Jahrgang 
1857
Seite
169
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I glauben kann.

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Die Sternenbahnen ſind ſehr verwickelten Störungen unterworfen und nicht in langen gleichmäßig ge⸗ rundeten Linien gezogen, ſondern wie mit zitternder Hand geſchrieben. Zuweilen weichen ſie Hunderte von Meilen aus ihrer Hauptrichtung, und der Planet Neptun iſt ja ſo⸗ gar durch die Seitenwege des Uranus entdeckt worden.

Warum nun ſollten die Meteorſteine nicht kleine Stücke des Univerſums ſein können, die ſich gewiſſermaßen auf ihrer Bahn bis auf die Oberfläche der Erde verirren oder von der Erde angezogen werden, weil ſie derſelben zu nahe kommen? Wenigſtens ſind ſie den allgemeinen Geſetzen der Schwere vollkommen unterworfen. Beſſel hat bei ſeiner Unterſuchung, ob alle Körper gleich ſchnell fallen, ausdrück⸗ lich nachgewieſen, daß Meteorſteine ganz dieſelbe Fallge⸗ ſchwindigkeit haben, wie alle irdiſchen Körper.

Aus unſerer Atmoſphäre oder von der Erde ſind die Meteorſteine ſehr ſchwer abzuleiten. Man hat die Verluſte der Erde berechnet, die ſie an den verſchiedenſten Stoffen durch die Schornſteine erleidet und die doch wieder einmal herunterkommen müßten. Es iſt jedoch zu viel verlangt, ſich eine Eiſenfabrik in der Luft zu denken. Von Vulcanen, etwa vom Aetna oder Veſuv, können die Meteorſteine auch nicht herrühren; ſie ſind dazu viel zu weit entfernt, man müßte denn Vulcane von ungeheurer Wurfkraft annehmen, und dieſe geradezu an den Nordpol verſetzen, da ſie anders wo nicht zu finden ſind.

Man war nun ſchnell mit der Annahme zur Hand, die Meteorſteine müßten vom Monde kommen. Aber wenn ſie von außerhalb ſtammen, warum denn gerade vom Monde? Ihre Geſchwindigkeit iſt, wie man aus dem Fall der Stern⸗ ſchnuppen ſchließen darf, dazu viel zu groß. Es iſt leicht, die Meteorſteine für Bomben von Mondvulcanen zu erklären, nur hat man eben dieſe Vulcane noch nirgends finden können.

Noch niemals hat man eine Lichterſcheinung an der dunkeln Seite des Mondes wahrgenommen, die auf einen Vulkan ſchließen ließe. An abenteuerlichen Dingen hat es freilich nicht gefehlt; ſo glaubten Einige, es ſei ein Loch im Monde, weil man einſt einen hellen Punkt darauf bemerkte.

Nach Laplace würde allerdings die vierfache Kraft eines Neunzigpfünders hinreichen, um Steine vom Monde fort und in den Anziehungskeis der Erde zu ſchleudern. Die Meteorſteine fallen aber aus Feuerkugeln und dieſe ſind, wie wir ſehen werden, nur durch die Größe von den Stern⸗ ſchnuppen verſchieden, deren Geſchwindigkeit eine ſo unge heure iſt, daß man keinem Vulcane eine ſolche Kraft zu⸗ ſchreiben kann. Sternſchnuppen und Feuerkugeln fallen in einer Secunde etwa 5 deutſche Meilen, eine Bewegung, die nur mit dem erſtaunlich ſchnellen Schwunge der Planeten und Kometen verglichen werden kann.

Die Feuerkugeln, welche eben erwähnt wurden, ſind plötzliche Lichterſcheinungen, die gewöhnlich unter großem Getöſe zerplatzen und dann Steine herabfallen laſſen. Das Charakteriſtiſche der letzteren iſt, wie ſchon erwähnt, ihr Gehalt von gediegenem Eiſen in Verbindung mit Nickel. Zuweilen zieht die Feuerkugel am Himmel dahin und läßt unterwegs ſolche Steine fallen. Man hat Feuerkugeln ſo⸗

