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Schall des fluthenden Meeres war einzig und allein ſein Führer.
Lange jedoch ſollte Ipſen nicht mehr in Ungewißheit bleiben. Das Watt zeigte an einzelnen, niedrigen Stellen bewegtes, hin und wieder rollendes Waſſer, ein ſicheres
Zeichen, daß die Fluth ſtieg. mußte die volle ſchwere Meereswoge ihn umbrauſen, wenn
Eine halbe Stunde ſpäter
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er bis dahin das ohne Zweifel ſehr nahe Land nicht ſchon
betreten hatte.
Ipſen konnte jetzt nicht mehr in gerader Richtung vor⸗ wärts gehen, denn bald ſchäumte links, bald rechts eine breite, graugrüne Welle heran, bald ſprühte vor ihm eine Salzſchauer zu ihm herüber. Stets bis über die Knöchel im Meerwaſſer watend, mußte er fürchten, in einen der tiefen Rinnſale zu gerathen, in denen er unrettbar ein Opfer des Fluthſtromes geworden ſein würde.
Plötzlich lichtete ſich der Nebel vor ihm, ein dunkler Gegenſtand bewegte ſich in ſeiner Nähe und deutlich ver⸗ nahm er die Stimmen zweier Männer. Die Hände trichterartig an den Mund haltend, ſtieß er ein lautes Halloh! aus.
Allſogleich ward ihm geantwortet; die dunkeln Ge⸗ ſtalten ſchritten auf den Verirrten zu und brachten ihm die tröſtende Nachricht, daß er dicht unter dem Felſengerölle
von Morſumkliff ſich befinde und geradeswegs nordwärts
dem Fluthſtrome entgegengehe, der binnen einigen Minu⸗ ten auf den ſandigen Riffen haushoch ſprudeln und alles mit ſich fortreißen werde.
Dem Ausſehen nach hielt Niß Ipſen die beiden Männer, denen er zu ſo glücklicher Stunde begegnete, für Strand⸗ läufer. Einer wenigſtens machte ganz dieſen Eindruck. Seltſamerweiſe nur trug gerade dieſer, ein hoher Mann mit ernſten, kalten Zügen und ſchon grauem Haar, kein Netz, um etwa aufgefundene Schätze, wie die Wattſtröme ſie bisweilen auf den Wattenfeldern abſetzen, darin zu ſammeln. Sein jüngerer Gefährte allein führte ein der⸗
artiges Netz.
„Ihr ſeid frühzeitig auf,“ ſprach Niß Ipſen die beiden Sylter an, um zu erfahren, was er wohl von ihnen zu halten habe.„Wer etwas finden will auf den Watten, muß freilich die Stunden wahrnehmen.“
Der Aeltere blickte ihn von oben herab mißtrauiſch an.
„Ihr ſcheint nicht viel gefunden zu haben,“ verſetzte er,„man könnte eher glauben, Ihr hättet mehr verloren, als Ihr entbehren könnt.“
„Wie verſteht Ihr das?“
„Nun, weil ihr ohne Wams herumlauft,“ ſetzte der bejahrte Sylter munterer hinzu.„Wenn man Euch ſo anſieht, beſpritzt mit Schlick bis auf die Bruſt, ohne Mütze und Stock, mit zerriſſenem Hemd, könnt' es einem Niemand verargen, ſchöpfte man Verdacht. Gerad' her⸗ aus, Ihr habt mehr Aehnlichkeit mit einem Ausreißer, als mit einem ehrlichen Manne.“
Das Auge des jüngeren Mannes, der ungleich feiner gebaut war, zarte, weiße Hände und ein blaſſes, intelli⸗ gentes Geſicht hatte, ſah theilnehmend zu dem Flüchtlinge auf, der jetzt erſt den Zuſtand ſeiner zerzauſ'ten Kleider gewahrte.
