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der Kirche oder Schule auf der Tagesordnung ſtanden. Als ihm im Kreiſe von Freunden, wie es wohl auch öffent⸗ lich geſchah, dieſe Zurückhaltung zum Vorwurf gemacht wurde, entgegnete er:„Ihr habt gut reden, Ihr ſeid des Pfarrers N. Sohn von X. Ihr war't noch nicht zwölf Jahre alt, ſo hat ſchon Mancher Euch Herr Gottlieb geheißen, und wenn Ihr mit Eurem Vater über die Straße ginget, und es begegnet Euch der Vogt oder der Schreiber, ſo zogen ſie den Hut ab, und erſt, wenn Euer Vater den Gruß zurückgab, habt auch Ihr Euer Käpplein abgezogen. Ich aber bin, wie Ihr wißt, als Sohn einer armen Hinterſaßen⸗Wittwe zu Hauſen aufgewachſen, und wenn ich mit meiner Mutter nach Schopfheim, Lörrach oder Baſel ging, und es kam ein Schreiber an uns vor— über, ſo mahnte ſie:„Peter, zieh's Chäppli hera,'s chunnt a Her;“ wenn uns aber der Herr Landvogt oder der Hof⸗ rath begegnete, ſo rief ſie mir zu, ehe wir ihnen auf zwanzig Schritten nahe kamen:„Peter, blib doch ſtoh, zieh gſchwind di Chäppli ab, der Her Landvogt chunnt!“ Nun könnt Ihr Euch vorſtellen, wie mir zu Muthe iſt, wenn ich hieran denke— und ich denke noch oft daran— und in der Kammer ſitze mitten unter Freiherrn, Staats⸗ räthen, Miniſtern, Generalen, vor mir Standesherrn, Grafen und Fürſten, und die Prinzen des Hauſes und unter ihnen der Markgraf Leopold— faſt mein Herr!“
Außer an den Landtagsverhandlungen mußte ſich Hebel noch an anderen Berathungen betheiligen, welche für ihn, den Kirchenmann, von größerem Intereſſe waren. Es wurde von der Regierung die Union der beiden evangeli⸗ ſchen Kirchen beabſichtigt. Die öffentliche Meinung ſprach ſich zu Gunſten dieſer Maßregel aus. Hebel und ſein Freund Sander ſollten bei der Generalſynode die luthe⸗ riſche Kirche vertreten. Sie entledigten ſich ihres Auftrags in einer Weiſe, daß ſie von der theologiſchen Facultät zu Heidelberg den Doktortitel erhielten. Hebel freute ſich dieſer Auszeichnung um ſo mehr, da er meiſtens das Candidatenexamen ſo ungenügend beſtanden hatte. War er auch jetzt noch kein Gelehrter geworden, ſo hatte er ſich doch durch fortwährende Beſchäftigung mit den theologi⸗ ſchen Wiſſenſchaften einer ſolchen Anerkennung würdig gemacht. Ein Vertreter der lutheriſchen Richtung, wie ſie in der Gegenwart oft mit fanatiſchem Eifer hervor⸗ tritt, iſt er nimmer geweſen. Er ſtand, wie faſt alle ſeine Zeitgenoſſen, auf dem rationaliſtiſchen Standpunkt, hatte aber dabei ein für Religion und Kirche erwärmtes Ge⸗ müth. So ſchien er auch geeignet zu ſein, ein Buch zu verfaſſen, welches damals von vielen Seiten gewünſcht wurde: nämlich eine bibliſche Geſchichte, die den Bedürf⸗
V und trat nur dann als Redner auf, wenn Angelegenheiten
er ſich wieder kränker, denn zuvor.
Badens. Doch iſt das Büchlein erſt nach dem Tode des Verfaſſers durch den Druck veröffentlicht worden.
