Jahrgang 
1857
Seite
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die auf dem ſchwarzen Grunde des Meeres und in der

hellen Luft ſcharf abſtach, entdeckt, und wieder fielen Schüſſe von allen Seiten. Einige der beherzteſten Verfolger wag⸗ ten ſogar, das Watt, das den Flüchtling ſo ſicher trug, ſelbſt zu betreten.

Niß Ipſen war früher einmal in Begleitung eines jener armen Menſchen, die ſich ihren Feuerungsbedarf aus dem Grunde des Meeres holen, einem ſogenannten Tuulgräber, über das Watt nach der faſt drei Stunden entfernten Inſel gegangen. Damals hatte er jedoch nicht ſehr genau auf den Weg, den ſein Geleitsmann einſchlug, geachtet, noch weniger den Zug der Priehle beobachtet, die bald als ſchmale, bald als breite, gewöhnlich zu durch⸗ watende, Waſſerſchläuche die einzelnen Wattenfelder von einander trennen. Nur die ungefähre Richtung hatte ſich ſeinem Gedächtniß eingeprägt, und dieſe Richtung ſchlug er jetzt auf gut Glück wieder ein.

Von ſeinen Verfolgern drohte dem Fliehenden ſehr bald keine Gefahr mehr. Sie blieben zurück, Einige aus freiem Entſchluſſe umkehrend, Andere von dem zähen Schlick feſtgehalten, in den ſie, der Wattwege völlig un kundig, gerathen waren.

Daß die Fluth ſie ertränkte! daß alle Schweden von unſerer Nordſee verſchlungen würden! ſeufzte Ipſen und ſchleuderte das Beil weit von ſich, das ihm jetzt nichts mehr nützen, wohl aber als der ſprechende Zeuge einer ſchweren Blutthat, ihm gefährlich werden konnte.

Auch ſeine Kleidung konnte ihn verrathen, denn das Wams war mit vielen Blutflecken beſudelt. Ipſen warf es entſchloſſen von ſich und reinigte ſeine Hände im nächſten Priehle, das er erreichte. Inzwiſchen dämmerte der neue Morgen im Nordoſten, die weiche, duftige Helle der Nacht wich flimmerndem Nebeldunſt, der die Dämmerung eher verdichtete, als verminderte, und ſelbſt das ferne Eiland auf einige Zeit den Blicken des Flüchtlings entzog.

Niß Ipſen mochte eine halbe Stunde vom Feſtlande entfernt ſein. Noch vernahm er von dorther Hundegebell, Hornſignale, Trommelſchlag. Es ſchien, die ſchwediſche Beſatzung der ganzen Wiedingharde war ſeinetwegen all armirt worden und jetzt im Abmarſch auf den Schauplatz ſeiner blutigen That. Noch einmal wandte er ſein Auge zurück dem Lande zu, wo er die Geliebte, für deren Beſitz, zu deren Vertheidigung er das Schreckliche gethan, unbe ſchützt und einem ungewiſſen Schickſal überlaſſen hatte. Dieſer Rückblick erklärte ihm den gewaltigen Lärm. Eine hochrothe Flammenſäule lohte auf hinter dem Deiche. Bombüll⸗Hof war in Brand gerathen. Vielleicht hatten es die Schweden angezündet, um empfindliche Rache zu nehmen an denen, in deren Behauſung einer der Ihrigen erſchlagen worden war, vielleicht auch war bloſe Unvor ſichtigkeit und die große Verwirrung, welche auf Bom büll⸗Hof herrſchte, die Urſache der Feuersbrunſt, die ihn jetzt verzehrte.

Gott ſei mit meiner Margreth'! flehte der einſam Irrende. Eine heiße Bitte trat auf ſeine Lippe, eine

Bitte, die nur in einem lauten, tiefen Seufzer, nicht in

Worten ſich dem gepreßten Herzen des ſchwer betrübten Mannes entrang. Der arme, mittelloſe, jetzt durch ſeine Blutthat verſtoßene Knecht konnte Niemand helfen, wußte er ſich doch ſelbſt kaum zu rathen. Er mußte alſo diejenigen, die er liebte und bei denen ſein Herz blieb, wenn er auch in ferne Weltgegenden verſchlagen werden ſollte, nur der Allbarmherzigkeit Gottes vertrauensvoll übergeben.

