zwar keinerlei Bildung beſaß, von Natur aber aufgeweck⸗ ten, raſchen Geiſtes war, und der unter andern Verhält niſſen jedenfalls ſchon längſt eine hervorragende Stellung in der Geſellſchaft ſich erkämpft haben würde, empfand
den Schmerz des Jünglings, ohne ſich volle Rechenſchaft
darüber geben zu können. Er ſchwieg deshalb auf die Be⸗ merkungen des jungen Cruppius und begnügte ſich, einen theilnehmenden Blick auf dieſen zu richten.
„Da kommt mein Vater,“ fuhr der Jüngling fort, einige aufgeſchlagene Bücher heftig zuſchlagend und ſie mit offenbarer Verachtung in einen Schrank werfend. „Jetzt wird das Examen gleich losgehen.“
blickte er nach der Thür, vor welcher ſich ſchleifende Tritte hören ließen. Wenige Secunden ſpäter trat der Paſtor in's Zimmer.
Gerſon ging dem Vater entgegen und begrüßte ihn kindlich demüthig. Der Flüchtling, der jetzt ein abgelegtes Wams ſeines Beſchützers trug, machte eine Art ſchüchter ner Verbeugung, die ihm ſchlecht genug anſtand.
„Iſt der Menſch dort Dein Findling?“ fragte der Paſtor, ohne den Morgengruß des Sohnes zu erwidern.
Seine Stimme klang hart, ſein Blick heftete ſich mit der
Schärfe eines Unterſuchungsrichters auf den geflüchteten Knecht.
Der Sohn bejahte und wollte noch einige Worte hin zufügen, die ſeine Handlungsweiſe rechtfertigen ſollten. Der Paſtor hob aber ſeine Hand und rief ein befehls haberiſches:„Still!“
Hierauf trat er dem beſtürzten Ipſen, der ſcheu die Augen niederſchlug, ein paar Schritte näher und ſagte:
„Woher?“
Ipſen hob langſam ſein gebücktes Haupt, indem er mit halber Stimme antwortete:
„Ich komme aus der Wiedingharde, Herr Paſtor.“
„Euer Stand?“ fuhr der ſtrenge Examinator fort, un verwandt ſeine großen, finſtern Augen auf Ipſen richtend.
„Ich bin ein armer Ackerknecht,“ verſetzte der Ein geſchüchterte.
„Euer Begehr?“ fragte etwas weniger barſch der Paſtor weiter.
„Von den Schweden verfolgt, bin ich flüchtig gewor den,“ fuhr mit ſteigendem Selbſtvertrauen Niß Ipſen fort.„Der Zufall hat mich hierher geführt. Ich möchte
bitten, mir Herberge zu geben, bis ich wo anders einen
Dienſt gefunden.“ Paſtor Cruppius ließ längere Zeit forſchend ein 0 5 Auge auf dem Knecht ruhen.
„Könnet hier bleiben und mein Land beſtellen,“ ſagte
er dann kurz und in einem Tone, der kaum eine Ableh nung zuließ.„Verſteht Ihr Euer Geſchäft, will ich für Euer Fortkommen ſorgen. Die Schweden ſind Barbaren.“
Jetzt kehrte ſich der Paſtor zu ſeinem Sohne und eine höhniſche Schärfe in den Ton ſeiner Stimme legend, ſagte er zu dieſem:
„Nun? Haben wir wieder einmal freie Nacht gemacht?“ Wie befindet ſich Madame Auſter und Monſieur Taſchen⸗ krebs? Hat Abbé Phoka wohl zu Nacht geſpeiſt und wie
viel Strich iſt der Wind ſeit Mitternacht ſüdlich oder
nördlich gelaufen? Der junge Herr iſt ja ein wahrer Ausbund in nautiſcher Gelehrſamkeit, ich möchte deshalb von ſeinen wiſſenſchaftlichen Nachtwanderungen doch auch etwas profitiren.“
„Sie peinigen mich, Vater,“ ſagte der Jüngling düſter.