Die böſen Tage, von denen die Menſchen ſagen, ſie gefielen ihnen nicht, kamen nun dem vielbeſchäftigten Manne mit Rieſenſchritten herbei. Seine Geſundheit wurde immer ſchwächer; ſeine Hand zitterte, wenn er die Feder führte, und ſeine Gemüthsſtimmung verlor durch ſeine körperlichen Leiden ihre frühere Heiterkeit. Er mußte um Entbindung von ſeinem Lehramt bitten und erhielt die Gewährung ohne Schwierigkeit. Doch wurde er dem Schulweſen nicht entfremdet. Er hatte die evangeliſchen gelehrten Schulen zu viſitiren und über deren Angelegen⸗ heiten zu berichten. Eineſolche Viſitationsreiſe war die letzte ſeines Lebens. 1826 ſchrieb er an einen Freund nach Mann⸗ heim, den Hofrath Wüſelin:„Ich komme diesmal, erſchrecken Sie nicht! in der Qualität eines Patienten zu Ihnen; doch Gottlob: ohne Arzneigläslein, auch ohne Bedürfniß von Kraftbrühe, zarten Gemüslein u. ſ. w. Nur mit dem · Be⸗ dürfniß des Stilllebens unter einem freundlichen Joche.“
Den 10. September kam er in Mannheim an und wohnte während der folgenden Tage den Prüfungen mit Ausdauer bei; ja er betheiligte ſich noch durch Examiniren von ſeiner Seite an demſelben. Die Schüler des Lyceums wollten ihm ihre Liebe mit einem Fackelzuge beweiſen, doch lehnte er dieſe geräuſchvolle Ehrenbezeugung ab. Dagegen folgte er der Einladung zu einer Waſſerfahrt an der Stelle, wo ſich der Neckar mit dem Rhein vereinigt. Hebel war ungewöhnlich heiter bei dieſer Luſtpartie, und verſicherte freudigen Blickes, daß er lange keinen ſo fröh⸗ lichen Abend verlebt habe. Schon am andern Tag fühlte Am 16. September verließ er das Haus ſeines Gaſtfreundes, um über Schmetzingen nach Heidelberg zu reiſen und dorten die Prüfung des Gymnaſiums vorzunehmen. In Schmetzin⸗ gen kehrte er in dem ihm befreundeten Hauſe des Garten⸗ inſpektors ein. Sein Zuſtand wurde ſchlimmer, und nöthigte ihn, einen Arzt zu Hülfe zu rufen. Die Wan⸗ derung nach Heidelberg mußte aufgegeben werden. Schon fürchtete man einen tödtlichen Ausgang. Er ſelbſt aber hoffte auch da noch, als ſein von Karlsruhe herbeigeeilter Hausarzt, ſowie die andern Doktoren, den Anweſenden ſein bevorſtehendes Ende verkündeten. Am 22. September war ſein lebhafter Geiſt der irdiſchen Hülle entflohen. Einige Schritte von der öſtlichen Mauer des Schmetzinger
Friedhofs iſt ſein Grab.
niſſen und dem Geiſte der Zeit entſpräche. Schon 1818
unterzog er ſich mit ganzer Seele dieſer Arbeit und voll⸗ endete noch vor dem Ende deſſelben Jahres das alte Teſtament. Mancherlei Hinderniſſe, unter andern auch die Synode, verzögerten die Ausarbeitung des Ganzen, welches 1824 in zwei Theilen bei Cotta in Stuttgart er⸗ ſchien. Wiewohl dieſe Schrift mit unverkennbarer Liebe bearbeitet war und auch vielen Beifall gefunden hat, ſo fehlte es auch nicht an vielfachem Tadel. Der Ton des Hausfreundes waltete allzuſehr vor, man vermißte mit⸗ unter bibliſchen Gehalt und Geiſt. Trotz dieſer Ausſtel⸗ lungen unternahm Hebel mit ſchon alternder Hand die Abfaſſung eines Katechismus für die evangeliſche Kirche
Der ihm unerwartet gekommene Tod verhinderte ihn an der Ausführung eines Entſchluſſes, welcher beſſer als viele Worte, ſeinen menſchenfreundlichen Sinn beurkun⸗ det. Er wollte ſeine Hinterlaſſenſchaft zu einer Stiftung verwenden, aus welcher den Greiſen zu Hauſen, dem Wohnorte ſeiner Eltern, jeden Sonntag ein Schoppen Wein verabreicht, und den Schulkindern die nöthigen Bücher angeſchafft werden ſollten. Da er während ſeines ganzen Lebens nicht darauf bedacht geweſen war, ſich Schätze zu ſammeln, ſo war auch ſein Vermögen nicht bedeutend. Einen Theil deſſelben— das ſehr bedeutende Honorar für die bibliſchen Geſchichten— hatte er durch den Fall eines Banquierhauſes verloren. Er bedauerte den Banquier mehr als ſich ſelbſt. Der Großherzog hat„dem vaterländiſchen Dichter“ in dem Schloßgarten zu Karlsruhe ein Denkmal geſetzt, auf deſſen Rückſeite zuleſen iſt: Immer bleibet Dir Namen und Ehr' und ewiger Nachruhm.
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