Während hinter ihm ſein langjähriger Wohnort, die

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Stätte, wo er Margreth' kennen und lieben gelernt, wo er ihr Gegenliebe abgerungen und zahlreiche, glückliche Stunden mit der Geliebten verlebt hatte, von den Flam men verzehrt wurde, ſchritt Ipſen raſtlos über die Watten. Vor ihm lag eine hohe undurchdringliche Nebelſchicht. So düſter, ſo undurchdringlich war auch die Zukunft, die ſeiner harrte.

Der wilde Trotz und die heftige Aufregung, die bis dahin dem Flüchtling eine eigenthümliche Spannkraft ver⸗ liehen hatten, verſchwanden allmählich und ein wehmü thiges Gefühl ſchwellte die Bruſt des armen Knechtes. Reue über ſeine That fühlte Ipſen zwar nicht, denn er hielt dieſe für geboten; auch lag es außerhalb der Anſchau⸗ ungsweiſe dieſes kräftigen Naturmenſchen, das Leben eines Mannes, der ihm offenbar Böſes zufügen, ihm das herr⸗ lichſte, unſchätzbarſte Gut, das überhaupt ein Menſch be⸗ ſitzen kann, rauben und zu unlautern Zwecken benutzen wollte, ſehr hoch anzuſchlagen. Ihn ſchmerzte nichts, als der Verluſt der Geliebten. Und verloren geben mußte er das theure Mädchen, denn wie ſollte er wieder in ihren Beſitz gelangen! Dieſer Gedanke, der ſich in ſeiner Seele zur Gewißheit ausbildete, erpreßte dem ſtarken Manne faſt Thränen und wenig fehlte, er hätte ſich hingeworfen auf's öde Watt, um ſich von der wiederkehrenden Fluth für immer begraben zu laſſen. Den meiſten Menſchen aber wohnt ein ſo ſtarker Erhaltungstrieb inne, daß ein recht lebhafter Gedanke an den Tod ſchon den Wunſch, das Leben geendigt zu ſehen, wieder verſcheuchen kann. Kaum berührte nur dieſer Gedanke die Seele Niß Ipſens, ſo lehnte ſich dieſer mit aller Kraft einer widerſtands fähigen Natur dagegen auf und um ſeinem Willen mehr Feſtigkeit zu geben, rief er laut aus:Nein, ich will nicht ſterben! Ich will kämpfen und ringen, um Margreth' die augenblicklich für mich Verlorene, mir auf's Neue wieder zu gewinnen!

Faſt eine ganze Stunde noch irrte der Flüchtling durch die Wattenfelder, ohne der erſehnten Inſel, die Anfangs ihrer ganzen Ausdehnung nach ſo deutlich vor ihm lag, wieder anſichtig zu werden. Vielmehr verdickte ſich die vor ihm ſtehende Nebelwand und hüllte auch Ipſen bald in ihre feuchten, fluthenden Gewänder.

Er wußte nicht mehr, wo er ſich befand. Der Lärm auf dem Feſtlande war längſt verſtummt, den Wiederſchein der Flamme vom brennenden Hofe entzog ihm die Nebel decke, und obgleich inzwiſchen der Tag anzubrechen begann, beleuchtete doch kein freundlicher Lichtſtrahl den Pfad, den er furchtſam wandelte. Selbſt die Richtung, in der ſich Ipſen fortbewegte, wußte er jetzt nicht mehr genau anzu geben, da längſt ſchon die vollkommenſte Windſtille einge treten war.

Unverdroſſen vorwärts ſchreitend, vernahm der flüch⸗ tende Knecht nach Verlauf einiger Zeit ein ſeltſames Geräuſch, das ſehr entferntem Donnergeroll nicht ganz unähnlich klang. Er blieb ſtehen, legte beide Hände an die Ohren, und horchte. Das Geräuſch wiederholte ſich in regelmäßigen Pauſen und ſchien an Stärke zuzunehmen.

Es iſt die Fluth oder die Brandung an ſteilen Küſten, ſagte er, mit großer Aufmerkſamkeit die Farbe des Wattes betrachtend, das er leider nur wenige Schritte weit deut⸗ lich überſchauen konnte. Da ſich indeß noch keine Ver⸗ änderung an dem grauſchwarzen, ziemlich feſten Boden zeigte, war mindeſtens augenblicklich noch keine Gefahr vorhanden. Nur, daß er nicht wußte, wohin er ſich wen⸗ den ſollte, beunruhigte den ermüdenden Wanderer. Der