„Habt keine Sorge,“ ſagte dieſer beruhigend,„Ihr befindet Euch auf Sylt und die Sylter ſind keine Ver⸗ räther. Ihr kommt aus der Wiedingharde, der Dialect verräth es.“
„Ich bin ein Flüchtling,“ ſprach Niß Ipſen, der es für beſſer hielt, einem ehrlichen Jünglingsgeſicht gegen⸗
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über keine Winkelzüge zu machen, die ohnehin ſeiner offenen Natur zuwider waren.„Ich hatte Streit mit den Schwe⸗ den,“ fuhr er fort,„ſchlug mich und hab' wohl auch Einem von ihnen die frieſiſche Hand zu feſt auf den Mund gelegt, ſo daß er darüber das Athemholen vergaß. Die Andern fielen über mich her, machten mich zur Zielſcheibe ihrer Feuerröhre und weil ich nirgend mehr einen Ausweg ſah, flüchtete ich auf's Watt und irrte umher, bis ich Euch fand.“
„Böſe Brut, die Schweden!“ murmelte der Alte ſtirn⸗ runzelnd.„Sie ſengen, brennen, rauben und morden. Meinem Schweſterſohne haben ſie auch den Hof ange⸗ zündet.“—
3 e meinem Herrn, als ich ihnen entwiſchte!“ ſagte Ipſen.
„Wer iſt Euer Herr?“ fragte der Jüngling.
„Claas von Bombüll,“ erwiederte der Flüchtling,„der Beſitzer von Stoertebeckers Burg. Jetzt liegt das alte Erbe der Claas' in Schutt und Aſche.“
„Bombüll⸗Hof verbrannt!“ ſagte der junge Mann mit warmer Theilnahme.„Was wird mein Vater dazu ſagen! Wie nennt Ihr Euch?“
„Niß Ipſen, junger Herr,“ verſetzte der Knecht.„Ich diente bei Claas ſeit Jahren und wäre jetzt ein glücklicher Mann, wären die ſchwediſchen Völker nicht diebiſch in's Land gefallen.“
„Ihr ſeid mein Gaſt,“ ſprach der Jüngling entſchieden. „Mein Vater wird Euch gern Herberge geben und auch für Euer Fortkommen ſorgen. Er kennt Bombüll⸗Hof und war von jeher ein Froßer Verehrer frieſiſcher Helden⸗ thaten. Ich bin in dieſer Beziehung gar nicht nach ſeinem Sinne gerathen,“ fügte er, wehmüthig lächelnd, hinzu. „Mir wär' es viel angenehmer, könnt ich ein Steuer, ſtatt der Feder führen, und weil ich lieber Muſcheln ſuche und Seethiere, als in kirchengeſchichtlichen Büchern mir die Augen müde zu leſen, mache ich bisweilen in ſchönen Nächten mit vertrauten Freunden einen Spaziergang auf's Watt.“
„Da ſeid Ihr wohl eines Gelehrten Sohn,“ ſagte Niß Ipſen.
„Getroffen!“ erwiederte der Jüngling Mein Vater iſt Paſtor in Keitum— dort ſtreckt eben der Thurm von Keitum ſeine Spitze aus dem verfliegenden Nebel hervor. Ein ſehr gelehrter Mann, bei dem Raben! Und weil er ſo gelehrt iſt, will er, daß ſein einziger Sohn noch viel gelehrter werden ſoll.“
Der alte Graukopf lachte.
„Wird dem Herrn Paſter aber doch nicht gelingen,“ ſagte er zuverſichtlich und mit unverkennbarer, innerer Freude.„Steckt der Drang zum Bücherleſen nicht in dem Menſchen, ſo bringen alle alten und neuen Propheten ihn nicht dazu, ein Bücherwurm zu werden. Es wird blos Zeit damit verloren. Darum, junger Herr, nur frieſiſch ſteif geblieben und den Nacken nicht gebeugt! Der alte Pfarrhof hat ja auch noch eine Ebberthüre, um einen auf⸗ recht gehenden Menſchen durchzulaſſen.“
Während dieſes Geſprächs hatten die drei Wanderer die erſten Häuſer von Morſum erreicht. Hier ſchüttelte der Alte ſeinem jungen Begleiter die Hand und verab⸗ ſchiedete ſich. Die Morgenſonne brach durch die fallenden Nebel und rollte dieſen in goldig ſchimmernden Wellen dem blitzenden Meere zu. Umbrandet von dieſem ſprü⸗ henden Morgenſonnenfeuer ſchritt der glücklich entkommene Ipſen an der Seite ſeines jugendlichen Beſchützers der Keitumer Paſtoratswohnung entgegen.
(Fortſetzung folgt.)
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