Jahrgang 
1857
Seite
166
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Werk. Er verſchmähte es auch nicht, alte Geſchichten aus vergangenen Jahrhunderten aufzuſuchen, und unter feiner Hand wurde auch das Alte neu. Mit dem Jahre 1814 trat Hebel von der Redaktion des Kalenders zurück, und fragſt du, warum? ſo muß ich dir ſagen, daß es eine einzige Geſchichte war, welche dieſen Entſchluß hervorrief. Er hatte nämlich von einem Handwerksburſchen erzählt, der auf einer Brücke zwei katholiſchen Geiſtlichen begegnete, welche das heilige Sacrament trugen und zu beiden Sei⸗ ten der Brücke gingen. Da der Jüngling nicht wußte, vor welchem er niederknieen ſollte, verwies ihn der Eine der Geiſtlichen auf den ſonnenreichen Himmel. Dabei fand ſich eine Abbildung, welche nicht geeignet war, den Anſtoß, den man von katholiſcher Seite an dem Mitge⸗ getheilten nehmen konnte, zu mildern. Es liefen Be ſchwerden ein, und der Kalender durfte erſt ausgegeben werden, nachdem die ärgerliche Erzählung unterdrückt war. Hebel hatte nicht im entfernteſten daran gedacht, der katholiſchen Kirche, in welcher er ſelbſt viele Freunde hatte, zu nahe zu treten. Um ſo ſchmerzlicher war ihm das Urtheil und um ſo feſter beharrte er dabei, die Redaktion andern Händen zu überlaſſen. In den ſpäteren Jahrgängen lieferte er wohl noch einzelne vortreffliche Erzählungen; auch gab er auf Bitten ſeiner Freunde den Jahrgang 1819 heraus, doch war ſein Herz nicht mehr wie früher bei der Sache.

Hebel liebte die geſellige Unterhaltung und wurde wegen ſeiner ungewöhnlichen Gabe, die Unterredung in Gang zu bringen, allenthalben gerne geſehen. In früheren Jahren betheiligte er ſich gerne bei Geſſellſchaftsſpielen. Auch die Räthſel und Charaden, die er in ziemlicher An⸗ zahl gedichtet hat, verdanken dieſem geſelligen Sinne ihren Urſprung. Es war in dem Kreiſe von Freunden und Bekannten, welchen Hebel beſuchte, Gewohnheit, ſich der⸗ gleichen zur Uebung des Scharfſinnes und zur Unterhal⸗ tung wechſelſeitig aufzugeben.

Eben ſo ſehr war er ein Freund des Theaters und der mimiſchen oder deklamatoriſchen Vorſtellung überhaupt. Als im Jahre 1809 die berühmte Schauſpielerin Hendel in Karlsruhe war, wurde Hebel von Bewunderung der⸗ ſelben ſo ſehr hingeriſſen, daß er man muß es beken⸗ nen, um der Wahrheit die Ehre zu geben, geradezu für dieſelbe ſchwärmte, und als ein Neunundvierziger ſich in die Künſtlerin verliebte. Dieſelbe hatte einen ſolchen Einfluß auf ihn, daß er von nun an in ſeiner Kleidung ein anderer wurde, und die frühere Nachläſſigkeit bei Seite ſetzte. Er ſchrieb ſelbſt eine Abhandlung, in welcher er den Beſuch des Theaters von Seiten des Geiſtlichen zu rechtfertigen ſuchte.

Eine andere Erholung gewährten ihm die Reiſen, die er von Zeit zu Zeit nach ſeiner Heimath, nach der Schweiz und nach Straßburg unternahm. Er nannte ſie dieilluminirten Kupferſtiche oder dieDichtung in der Wahrheit ſeines Lebens.

Man kann ſich's denken, wie ihm die Aktenarbeit, die er bei ſeinen verſchiedenen Aemtern zu verrichten hatte, in der Seele zuwider war. Und doch war er zu gewiſſenhaft, um ein Amt, das er übernommen, zu vernachläſſigen. Er ſchreibt ſelbſt darüber an einen Freund in Straßburg: E. E. wird Ihnen geſagt haben, daß man mich in ein neues Amt hineingegeißelt hat, und als ich es angetreten hatte, hat man mir das alte nicht abgenommen. Es iſt ein großes Zutrauen zu meiner Kraft, zu meinem guten Willen, zu meiner Einfalt. Vielleicht hat man mir auch

zugetraut, weil ich damals den Kalender noch ſchrieb in Zukunft ſchreibe ihn, wer da will es komme auf mich an, mir einen Privatkalender zu machen, in welchem die Sonne bei Nacht auch ſcheint, und die Kinder, in mei⸗ nem Zeichen geboren, mit zwei Köpfen denken, und mit vier Händen ſchreiben können.

