Jahrgang 
1857
Seite
189
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189

Frühlings-Ermachen.

Von Ad. Weitemeyer.

Am ſteilen Bergeshange ſchmilzt der Schnee, Und aus der Erde tief verborgnen Quellen Springt keck hervor des Waldes friſcher Sohn, Der Bach mit ſeinen ſilberklaren Wellen.

Wie freut er ſich nach eiſ'gem Winterſchlaf,

Daß er befreit iſt von den Feſſeln wieder!

Laut ſchäumend dringt er durch die felſ'ge Schlucht Und ſteigt frohlockend in das Thal hernieder.

Da hemmt er plötzlich ſeinen raſchen Lauf, Er grüßt die Blumen, die ihm zärtlich winken, Und durſtig warten auf den alten Freund, Um Blüthenkraft aus ſeiner Fluth zu trinken.

Ol könnt ich auch mit Deinen Wellen ziehn,

Du muntrer Bach, durch Feld und blum'ge Auen, Die Erde im verjüngten Frühlingskleid,

Im erſten Schmuck des Lenzes zu beſchauen!

Das iſt ein reges Leben der Natur,

Ein wunderbar geheimnißvolles Walten, Wenn, neuerwachend aus der Erde Schoos Des Frühlings junge Keime ſich entfalten.

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Ein lebensvoller Hauch durchſtrömt das All; In neuer Pracht erſtehn die dunkeln Wälder, Die Gärten ſchmückt ein blumiges Gewand, Ein friſches Grün die jungen Saatenfelder.

Der Blume Knospen ſproſſen zart hervor,

Das muntre Bächlein muß die Wurzeln tränken; Bringt gute Früchte, ruft es ihnen zu,

Und gerne will ich Euch die Zeche ſchenken.

Die Vöglein kehren aus dem fernen Süd Zur alten ſommerlichen Heimath wieder,

V Und bringen der erwachenden Natur

Als Frühlingsgruß die ſchönſten ihrer Lieder.

Da iſt es eine Luſt ſo frank und frei

Den Wanderſtab des Morgens zu ergreifen; Den Strom entlang, durch kühle Waldesnacht, Und über Berg und Thal hinaus zu ſchweifen.

O! Menſch, wie ſchön iſt doch des Lenzes Pracht! Wie reich iſt Gottes Segen hier auf Erden!

Es lacht die Welt im vollſten Frühlingsſchmuck Wird's auch in Deinem Herzen Frühling werden?