende Fernſicht nach den Oeſterreichiſchen(Troppauer) Bergen ſich bietet. Und in dieſer ſelbſt von Oberſchleſiern nur wenig gekannten Gegenden gibt es ein Bad, ein Schwe⸗ feelbad(Kokoſchütz bei Loslau), ein defectes und herunterge⸗ kommenes Bad, welches nur ſehr arme und wirklich kranke eute beſuchen.
lichkeiten gibt es noch viele zwiſchen beiden; und daher hat man
Bilder aus den deutſchen Gauen. V II. Preußiſch Californien.
Von Th. König. V
Doch wir kehren zu dem Oberſchleſiſchen Bienenkorbe zurück, wo Alles Zellen an- und Honig abſetzt, wo ſich Alles um Arbeit und Capital, um Induſtrie und Speculation die vier Cardinalpunkte modernen Lebens— dreht.
Wenn Ueberfülle an Arbeit und hohe Löhnung genügten, den Arbeiter glücklich zu machen, ſo bliebe dem Oberſchleſier Nichts zu wünſchen übrig. Denn Arbeit findet dort Jeder⸗ mann, und Arbeit wird auch gut bezahlt. Die Gruben⸗ und Hüttenarbeiter ſtehen ſich ſo gut, als der Bürgermeiſter einer kleinen Stadt; und der Tagelöhner(der meiſtens an der
Eiſenbahn Arbeit findet) verdient an baarem Gelde doppelt ſo viel und darüber, als ein Preußiſcher Dorfſchullehrer.
wenig.
Aber in Oberſchleſien kauft man für vieles Geld nur ſehr Die Wohnungen ſind außerordentlich theuer. Denn der Zuſammenfluß von Menſchen hat eine Ueberfüllung derſelben herbeigeführt. Neubauten unternahm bisher ſelten Jemand iin der neueſten Zeit ſoll ſich dies geändert haben), weil Geld, in Speculationen angelegt, weit höhere Zinſen brachte und ſich viel öfter umſetzen ließ, als bei ſoliden Unternehmungen.
Die Lebensmittel ſind ebenfalls ſehr theuer. Denn ſie müſſen größtentheils aus der Ferne herbeigeſchafft werden, alſo durch die Hände eines Speculanten gehn. Endlich fehlt es dem größten Theile der Arbeiter an der Heimlichkeit, Ordnung und Behaglichkeit des Familienlebens. Nur wenige ſind verheirathet, faſt alle aus der Fremde. Wo und wie ſollen ſie ihre freien Stunden hinbringen?— Natürlich nur in der Weinſtube oder Reſtauration— mit Spiel und Trank.
Sie gehen alſo in Bier- und Weinſtuben, wo ſie dann in dem Bewußtſein, Viel zu erwerben, auch unbändig leben und ſo ihren Erwerb dem ſpeculativen Wirthe zum Opfer brina⸗ gen. Es gewährt einen eigenthümlichen, überraſchenden Anblick, wenn man des Abends in eine Weinſtube tritt und dieſe vierſchrötigen, zum Theil noch berußten und verräucher⸗ ten Geſtalten(Hütten⸗ und Grubenarbeiter) in ihrer Arbeits⸗ tracht um eine Batterie von Weinflaſchen ſitzen und den edlen und ſehr theuren Rebenſaft gleich Dünnbier hinunter⸗ ſchlucken ſieht.
Der Eiſenbahnarbeiter(welcher, anſtatt zum Weine, zum Bier und Schnaps ſeine Zuflucht nimmt) wird aber nicht nur von den Wirthen, ſondern meiſtentheils auch von dem Aufſeher ausgebeutet. Ihm muß er den Meiſter⸗ groſchen zahlen, von ihm muß er einen Theil ſeiner Lebens⸗ mittel— Brod, Kartoffeln u. ſ. w.— beziehen. Der Aufſeher aber hat dieſelben im Ganzen eingekauft und nimmt beim Einzelverkauf erhebliche Proviſion. Wir kennen einige ſolcher Aufſeher(Leute, die faſt alle ſelbſt mit Spaten und Hacke zur Bahn gekommen) und wiſſen, daß ſie in früheren Jahren(jetzt hat die Direction dieſer Ausbeutung einiger⸗ maßen geſteuert) 2—3000 Thaler des Jahres erwarben. Dieſe Herrn kleiden ſich in die feinſten Stoffe, leben wie Millionäre, und wofern man ſie nicht ſprechen hört, iſtman verſucht, ſie für Edelleute zu halten.
Angeſichts dieſer Thatſache wird man unſerer Behauptung gewiß beipflichten müſſen, daß die Ueberfülle an Arbeit und die hohe Löhnung in Oberſchleſien weniger dem Arbeiter, als dem Speculanten zu Gute kommt. Der Arbeiter nährt ſich (man kann eigentlich kaum ſagen, er nährt ſich gut); aber


