Auswanderung nach Kleinaſien. Nachdem vor Kurzem die Pforte durch ein Coloniſationsgeſetz zur Einwandrung in ihre europäiſchen und aſiatiſchen Beſitzungen aufgefordert hat, wird dieſe Frage in Deutſchland, das jährlich ſo viele ſeiner Kinder in die Ferne ziehen ſieht, ſehr ernſthaft beſprochen. Es iſt nicht zu leugnen, daß eine Auswanderung nach den fruchtbaren und dünn bevölkerten Gegenden Kleinaſiens und ſelbſt der europäiſchen Türkei viel Lockendes hat. Ein gemäßigtes und mit Ausnahme der Küſten geſundes Klima, eine Fruchtbarkeit, die nach Her⸗ ſtellung der nöthigen Communicationsmittel außerordentlichen Gewinn verſpricht, Reichthum an Holz, Rindvieh und manche andre Vortheile können wohl auf die bäuerliche Bevölkerung Deutſchlands einigen Reiz ausüben. Gleichwohl läßt ſich vorerſt noch nicht unbedingt zur Benutzung dieſer Auswanderungsgele⸗ genheit rathen. Mitten unter einer fanatiſch⸗muhammedaniſchen Bevölkerung hat der Europäer, unter den jetzt in der Türkei geltenden Geſetzen, denen er ſich bei ſeiner Ueberſiedelung zu unterwerfen hat, für Leben und Eigenthum den gebührenden Schutz nicht zu erwarten. Erſt wenn der Koran als bürgerliches Geſetz⸗ buch aufgehoben, die Civil⸗ und Criminaljuſtiz nach europäi⸗ ſchem Muſter umgeſtaltet und eine Anzahl polizeilicher und volks⸗ wirthſchaftlicher Beſtimmungen getroffen worden wäre, ließe ſich zur Auswanderung nach den von der Natur reich geſegneten Ländern der Türkei rathen. In Würtemberg bereitet ſich eine proteſtantiſche Sekte bekanntlich ſchon lange zur Auswanderung nach Kleinaſien und zwar nach Paläſtina vor; es wird ſich nun zeigen, ob die durch das neue türkiſche Coloniſationsgeſetz ge⸗ botene Gelegenheit von ihr ergriffen wird oder ob ſie noch weitere Garantien für Leben und Eigenthum abwartet, die wohl auch mit der Zeit noch werden geleiſtet werden.
Familienleben im gaſthauſe. Ein erblindeter Geiſtlicher in New⸗York, Namens Milbrun, hat kürzlich den Text eini⸗ ger ſeiner Kanzelreden gegen einzelne in der amerikaniſchen Ge⸗ ſellſchaft herrſchend gewordene Unſitten in Form einer beſondern Schrift herausgegeben. Zu dieſen Unſitten gehört unter An⸗ deren das Leben verheiratheter Perſonen in Logir⸗ und Gaſt⸗ häuſern. Es iſt in den größeren Städten Amerikas jetzt Mode, daß junge Leute bei ihrer Verheirathung keine eigene Wirthſchaft ſich einrichten, ſondern ſich in ein Logirhaus begeben, wo ſie eine ſtattliche Wohung monatweiſe miethen und ihre Mahlzeiten Mor⸗ gens, Mittags und Abends an der Wirthstafel in großer Geſell⸗ ſchaft einnehmen. Es ſei dies, meint Herr Milbrun, das beſte Mittel, den Eheſtand und das Familienleben in ihren Wurzeln zu vergiften. Die junge Frau lerne dabei nichts, als Zerſtreuungs⸗ und Putzſucht, und ſobald ſie Mutter werde, habe ſie nichts Eiligeres zu thun, als das Kind aus dem Hauſe zu ſchaffen und fremden Leuten zu überlaſſen. Der blinde Predi ger ſieht und erkennt dieſe traurigen Seiten des amerikaniſchen Lebens ganz vortrefflich, aber wie will er gegen ſie ankämpfen? Die„respectability“ könnte ja darunter leiden, wenn das junge Ehepaar nicht gleich von Anfang an ſo luxuriös wohnte und ſpeiſte als ältere, reichere Leute. Und dieſen Luxus der Woh⸗ nungen und Speiſen kann man in der That nirgends billiger ſich verſchaffen, als in den Boarding⸗houſes!(Mag. d. A.)
Weibliche Lerzte. Viele wohlthätige, die heilſamere Ver⸗ theilung der Arbeit zwiſchen Mann und Weib bezweckende Ver⸗
mit Spott bekämpft worden. Dahin gehört auch der Vorſchlag,
und in allen Zweigen der Chirurgie ausbilden möge, um Per⸗
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änderungen ſind ſchon vorgeſchlagen und bald mit Ernſt, bald
daß man weibliche Perſonen zu Aerzten(Aerztinnen) erziehen
Was beliebt.