„Bitte ich Sie, mir Erlaubniß zu geben, in freien Stunden meiner Neigung leben zu dürfen, ſo verriegeln Sie mit eigener Hand Thür und Fenſter, und machen mich zu Ihrem Gefangenen. Es bleibt mir alſo nichts übrig, als mir ſelbſt zu nehmen, was Sie freiwillig mir zu geben ſich nicht entſchließen können. Dafür bin ich denn ja auch wieder gern Ihr Knecht, der Sclave Ihres Eigenwillens.“
„Mein Sclave und gern!“ verſetzte der Paſtor, mit raſchen Schritten das Zimmer auf⸗ und niederſchreitend und mit eigenthümlicher Heftigkeit ſich die Hände reibend. „Wenn man Alles verdroſſen thut, nie heiter bei einer Arbeit
iſt, ſtets ſchimpft, grollt, oder gar tobt, wie es meinem Niß Ipſen begriff von dem Allen nichts. Neugierig
Herrn Sohne beliebt, ſo iſt man weder Sclave, noch zeigt man damit ſeine Bereitwilligkeit, Jemand gefällig zu ſein.“
„Wenn Sie dies finden, mein Vater, warum geben Sie Ihre Pläne nicht auf? Ehre werde ich Ihnen auf dem
Wege nicht machen, den Sie mich zu wandeln nöthigen.“
Der Paſtor blieb mitten im Zimmer ſtehen. „Wem kommt es eher zu, ſich zu ändern oder zu fügen,
dem Vater oder dem Sohne?“ fragte er ſtreng.
„Für gewöhnlich iſt dies Sache des Kindes; ich weiß es und ſehe es ein,“ verſetzte der Jüngling,„die Regel muß aber aufgehoben werden, wenn ein denkendes Kind nach langer Prüfung in ſich ſelbſt zu der Ueberzeugung kommt, daß ſein Lebensglück untergraben wird, wenn es ſich widerſtandslos dem Willen des Vaters fügt.“
„Nun, widerſtandslos geſchieht es bei Dir eben nicht,“
ſagte der Paſtor, ſein heftiges Händereiben von Neuem beginnend.
„Verlange ich denn etwas Unwürdiges von Dir?“ ſetzte er hinzu.
„Mein Vater,“ erwiderte der Sohn,„was Du ver langſt, iſt etwas ſehr Würdiges, etwas Erhabenes, faſt Göttliches, ich aber kann es nicht leiſten, und darum taugt es nicht für mich und muß mir anſtatt Segen, nur Ver⸗
derben bringen.“
Der Paſtor ſeufzte undblickte hinaus in die ſonnige Luft.
„Wenn ich nun ſagte: Geh' und thue, was Dir beliebt, welche Antwort würdeſt Du mir darauf geben?“
„Dieſe!“ rief der Sohn bewegt und warf ſich in die Arme des überraſchten Vaters, der ſeinen Mund von den Küſſen des Sohnes geſchloſſen fühlte.
„Das iſt keine Antwort auf meine Frage, das iſt nur der Ausbruch einer heftigen, aber unklaren Gefühlsauf wallung. Sprich deutlicher.“
„Du weißt es, denn meine Neigungen konnten Dir nicht verborgen bleiben, da ich nie ein Geheimniß daraus machte,“ ſagte der Jüngling.„Ich wünſche ein Seemann zu werden. Mein Großvater war es auch.“
„Eben weil er es war, widerſetze ich mich Deinem Be gehren. Und jetzt biſt Du ohnehin ſchon zu alt dazu.“
„Was man aus Neigung, mit Liebe ergreift, lernt ſich bald, Vater,“ entgegnete Gerſon.
„Als Kajütenjunge mußt Du anfangen,“ fuhr der Vater fort,„die ungewohnteſten Arbeiten, die untergeord⸗
netſten Dienſte thun, und eine Behandlung wird Dir zu
Theil werden, wogegen Dein Stolz ſich auflehnt. Dann aber ſpielt Dir das Tauende eine Melodie vor, daß Dir Hören und Sehen vergeht.“
„Mir bangt nicht vor dieſer Muſik.“
„Hier behandelt Dich Niemand hart,“ fuhr der Paſtor fort,„hier kannſt Du nach Deiner Bequemlichkeit leben. Nach ernſten Studien folgen heitere Zerſtreuungen, und iſt es denn nicht geiſterquickend, die Geheimniſſe Gottes aus der Schrift kennen zu lernen?“


