fangs, ich weiß es, wird er ſehr erbittert ſein, verdam⸗ men aber kann und wird er mich nicht. Ich bin und gehe ihm nicht verloren, ich folge nur meinem Schickſale. Darum eben, denk ich, kann auch Gott ſeine Hand nicht von mir abziehen.“
Niß Ipſen erwiederte keine Sylbe auf dieſe Selbſt⸗ rechtfertigung des Jünglings, der von einer heftigen Lei⸗ denſchaft beherrſcht im Begriffe ſtand, die Aeltern zu ver⸗ laſſen und ſein Glück in der Ferne zu ſuchen. Die Luſt, Seemann zu werden, überwältigte die Kindesliebe in ihm.
Der geflüchtete Knecht war nicht ſo hoffnungsvoll. Ihn drückte die Ungewißheit, und hätte er nicht fürchten müſſen, geradeswegs in den Tod zu rennen, ſo würde er auf der Stelle umgekehrt ſein, um zu erfahren, was nach ſeiner Flucht aus den Beſitzern von Bombüll⸗Hof und aus ſeiner Braut geworden ſei. Manchmal wünſchte er ſogar, das Meer möge ihn verſchlingen, um dieſer quälenden Pein für immer ledig zu werden.
Gegen Mitternacht verzog ſich das Gewitter, die See rollte aber fortwährend hohlgehende Wogen.
„Nun iſt's Zeit,“ ſprach Gerſon, ein kleines Bündel, das ſeine Habſeligkeiten enthielt, ergreifend und dem ſo zufällig gefundenen Gefährten einen Wink gebend.„Mache kein Geräuſch, damit uns der Vater nicht hört.“
Mechaniſch folgte Niß Ipſen. Unbemerkt verließen die beiden jungen Abenteurer das Paſtorat. Der alte Graubart, den Ipſen zuerſt in Gerſon Cruppius Geſell⸗ ſchaft geſehen hatte, ſtand lauſchend vor der Thür. Er lachte vergnügt und ſchüttelte dem Jünglinge die Hände, wie ein freudig bewegter, zuverläſſiger Freund.
„So iſt's recht,“ ſprach der Strandläufer und kühne Auſternfiſcher.„Wer ein Mann werden will, muß bei Zeiten Kopf und Glieder ſelbſtſtändig gebrauchen. Ihr taugt nicht zum Predigen, darum iſt weit ab von der Kirche Eure Heimath. Als Capitain eines ſchnellſegeln den Dreimaſters werdet Ihr Euch beſſer ausnehmen, als im ſchwarzen Faltenrock. Laßt uns eilen, ehe die Fluth ganz abläuft. Niels wartet am Oſterender Strande. Wenn wir tüchtig riemen und der Wind bleibt ſtetig, ſo erreichen wir Föhr in zwei, höchſtens in drei Stunden. Dann ſeid Ihr geborgen und könnt von dort aus gehen, wohin Ihr Luſt oder Gelegenheit habt.“
Dieſe Vorausſagung des alten Strandläufers ging wirklich in Erfüllung. Die Abenteurer landeten nach glücklicher Ueberfahrt im Hafen von Wiek. Schon am nächſten Tage fanden ſie eine Schiffsgelegenheit nach Hamburg, dem erſehnten Zielpunkte ihrer Reiſe, und vom Glücke begünſtigt, ſchwammen ſie wenige Tage ſpäter, keiner Verfolgung mehr ausgeſetzt, auf der Elbe.
Nicht ganz ſo günſtig geſtalteten ſich die Verhältniſſe der beiden Flüchtlinge in der ſtark bewegten Handelsſtadt. Noch immer lagen die Schweden dicht vor den Thoren und beſuchten häufig truppenweiſe die mancherlei Ver⸗ gnügungsorte der reichen Bürgerſtadt. Da ſich nun
weder der handeltreibende Freiſtädter noch der lebens
luſtige Matroſe mit den rechthaberiſchen, herausfordern⸗ den und überall herrſchſüchtig auftretenden Kriegsleuten vertrug, weil Keiner ſich Vorſchriften machen ließ, ſo gab es fortwährend Händel, oft auch blutige Raufereien, die nur durch Dazwiſchenkunft der ſtädtiſchen Polizei ge ſchlichtet werden konnten. Auch ging das Gerücht, die Schweden trieben Freiwerberei im Geheimen und fingen kräftige, junge Leute durch allerhand fein gelegte Schlin⸗ gen ein, um ſie in ſchwediſche Soldatenröcke zu ſtecken.