ſonen ihres eigenen Geſchlechtes zu behandeln. Es liegt gar nichts Widerſinniges in der Annahme, daß Weiber eben ſo geſchickte Aerzte und Chirurgen abgeben würden, wie Männer. Doch meine ich hier eher die Heilkunſt als die Heilwiſſen⸗ ſchaft. In Hospitälern hat die Erfahrung gelehrt, daß Weiber eben ſo ſtarke chirurgiſche Nerven haben können, wie Männer, und daß ſie in dieſer Beziehung gleich den Männern befähigt ſind, kritiſche Operationen zu machen, während ſie, wo Feinheit des Taſtſinnes in Frage kommt, eher noch Größeres leiſten müſſen. Ein einziger, aber ſehr ernſtlicher Einwurf könnte aller— dings in der Erwägung liegen, daß der ärztliche Wirkungskreis die Praktikantin von Haus und Familie entfernt hielte, da doch die Civiliſation eine bürgerliche Geſellſchaft erfordert, in welcher jedes weibliche Weſen nach erreichtem Alter der Reife einen ſei⸗ ner würdigen Gatten erhält und den Familienpflichten obliegt. Indeß ſollte man gerade den Frauen ſyſtematiſche Unterwei⸗ ſung in Dingen ertheilen, die ihnen als Mütter von großem Nutzen ſein würden und wovon man den Mädchen zur Zeit noch gar nichts beibringt— ich meine Phyſiologie des Menſchen und Pſychologie. Ich brauche nicht bei den Vortheilen zu verweilen, die phyſiologiſches Wiſſen der Mutter dem leiblichen Wohlergehen ihrer Säuglinge und Kinder beiderlei Geſchlechts eintrüge; das Ergebniß würden weſentliche Wohlthaten ſein, und ſolche finden immer die verdiente Würdigung. Allein es wäre von noch ſegensreicherem Einfluß, wenn Mütter in den vorgeſchrittenen und beſtbegründeten phyſiologiſchen Theorieen vollkommen ſich unterrichteten. Die ausſchließliche Pflege und Anleitung menſchlicher Weſen in einer Zeit, wenn ihre Körper und Seelen noch die größte Bildſamkeit beſitzen, iſt und muß immer der beſondere Beruf des Weibes ſein. Wenn alſo gründ⸗ licher Beſitz der Wiſſenſchaft des Körpers und des Geiſtes für die Heranbildung der jungen Menſchheit unſchätzbar ſein würde: ſo beweiſt die Thatſache der gänzlichen Vernachläſſigung phyſiologi⸗ ſcher und pſychologiſcher Studien von Seiten des Weibes, daß wir, ungeachtet all unſers Prahlens, noch auf einer ſehr nied⸗ rigen Stufe der höheren Geſittung ſtehen.
Poeſie und Rrankenpſſege. Der kaukaſiſche Kalender für 1857 enthält einen Aufſatz über die„Heilkunde bei den Gruſiern,“ in welchem der Verfaſſer, Herr Berſenov, unter Anderem einige Auszüge aus einer Sammlung von Hausmitteln gibt, unter denen ſich zwar genug abergläubiſches Zeug, Ungereimtheiten aller Art befinden, aber auch einzelne Regeln und Andeutungen vorkommen, die vortrefflich ſind, natürlichen Verſtand und poetiſchen Geiſt verrathen. So beſonders über Krankenpflege. Da heißt es wahr und ſchön: Es iſt nicht gut, den Kranken durch lautes Geſpräch zu ſtören; es iſt nützlich, wenn von weitem das Raſcheln der Blätter oder das Gemurmel eines Bachs zu ihm dringt; aber eine ungleich wohlthätigere Wirkung bringt es auf den Menſchen hervor, unter wie ſchwerer Krankheit er auch leiden mag, wenn er ein ihm liebes Weſen ſehen und deſſen Stimme hören kann; dieſes Mittel iſt beſſer und wirkſamer als alle Arzeneien, denn der Menſch lebt vom Herzen und mit dem Herzen ſtirbt er auch: das Herz iſt die Gabe und das Princip des Lebens. Gleichermaßen wird alles Schöne den Kranken erfreuen und ſeine Leiden mildern: ein ſchönes Thier, eine ſchöne Gegend, der angenehme Ton einer Stimme oder eines muſikaliſchen Inſtruments.— Der Leſer wird fühlen, welche tiefe Poeſie in dieſer Anſchauung von Kranken⸗ pflege liegt, an welcher ſich die Krankenhausverwaltungen civi⸗ liſirter Nationen ein Muſter nehmen könnten.
Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig⸗