In einem andern Briefe heißt es:Leben Sie wohl, lieben Freunde. In der Antwort können Sie daswohl weglaſſen, und nur ſchreiben: Leben Sie, mehr geſchieht doch nicht.

Seine muntere Laune verließ ihn auch unter den Akten und Geſchäften nicht, wie ſchon die Briefe beweiſen, welche er im Drange ſeiner Arbeiten geſchrieben hat.

Wie ſein Landesfürſt gegen ihn geſinnt war, ſollte er 1819 erfahren. Der Großherzog Karl war in den letzten Monaten des Jahres 1818 geſtorben. Er hatte in der von ihm gegebenen Verfaſſung dem Lande ein koſtbares Vermächtniß hinterlaſſen. Es kam jetzt darauf an, die Verfaſſung in's Leben zu rufen. Sein Nachfolger Ludwig war dazu bereit. Es fragte ſich nun, welcher Geiſtliche des Landes mit dem Titel und der Würde eines Prälaten in die erſte Kammer eintreten ſollte. Der Großherzog dachte an Hebel, welchem er ſchon lange ſeiner Schriften und ſeiner Geſinnungen wegen mit Wohlwollen zugethan war. Hebel hatte nicht im entfernteſten auf die Auszeich⸗ nung gerechnet, und war überraſcht, als ihm die vertrau⸗ liche Mittheilung gemacht wurde, was man mit ihm vorhabe. Er fand ſich in Verlegenheit, was er auf dieſen ehrenvollen Antrag antworten ſollte. Nähere Anſprüche, als er, hatte der ihm befreundete, an Jahren und Dienſt⸗ zeit ältere Kirchenrath Sander, welcher ſich um die badiſche Kirche nicht unbedeutende Verdienſte erworben hatte. Hebel wies auf dieſen, erhielt aber die beſtimmte Antwort: Sander werde keinenfalls zum Prälaten ernannt; wenn er die Stelle ablehnen würde, ſo müſſe man einen anderen Geiſtlichen berufen. Er konnte ſich nun denken, daß ſeine Bevorzugung den Freund weniger ſchmerzen werde, als die einer andern Perſönlichkeit. Noch hatte er ein Be⸗ denken, welches, ſo unbedeutend es auch ſcheint, doch für Hebel's Charakteriſirung bezeichnend iſt. Er fühlte, daß es ſeiner neuen Würde nicht ganz angemeſſen ſei, wenn er, wie bisher, das Muſeum zu Karlsruhe beſuchen und daſelbſt bei einer Pfeife Tabak und einem Glas Bier ſich unterhalten wollte. Er ſprach ſein Bedenken aus und fügte hinzu, daß es ihm ſchwer werden würde, ſeine ge⸗ wohnte Lebensweiſe zu ändern. Es wurde ihm entgegnet, daß die Glieder des Muſeums nur den gebildeten Klaſſen angehörten und daß namentlich der Kreis ſeiner näheren Bekannten nur aus älteren, allgemein geehrten und hoch⸗ geſtellten Männern beſtehe, ſo daß man ihm eine ſolche Geſellſchaft wohl gönnen möge. Ueberdies war es be⸗ kannt, daß Hebel bei ſeiner heiteren Laune und ſeinem ungezwungenen Weſen ſeine perſönliche Würde wohl zu bewahren wußte und den Anſtand niemals verletzte. Doch beſchränkte er von nun an ſeine Beſuche in der Muſeums⸗ geſellſchaft auf einige Tage in der Woche, und richtete ſich in ſeinem Hausweſen ein, daß er nicht mehr den Wirths⸗ tiſch beſuchen mußte. Nicht lange darauf wurde er mit dem Ritterkreuz des Zähringer Löwenordens geſchmückt, und,nach glücklich beendigtem Landtage, mit dem Commandeurkreuz deſſelben Ordens. Er wohnte noch mehreren Landtagen bei, fühlte ſich aber nur ſelten berufen, an den Verhandlungen lebhaften Antheil zu nehmen. Wenigſtens war er ein ſchweigſamer Zuhörer