Ein ſolches Loos fürchteten auch unſere beiden Flücht⸗ linge, und um demſelben zu entgehen, ſuchte Niß Ipſen ſeinen jüngern Begleiter zu erneuter Flucht oder vielmehr zu einer abermaligen Reiſe zu bewegen. Es wollte den beiden frieſiſchen Jünglingen ohnehin nicht gelingen, ihre Wünſche ſo ſchnell, wie ſie erwartet hatten, in Erfüllung gehen zu ſehen. Zwar gab es Schiffe genug, die kräftige Hände brauchten, die meiſten Schiffsführer wollten aber ſchon erfahrene Seeleute haben, weil ſie weitere, vielleicht Jahre dauernde Reiſen antraten. Andere ſtießen ſich an das vorgerückte Alter der beiden Frieſen und genirten ſich, ſo kräftige Geſtalten als bloße Schiffsjungen einzurolliren.
Am allermeiſten endlich war dem Unterkommen der
Freunde das Verlangen hinderlich, daß ſie auf ein und demſelben Fahrzeuge Aufnahme beanſpruchten.
„Laß uns weiter gehen, Ipſen,“ ſprach Gerſon Crup⸗ pius, als er ſah, daß ihnen in Hamburg das Glück nicht lächelte.„Amſterdam iſt eine eben ſo wichtige Handels ſtadt, eben ſo reich, noch größer und von unternehmenden Kaufleuten bewohnt. Die Holländer haben wichtige Be ſitzungen in Indien, das für ſie eine unerſchöpfliche Quelle des Reichthums iſt. Dort werden wir Schiffe in großer Auswahl finden. Auch weiß ich, daß die holländiſchen Capitäne am liebſten frieſiſche Matroſen heuern. Wir Nordfrieſen ſind nun einmal gut bei ihnen angeſchrieben.“
Niß Ipſen mußte die Richtigkeit dieſer Vorſchläge zugeben und war bereit, dem Freunde zu folgen. Unver⸗ weilt traten die beiden Jünglinge, abermals ohne ſichere Ausſicht auf Erfolg, eine neue Reiſe an und gelangten glücklich nach dem bewegten Amſterdam.
SDas Leben in dieſer reichen und vielfach merkwüdigen Handelsſtadt gefiel den jungen Frieſen ſo gut, daß ſie beinahe ihr nächſtes Ziel aus den Augen verloren hätten. Erſt, als ſie nahe daran waren, dem traurigen Looſe, auch hier als Soldaten gepreßt zu werden, durch das Dazwiſchentreten eines einflußreichen Kaufherrn, der zu⸗ gleich Rheder war, zu entgehen, ſahen ſie das Gefährliche ihrer Lage und eines verlängerten Aufenthaltes in der hol
ländiſchen Handelsmetropole ein. Jener Mann, ein wohl⸗ wollender Charakter, trocken und wortkarg wie die meiſten, ſeiner Landsleute, fand Gefallen an dem kecken Auftreten der Frieſen, und ſchon, daß ſie Frieſen waren, die damals alle im Rufe ſtanden, ausgezeichnete Seeleute zu ſein, be⸗ ſtimmte ihn, ſich der Fremdlinge anzunehmen. Daß die jungen Leute irgend eine Thorheit begangen haben mußten, leuchtete dem klugen Rheder ſehr bald ein, indeß konnte dies nicht für ſein Handeln maßgebend werden. Die Luſt beider Jünglinge, zur See zu gehen, funkelte aus ihren Augen, gab ſich kund in ihren Geſprächen, und daß ſo großer innerer Drang tüchtige Seeleute gebe, wußte er aus Erfahrung. Er entſchloß ſich deshalb raſch, die Frieſen auf ſeinem eigenen Schiffe, einer großen Fregatte, die nach Batavia ſegeln ſollte, anzuwerben, und gab dieſen Willen ſeinen Schützlingen kund.
So ſehen denn die Freunde ihre Wünſche in einer Weiſe erfüllt, die ſie zu hoffen kaum gewagt hatten, und beglückwünſcht von ihrem großmüthigen Gönner, der väterlich für ſie ſorgte und ihrer Verwendung wegen noch beſonders mit dem Capitain Rückſprache nahm, auch die⸗
ſem die unerfahrenen jungen Leute dringend an's Herz
V
legte, verließen die Freunde wenige Tage ſpäter auf dem
holländiſchen Kauffahrer mit gutem Winde den Pafen
von Amſterdam und die europäiſchen Küſten. (Fortſetzung folgt.)
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