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Bie Meteorſteine, Feuerkugeln und Sternſchnuppen.
Von E. J. Reimann.)
Luft und Waſſerdampf ſind die Elemente der Atmo⸗ ſphäre. Ihre Bewegungen, ihre Verdichtungen bilden unſer Wetter, und was ſonſt in ſie gelangt, hat nur durch ſeine Rückwirkung einen meteorologiſchen Charakter.
An der Grenze der atmoſphäriſchen Erſcheinungen ſtehen nun zunächſt die Meteorſteine, Feuerkugeln und Stern⸗ ſchnuppen, deren Urſprung wir, ſo weit es der heutigen Wiſſenſchaft gelungen iſt, nachweiſen wollen.
Schon die Schriftſteller des Alterthums ſprechen von Steinregen, und auch die Urkunden des Mittelalters ſind reich an ſolchen Nachrichten. Vom Himmel gefallene Steine zeigte man ſeit mehreren Jahrhunderten in Sammlungen; im vorigen Jahrhundert indeß wurden ſie als Beweiſe des Aberglaubens entfernt, was man jetzt beklagt, da manche ſchätzbare Probe dadurch verloren gegangen ſein mag. Der Phyſiker Chladni aber, der ſich viel mit dieſem Gegenſtande beſchäftigte, theilte den allgemeinen Zweifel nicht und ſagte zu Lichtenberg: Wer weiß, ob uns nicht der Mond mit Steinen bewirft? Sechs Wochen lang forſchte er in der Bibliothek zu Göttingen nach beſtimmten Nachrichten, fand eine große Uebereinſtimmung der Beſchreibungen und ver⸗ faßte ſelbſt eine kleine Schrift über die von Pallas in Sibirien gefundene Eiſenmaſſe und die vom Himmel ge— fallenen Steine. Auch legte er eine große Sammlung an, die er der Academie in Berlin vermacht hat. In England nahm Howard eine Zerlegung der Meteorſteine vor und fand vorzugsweiſe Nickeleiſen darin, worüber er in der Aca demie eine Abhandlung las. Ein Mitglied der Pariſer Academie wollte einen Auszug daraus geben, wurde aber mit ſeinem Anerbieten zurückgewieſen. Bald darauf fiel bei Aigle im Departement de l‚Orne ein großer Steinregen (26. April 1803). Als die Pariſer den Bericht hörten, ver⸗ ſpotteten ſie den Maire wegen ſeiner Leichtgläubigkeit; die Aigler indeſſen ſchickten Steine nach Paris eines der Stücke wog 17 Pfund und dies veranlaßte die Academie, den Phyſiker Biot als Commiſſär an Ort und Stelle zu ſenden. Sorfältige Unterſuchungen klärten ihn bald über die Richtigkeit der Sache auf, und ſeine Schrift über den er⸗ wähnten Steinregen ſtellte alle phyſiſchen und moraliſchen Beweiſe zuſammen. Nie waren dort früher Meteorſteine geſehen worden, auch in Schriften geſchah ihrer keine Er— wähnung, und in den Bergwerken der Gegend waren keine Geſteine dieſer Art zu finden. Seit dem 26. April 1803 aber waren plötzlich viele ſolcher Steine zu ſehen; man hatte deren wohl 2— 3000 zuſammengebracht. Die größeren davon zeigten beim Brechen innerlich immer noch einen Schwefelgeruch. Die moraliſchen Beweiſe waren ebenfalls als vollgültig anzuſehen. In 20 Dorfſchaften auf einer Fläche von 2 ◻Lieue's hatte man den Steinfall beobachtet, faſt alle Bewohner waren Augenzeugen des ſchrecklichen Wetters geweſen, und alle erzählten übereinſtimmend. Männer und Frauen, Landleute und Soldaten, alle führten dieſelbe
) Dieſen Artikel entnehmen wir dem vortrefflichen, klar und wirk lich populär geſchriebenen Buche:„Das Luftmeer. Eine phyſi kaliſche Darſtellung für gebildete Laien. Aus dem Nachlaſſe von E. J. Reimann. Mit einem Vorwort von E. A. Roßmäßler. Gotha. Hugo Scheube. 1857.„Das Buch iſt Jedem zu empfehlen, der ſich mit den Grundzügen der Meteorologie und Klimatologie vertraut machen will, ohne Zeit und genügende Vorkenntniſſe zum Studium größerer, ſtreng wiſſenſchaftlich gehaltener Werke zu haben. Sein Inhalt iſt bei weitem reicher, als der Titel vermuthen läßt.
