„Fort! Entflieh!“ raunte Claas ſeinem Knecht zu. „Es ſind die Schweden. Du rettungslos ein Kind des Todes!“
Niß Ipſen ſah die Richtigkeit dieſes Wortes ein. Er nickte mit feſt geſchloſſenem Munde ſeinem Herrn einen düſteren Dank zu, erfaßte noch einmal mit bittendem Auge die händeringende Geſtalt Margreth's, die jetzt ſchluchzend auf der Schwelle neben dem Hofbeſitzer zuſammenbrach, und ſchwang ſich dann, das blutige Beil aus Inſtinct als Waffe behaltend, in's Fenſter. Hier erblickten die her— angedrängten, mit ſchnell entzündeten Fackeln bewehrten Schweden den grimmigen, blutbefleckken Mann. Der Ruf: Da iſt der Mörder!— Fahet ihn! Schlagt ihn nieder! hallte von mehr als einem Munde. Ipſen aber wendete ſich und verſchwand. Ein glücklicher Sprung brachte ihn vorerſt auf freien Boden.
Einen kurzen Augenblick nur ſchöpfte er Athem; dann rannte er ſchräg über die Wieſen, die hier Bombüll⸗Hof begränzten, weſtwärts, dem Hafſdeiche zu, der ſich als breiter, ſchwarzer Wall vor ihm erhob.
Die ſternhelle klare Sommernacht ließ den Fliehenden jeden Gegenſtand erkennen, und genau vertraut mit dem Terrain, fand er die ſchmalen Stege leicht, die zwiſchen den tiefen Gräben des fetten Marſchlandes dem Deiche zuführten. Hinter ihm krachten ein paar Musketen⸗
Gallerie deutſcher Valks- und Zugendſchriftſteller.
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ſchüſſe— die Kugeln ſchwirrten pfeifend über ſein Haupt.
Wenn ſie Dich hier finden, biſt
V
Ein Horn ſchmetterte den Allarmruf in die ſtille Nacht hinein, und es ſchien Ipſen, als dröhnte von allen Seiten Waffenlärm. Ohne ſich umzuſehen, floh er raſchen Laufs immer gerad aus dem Deiche zu. Noch einmal knallten Schüſſe, auch mußten ihm verfolgende Feinde hart auf den Ferſen ſein, denn er hörte das Haſten der Eilenden, keuchendes Athmen, wildes, drohendes Geſchrei.
Endlich ſtand er dicht vor der Böſchung des Haff⸗ deiches— Schweiß triefte von ſeiner Stirn, die Bruſt hob ſich röchelnd— ein Zittern, nicht der Angſt, ſondern der Aufregung, bewegte alle Muskeln ſeines Körpers.
Jetzt wagte er einen Blick zurückzuwerfen auf den Weg, den er gekommen war. Auf der Wieſe bemerkte er zer⸗ ſtreut mehrere Schweden, die ihm folgten. Vielleicht ge⸗ wahrten ſie ihn im Augenblicke nicht, da der Schatten des Deiches ihn deckte, aber dieſe momentane Deckung konnte ihm keinen Schutz gewähren. Lange Zeit ſich zu beſinnen, blieb ihm nicht übrig. So ſtieg er denn den grün ange⸗ flogenen Deich hinan, warf ſich auf der andern Seite wieder hinab und flüchtete, da er die grauen Watten der Weſtſee im ungewiſſen Schimmer der hellen Nacht endlos vor ſich liegen ſah, auf dieſe von der Ebbe blosgelegten Wüſten des Meeres.
(Fortſetzung folgt.)
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Johann peter Hebel.
Von K. Strack.
Zu Hauſen in einer romantiſchen Gegend des badiſchen
Oberlandes lebte geachtet und glücklich der Webermeiſter den. Doch es war anders im Rathſchluſſe Gottes be⸗
Joh. Jacob Hebel und deſſen Ehefrau Urſula geb. Oertlin. Der ſchlichte Handwerksmann, welcher während des Sommers mit ſeiner Frau bei ihrer beiderſeitigen ehemaligen Herrſchaft in Baſel Arbeit und Unterhalt fand, beſaß eine Bildung wie Wenige ſeines Standes. Sein noch vorhandenes Schreibbuch enthält eine Samm⸗ lung von Dichterſprüchen in deutſcher und franzöſiſcher Sprache und liefert den Beweis, daß der dichteriſche Sinn auch bei harter Arbeit beſtehen kann. Doch würde man ſchwerlich noch vom wackeren Jacob Hebel reden, wenn er nicht einen Sohn gehabt hätte, der ſeinem Namen auf Jahrhunderte
heutigen Tags in dieſer Zeitſchrift
hinaus unter dem deutſchen Volke einen guten Klang ge⸗
ſichert hat.
Oder wer hätte nie Etwas von dem Verfaſſer des
Rheiniſchen Hausfreundes und des Schatzkäſtleins, das
ſo ſchöne Geſchichten enthält, gehört und geleſen? Gibt's doch faſt kein Leſebuch in einer Schule des evangeliſchen Deutſchlands, das nicht irgend ein Stücklein mit der Unterſchrift„Hebel“ enthielte.
Dieſer Hebel,— Joh. Peter war ſein Vorname— iſt geboren den 10. Mai 1760, aber nicht zu Hauſen, wo ſeines Vaters Wohnhaus und kleines Feldgut zu finden war, ſondern in Baſel daſelbſt in Arbeit ſtanden. Knäbleins und hat genau in wann daſſelbe die erſten Zähne bekommen,
Der Vater freute ſich des ſein Tagebuch geſchrieben, zuerſt allein
zu einer Zeit, wo die Eltern
geſeſſen und geſtanden habe u. ſ. w. Ein ſo aufmerkſamer Vater wäre wahrſcheinlich auch ein guter Erzieher gewor⸗
ſtimmt. Schon im Juli 1761 ſtarb der biedere Mann in ſeinen beſten Jahren; ein Töchterchen von 5 Wochen folgte ihm bald, ſo daß unſer Peter das einzige Kind der trauernden Wittwe war. Es wurde der Mutter nicht leicht, den wilden oft ausgelaſſenen Knaben in Zucht und Ordnung zu halten; denn wo ein Schalkſtreich in Hauſen ausgeführt wurde, da war der junge Hebel keiner der Letzten, die ſich dabei betheiligten. Er ſchonte ſelbſt die fremden Bäume nicht, wenn ſeine übergroße Naſchhaftig⸗ keit Befriedigung erwarten konnte. Die Mutter ließ es weder an liebevollen Vorſtellungen fehlen, noch an Züch⸗ tigungen, wenn's nöthig war. Auch der Schullehrer des Ortes mußte nicht ſelten einen Haſelſtock nehmen um die wohlverdiente Strafe an dem Helden unſerer Geſchichte zu vollziehen. Seine ſich kundgebenden Fähigkeiten brach⸗ ten die Mutter auf den Gedanken, ihren Liebling etwas Tüchtiges lernen zu laſſen. Er beſuchte noch eine Zeitlang die Schule ſeines Wohnortes neben der ſtädtiſchen, und ſo kam es bisweilen, daß er, wenn er des Morgens die lateiniſchen Schläge eine Stunde weit heimgetragen hatte, des Nachmittags noch einmal deutſche dazu bekam,„aber niemals unverdiente.“ Der alte Schalk ward aber durch die fremden Vokabeln, Conjugationen und Deklinationen keineswegs ausgetrieben.
„Es war jedoch nicht Langeweile und Mangel an Be⸗ ſchäftigung, wenn Hebel mancherlei Streiche verübte.


