2 hineingeſchobenen Lichtbilder, welche einen und denſelben Gegenſtand nur von einem wenig verſchiedenen Geſichtspunkt aus aufgenommen darſtellen, erſcheinen uns alsdann wie ein, einziges Bild, das aber, weil eben von dem abgebildeten
Gegenſtand ein wenig mehr als die bloſe Vorderſeite dar— geſtellt iſt, nicht mehr als das bloſe Bild des Körpers, ſon⸗ dern ſelber wie ein Körper erſcheint. Wir glauben den Gegenſtand als Relief oder als eine leibhaftige Bildſäule vor uns zu ſehen. Daher rührt der Name Stereoskop, wie das Werkzeug, oder der Stereoskopie, wie die Kunſt heißt. Die Bilder dazu vermag aber nur das Daguerrotyp zu liefern: ſo daß dieſe beiden Erfindungen der Neuzeit Hand in Hand gehen, wie Bruder und Schweſter. Erſt nach der Erfindung des Stereoskops verſprechen die Lichtbilder für die ganze Malerkunſt von folgereicher Bedeutung zu werden. Ja, vielleicht verdankt Jobard's berühmter Landsmann, Peter Paul Rubens, dem Umſtande ſeinen großen Malerruhm, daß er der erſte war, der gleichſam mit beiden Augen malend und die Gegenſtände aus zwei Sehwinkeln betrachtend, ſeine Geſtalten zwang, gleich wirklichen Körpern aus der Leinwand hervorzutreten. So wäre „Ruben's Erfinder der Stereoskopie.“
Unter dieſer Ueberſchrift leſen wir in Jobard’'s Buch folgendes:
„Gewiß die Meiſten haben auch das Muſeum von Trafalgar Square beſucht und den Rubensſaal durchſchrit⸗ ten, aber Niemand hat ſich genaue Rechenſchaft gegeben von dem Kunſtgriff, mittels deſſen dieſer große Maler ſeinen Bil⸗ dern dieſes wahrhaft Körperliche, dieſe unnachahmliche Be⸗ wegung und Durchſichtigkeit zu geben wußte, welche ſeine bezaubernden Werke auszeichnen.
Betrachte man z. B. den Raub der Sabinerinnen, welche — nebenbei bemerkt— durch blondhaarige Vläminnen dar⸗ geſtellt werden, die in Gewänder aus der Zeit Philipp's des Gütigen gekleidet, den Schnauzbart dieſer wilden Römer mit ihren Roſenfingern eher zu ſtreicheln als auszuraufen ſcheinen. Sie haben eher das Anſehen wie wenn ſie ſprächen: „Ihr lieben Räuber!“ als daß ſie:„Diebe! Diebe!“ ſchrieen. Dies war auch offenbar der ſchalkhafte Gedanke des geiſt⸗ reichen Künſtlers; aber dieſes Bild war auch das erſte, das er mit beiden Augen malte; er hatte ſo eben die Grund⸗ regel der Stereoskopie entdeckt; denn bis dahin hatte man nur mit Einem Auge gemalt.
Die altdeutſche Schule mit ihren beſtimmt angegebenen Profilen, ihren ſcharf ausgeſchnittenen und wie auf die Lein⸗ wand geklebten Schattenriſſen beweiſt, daß die ältern Künſtler Ein Auge zumachten, wenn ſie ihre Modelle betrachteten, oder daß ihr rechtes Auge ſchärfer war, als das andere, wie dies bei den meiſten Menſchen der Fall i*ſt. Ja, es iſt außer Zweifel, daß ein Maler, deſſen Augen gleich ſcharf ſind, nicht wie andre Leute ſieht, und daß ihm die Gegenſtände rechts und links von einer Art Halbſchatten umgeben erſchei⸗ nen; letzterer rührt nämlich davon her, daß die zwei Augen durch einen Zwiſchenraum getrennt ſind, wodurch es möglich wird, von den Gegenſtänden ein wenig mehr als die Hälfte zu ſehen, während wagerechte Linien glatt abgeſchnitten und ohne Strahlenrand ſind: das iſt gerade das, was das körper⸗ liche Hervortreten der Geſtalten ſo werthvoll macht, ohne welches wir, wie dies Einäugigen immer begegnet, weder die Bildhauerarbeit von der ſie getreu nachahmenden Zeichnung, noch die bewegungsloſe Wirklichkeit von der Malerei unter⸗ ſcheiden könnten..