Zeit an, erwähnten dieſelben Umſtände, bedienten ſich der nämlichen Vergleichungen. Sie erzählten, wie die Steine ganze Aeſte herabgeſchlagen hätten, über die Dächer herab⸗ gerollt, auf der Straße wieder aufgeſprungen und beim An⸗ faſſen noch ganz heiß geweſen wären. Dann ſeien binnen einigen Tagen die Steine, welche anfangs ſtark nach Schwefel rochen, allmälig erhärtet. Die Spuren, die an Bäumen, Dächern u. ſ. w. noch zu ſehen waren, ſtimmten mit den Erzählungen völlig überein.
Allen Berichten und Beſchreibungen nach hatte man zu⸗ erſt eine große, helle Kugel in der Luft erblickt. Die Ex⸗ ploſion derſelben dauerte 5— 6 Minuten; auf 3— 5 Kanonen⸗ ſchläge folgte eine heftige Entladung, dann eine Art Trom⸗ meln; die Steine fielen dabei ziſchend herab gleich Schleuder⸗ ſteinen. Das Getöſe kam von einer kleinen, graulichen Wolke her, welche die Figur eines Rechteckes hatte und ziemlich feſt ſtand.
Auch die Ungläubigſten waren nun überzeugt, nur der Phyſiker Luc nicht; er hielt die Annahme ſolch einer Er⸗ ſcheinung für gottlos, und als man ihn fragte, ob es ihn überzeugen würde, wenn er ſelbſt Augenzeuge wäre, ant⸗ wortete er:„Ich würde ſagen: ich hab's geſehen, aber ich habe mich geirrt.“ Seit jener Zeit ſind mehrere Steinfälle beobachtet worden. Am 22. Mai 1808 fiel eine große An⸗ zahl Steine zu Stannern in Mähren herab. Sie zeich⸗ neten ſich durch eine pechartig glänzende Rinde aus, während andere Meteorſteine gewöhnlich rauh ſind; wegen ihrer Seltenheit haben ſie jetzt einen hohen Werth, der einzelne wird mit dem dreifachen Gewicht in Gold bezaht. Am 13. Nov. 1835 wurde im Departement Ain durch einen Meteor⸗ ſtein ein Haus angezündet. Manche Meteorſteine ſind von beſonderer Größe, und die Sammlungen von Berlin und Wien, mehr aber noch die von London, enthalten ſehr an⸗ ſehnliche Stücke. Im Jahre 1751 fiel bei Hradſchma im Agramer Comitate ein Stein von 71 Pfund Gewicht. Eine im Jahr 1814 zu Lenarto in Ungarn aufgefundene Meteor⸗ ſteinmaſſe wog 194 Pfund. Die Eiſenmaſſe, welche Pallas in Sibirien fand, hatte ein Gewicht von 1400 Pfund, und in Mexiko entdeckte man Maſſen, welche 3— 4 Centner wogen. Dies paßt ſehr gut zu einer Erzählung des Alter⸗ thums von einem ſteinernen Stern, der das Gewicht einer Wagenlaſt hatte.
Zur Entſcheidung der Frage, ob die Meteorſteine aus unſerer Atmoſphäre oder aus dem Weltraume, vielleicht von Sternen kommen, kürzer ausgedrückt: ob ſie telluriſchen oder kosmiſchen Urſprungs ſind, mußte man ſie chemiſch unter⸗ ſuchen. Da fanden ſich denn nur irdiſche Beſtandtheile, zu nächſt 18, unter denen gediegenes Eiſen, Nickeleiſen, Magnet⸗ kies, Chromeiſen, eingeſprengte Augit- und Olivinkryſtalle die wichtigſten ſind. Die mähriſchen enthalten kein ge⸗ diegenes Eiſen, ſondern nur Gemenge. Größere Steine ſind oft geſprungen, die Sprünge aber wieder ausgefüllt, was auf einen Schmelzungsprozeß hindeutet; Steine mit ſtarkem Eiſengehalte ſpringen jedoch nicht.
Ungeachtet der Uebereinſtimmung der Meteorſtoffe mit irdiſchen Stoffen aber hat man doch ſchon lange einen kos⸗ miſchen Urſprung derſelben angenommen. Die Planeten ſogar, welche doch in ſehr regelmäßigen Bahnen um die Sonne kreiſen, zeigen auf ihrem Wege ſo viel Abweichungen, daß man an die Möglichkeit jener Erſcheinungen leicht