S

ſchießen, einen langen Lichtſtreifen nach ſich ziehen und unten entweder zu berſten oder zu erlöſchen ſcheinen. Von vielen Sternſchnuppen kann man nun ſehr beſtimmt beweiſen, daß ſie nicht aus dem Monde kommen, weil ſie in großer Zahl von derſelben Stelle des Himmels ausgehen. Einer der bedeutendſten Sternſchnuppenſchwärme, von Feuerkugeln an⸗ gekündigt und begleitet, wurde in der Nacht vom 12. bis 13. November 1833 in Nordamerika beobachtet. Die Stern⸗ ſchnuppen erſchienen faſt wie Schneeflocken zuſammengedrängt und konnten beinahe mit einem Feuerregen verglichen werden. Die Erſcheinung war von Jamaica bis Halifax, auf einem Gebiete von 100,000 Meilen, ſichtbar. In einer Viertel⸗ ſtunde wurden am 10ten Theil des ſichtbaren Himmels etwa 650 gezählt, und innerhalb 9 Stunden ſo lange dauerte der Sternſchnuppenfall mochten wohl 240,000 gefallen ſein. Wenn man die Bahnen rückwärts verfolgte, ſo fand man den allgemeinen Ausgangspunkt bei einem Stern im Halſe des Löwen. Dieſer Punkt ging nicht mit der Drehung der Erde fort, ſondern blieb an ſeiner Stelle, die mit dem Punkte übereinſtimmte, wohin die Erde zu dieſer Zeit ihre Richtung nahm. Die Sternſchnuppen fielen alſo unabhängig von der Erde und ihr entgegen: ein entſcheiden⸗ der Beweis, daß es Fremdlinge waren. Dazu kam noch, daß Humboldt und Bonpland bei ihrem Aufenthalt in Süd⸗

amerika am 12. November 1799, alſo zu vollkommen über⸗

einſtimmender Jahreszeit, von 2 Uhr früh bis gegen Tages⸗ anbruch ebenfalls eine große Anzahl Feuerbälle geſehen hatten, eine Beobachtung, die zu gleicher Zeit auch in Weimar und in Grönland gemacht worden war. Die Sternſchnuppen⸗ ſchwärme des 12. und 13. November kehren, wie ſpätere Beobachtungen dargethan haben, alle Jahre wieder, wenn auch nicht in derſelben Menge. Vielleicht iſt, da zwiſchen 1799 und 1833 eine Reihe von 44 Jahren verging, 1877 wieder ein großer Novemberſchwarm zu erwarten.

Auch die Nächte vom 9 14. Auguſt ſind reich an Stern⸗ ſchnuppen, wobei die Zahl einige Abende ſich ſteigert und dann wieder abnimmt. Die Häufigkeit der Sternſchnuppen in der Nacht des 10. Auguſt iſt übrigens ſchon im ſieb⸗ zehnten Jahrhundert bemerkt worden, und ein alter eng⸗ liſcher Kirchenkalender erwähnt derſelben unter dem Namen: die feurigen Thränen des heiligen Laurentius als einer periodiſchen Erſcheinung. In neuerer Zeit iſt die Richtig keit der Wahrnehmung vielfach und von den verſchiedenſten Perſonen beſtätigt worden. Die November⸗Erſcheinung wird ſeltener vom Publicum beobachtet, weil zu dieſer Zeit

das Wetter meiſt ungünſtig iſt.

wohl bei trübem, als auch bei heiterem Wetter geſehen, doch

iſt die Erſcheinung eine ſeltene, und es konnte deshalb wenig über ſie erforſcht werden. Die Sternſchnuppen ſind viel häufiger, und hier waren denn auch mancherlei Beobachtungen und Schlüſſe möglich, die im Allgemeinen auch für die Feuer⸗ kugeln gelten.

Die meiſten Sternſchnuppen ſind kleine Feuerkugeln, die

plötzlich, gleich fallenden Sternen zum Horizont herab⸗

Die Auguſt-Sternſchnuppen kommen vom Sternbild des Perſeus her und beweiſen durch die Regelmäßigkeit ihrer Bahn gleichfalls, daß dieſe Naturerſcheinung nicht der Erde angehört. Mit dem Vorrücken des Sternbildes ändert ſich auch der Ausgangspunkt der kleinen Feuerkugeln, und

wie der Löwe im November, ſo iſt Perſeus im Auguſt der⸗

jenige Himmelsraum, welchem ſich die Erde entgegen bewegt.

Benzenberg ſagte:Im November iſt gutes Stern⸗ ſchnuppenwetter; aber dies iſt keine Erklärung. Allen Zeichen nach ſind die Sternſchnuppen eine ungeheure Wolke oder Straße von kleinen Meteormaſſen, ein Ring plane⸗ tariſcher Bruchſtücke, oder Weltenbrocken. Dieſer Ring, der ſtellenweis locker und dünn, an andern Stellen zu dichten Schwärmen vereinigt oder ausgebreitet iſt, läuft gleich den Planeten um die Sonne herum und ſchneidet die Erdbahn an zwei Punkten, an den Stellen, wo ſie vor der Mitte des Auguſt und November dahineilt. Die Umlaufszeit des Sternſchnuppenringes beträgt 56 Jahre. Weil der Ring