Die nur auf einem Ohr hören, können nicht den Punkt beſtimmen, woher der Schall kommt, der ihr einziges taug⸗
liches Trommelhäutchen im Ohr berührt, von welchen ganz eigenen Erſcheinungen die Durchkreuzung der inflektirten Lichtſtrahlen und der Schallwellen die Urſache iſt. Es iſt wahrſcheinlich, daß die theilweiſe Lähmung der Geſchmacks⸗
und Geruchswerkzeuge dieſelben Täuſchungen in den von⸗
dieſen beiden Sinnen ausgehenden Begriffen erzeugt.
Man ſehe nur den mehr als fingerbreiten Rand, welchen die Konturen der Arme, der Beine und Geſichter auf den Gemälden von Rubens an ſich haben; ſicher kann man ſeine Breite beinahe auf mehrere Linien anſchlagen, und dies iſt gerade das, was Kupferſtecher zur Verzweiflung bringt, da ſie bald an das Innere, bald an das Aeußere des Halb⸗ ſchattens ſich haltend, uns oft mißgeſtaltete Abzeichnungen von Bildern gegeben haben, die dies doch gar nicht ſelber waren.
Wißt ihr, wie unſre fehlerfreien Künſtler dieſe Unbe⸗ ſtimmtheit genannt haben, da ſie ſie für abgekratzte Stellen, für ſchlecht gemachte Verbeſſerungen halten, die durch dieſe Art von Lichtrand die Gegenſtände darunter hervorſchimmern ließen? ſie haben ſie bedauerliche Verſehen, manchmal ſogar Nachläſſigkeiten genannt. Sie waren weit davon entfernt, daran zu denken, daß dies gerade den Gemälden von Rubens und einigen der berühmteſten Maler, welche ſein Geheimniß ahnten oder nachahmten und mit beiden Augen malten, jenes Durchſchimmernde, jene Körperlichkeit und Bewegung gibt.
Betrachte man einmal einen Gegenſtand abwechſelnd mit dem einen und dem andern Auge, und man wird ſehen, daß dieſer Gegenſtand, je näher er einem iſt, deſto bemerkbarer jedes Mal ſich verrückt; man zeichne ihn ſodann in den zwei Stellungen und man wird die geſuchte Breite des Halbſchat⸗ tens haben. Dieſer Halbſchatten, auf welchem die Stereos⸗ kopie beruht, iſt durchſichtig und geſtattet die Gegenſtände dahinter ſchwach zu ſehen; daher in Wirklichkeit auf Rubens Bildern mehr Gegenſtände ſichtbar ſind, als auf denen von Albrecht. Dürer, Van Eick oder von Memling.
Die Alten, ſagt man, malten die Bewegung einer Spin⸗ del, eines ſich drehenden Kreiſels und eines dahinrollenden Wagenrades; nämlich ſie malten, was ſie ſahen. Danton hat ihr Geheimniß geahnt, als er dem Lißt am Pianoforte zwanzig Finger gab. Man braucht nur die Hand lebhaft vor ſich hin und her zu bewegen, und man wird ebenſoviel Finger zählen. Ein Stab, vor unſern Augen ſchnell bewegt, läßt mehrere ſehen. Man ſtehe nicht an, ſie mit einer Mit⸗ telfarbe zu malen, wie man ſie eben ſieht, und man wird die Natur leibhaftig und lebendig auf dem Bilde vor ſich haben.
Werden dieſe Beobachtungen gehörig begriffen, ſo müſſen ſie eine Revolution in der Malerei herbeiführen; aber Sol⸗ ches erfordert eine Art Studien, wie man ſie in den gleichſam von Amtswegen beſtehenden Malerſchulen niemals machen wird. Man muß daher das Auftreten ganz ſelbſtſtändiger Maler erwarten, wie z. B. der belgiſche Wirtz einer iſt, wel⸗ cher kein Bedenken trägt, hinter ſeinen Figuren, wenn ſie in Bewegung dargeſtellt ſind, breite, unbeſtimmt angedeutete Schattenſtriche zu malen: ſo deutet er die Stelle an, die ſie eben verlaſſen haben.
Wenn alle unſere Künſtler werden die Gewohnheit ange⸗ nommen haben, das zu malen, was ſie mit zwei Augen ſehen, und die Länge der Zeit berückſichtigen, während wel⸗ cher das Bild im Bereich unſeres Auges bleibt, ſo werden wir eine wahrhafte Revolution in der Malerei vor ſich gehen ſehen.*)
*) Der Ladenpreis beträgt 4 Thaler. Als wir die in der Buchhandlung
des Verlegers ausgelegten Subſcriptionsliſten ſahen, zählten dieſe bereits über
700 Namen. Die belgiſche Regierung, die für ſämmtliche öffentliche Biblio⸗ theken und gewerbliche Inſtitute je ein Exemplar beſtimmt hat, befindet ſich
unter den Subſcribenten mit einer Beſtelluug von 250 Exemplaren. 8


