Jahrgang 
1857
Seite
162
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Um den bärtigen Mund des jungen Kriegers flog ein Vittiſehis kächeln. Er hatte dies vermuthet und konnte deshalb in ſeinem Unternehmen dadurch nicht geſtört wer⸗ den. Längſt ſchon vertraut mit den Localitäten von 2 Bom büll⸗-Hof, ging er an der Thür vorüber und wandte ſich links den Stallungsräumen zu. Hier war eine Seiten⸗ thür, welche ins Freie führte. Verſchloſſen konnte dieſe nicht werden, das wußte der Cornet, nnd wenn die Luft ſtill war, hatte man auch beim Eröffnen derſelben nicht zu fürchten, daß ſie in den Angeln knarre. Von dieſer Thür hob Sture Bjelke jetzt den Holzriegel, der ſie von Innen ſperrte, und ſchlüpfte gewandt hinaus ins Freie. Schattige Fliederbäume bildeten hier einen erwünſchten Verſteck. Wieder blieb der abentenerſüchtige Schwede ſtehen, um zu horchen und zu lauſchen. Tiefe Ruhe ringsum das Glück ſchien ihm zu lächeln. Er hob den Kopf mit dem u ſtarken, blonden Lockenhaar höher, fühlte nach ſeinem Dolche und ſchlich an der Mauer fort bis unter das zweitnächſte Fenſter. Hier warf er einen flam⸗ menden, leidenſchaftlichen Blick nach S Oben, ſtreckte die Hand aus, um die Höhe zu meſſen und ſtieß mit kräftiger Fauſt ſein Do acmeſſer in eine Spalte des Gemäuers. Ein Ruck, ein Sprung, und ſeine elaſtiſch⸗gelenke Geſtalt ſchwebte auf dem hervorragenden Griff des Dolches, wäh rend die Linke feſt einen Pflock umklammerte, der neben dem Fenſter im Gebälk ſtak. In dieſem Augenblicke regte ſich eine zweite Geſtalt unter den Fliederbäumen und ein breites, blankes Eiſen blinkte matt im nächtlichen Dunkel. Der Schwede war aber zu ſehr mit ſich und ſeinem Un⸗ ternehmen beſchäftigt, um das unerwartete Erſcheinen eines Dritten zu gewahren. Ein gewagter Druck öffnete ihm das Fenſter, er ſchwang ſich behend empor und ſchlüpfte ſchnell in die Oeffnung, die weit genug war, um ſeine ſchlanke Geſtalt bequem durchzulaſſen. Eben ſo raſch eilte der Beobachter unter den Fliederbäumen an die Stelle, die der Schwede ſoeben verlaſſen hatte. In dem trotzigen harten und entſchloſſenen Geſicht erkennen wir den Knecht Niß Ipſen.

Margreth's Verlobter war, gemäß Sitte auf Bombüll⸗Hof um die gewöhnliche Abendſtunde auf ſeine Kammer gegangen, der Ruhe überließ er ſich aber nicht. Die Mittheilungen ſeiner Braut regten ihn auf bis zur Wuth und er mußte ſich die größte Gewalt anthun, um nicht den ihm verhaßten, ſchwediſchen Baron auf der Stelle zur Rede Ju ſetzen und ſeine Hand den Frechen fühlen zu laſſen. Seine Vernunft ſagte ihm jedoch, daß ein ſolches Verfahren nur für ihn die übelſten Folgen haben werde. Er beſchloß deshalb, zu warten, bis der Schwede ſeine Drohung auszuführen, ſich anſtelle. Dann wollte er den Frevler überraſchen und ihn ſo beſtrafen, daß er Zeit ſeines Lebens den Aufenthalt in der Wiedingharde nie vergeſſen könne. Nur über die Art der Beſtrafung, die ja zugleich auch eine Rache ſein ſollte, war der ergrimmte Frieſe ſich

ſelbſt nicht ganz klar, und gerade weil er darüber zu keinem

feſten Entſchluß kommen konnte, ſtellte er ſie anheim.

Gleich dem Cornet ſaß Niß Ipſen lauſchend in ſeiner dunkeln Kammer. Die Minuten wurden ihm zu Stunden, die Stunden dehnten ſich zur Ewigkeit aus, und eine freudige Empfindung regte ſich in ſeinem Herzen, als er die ſchattengleiche Geſtalt des Freiherrn am Herde vor übergleiten ſah.

Er iſt's! murmelte der Knecht, während ſein Blut ſtockte und ihm das Athmen erſchwerte.

dem Zufall

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ſchlüpfte er ſchne llfüßig die ſchmale Leitertreppe hinab, erreichte ſprungweiſe die Flur vor dem Herde, und ſah wie die Sektetthül des Hofes geräuſchlos zurückfiel in die Fugen. Dann hörte er das Knirſchen ſandigen Gerölles. Sein Auge blickte verwirrt um ſich und ſuchte eine Wehr zu erfaſſen. Es fiel auf das blanke Beil, das neben dem Herde auf dem Hackblocke lag. Ein raſcher Schritt, ein Griff, und ſeine nervige Fauſt umklammerte den Stiel der gewichtigen Waffe. So bewehrt, folgte er dem lüſternen Schweden, der ihm die Braut abſpänſtig machen oder verführen wollte.

Ein lauter Hilferuf der ſchrillend an dem Fenſter ver⸗ hallte und nicht blos den wachſamen Tiger weckte, ſondern ſelbſt das Vieh in den Stallungen unruhig machte, drang aus Margreth's Kammer. Niß Ipſen vernahm zuſpre chendes Geflüſter, gleich darauf ein Stampfen heftig Ringender. Mit geſchwungenem Beil hob ſich der mus⸗ kelſtarke Frieſe empor und erreichte das Fenſter. Die Dunkelheit in der Kammer ließ ihn nur zwei ringende Menſchen in unklaren Umriſſen erkennen.

Beiß' ihm die Gurgel ab, Margreth'! rief der wüthende Knecht, ungeſtüm in die Kammer ſpringend und mit ſcharfem Auge ſeinen Feind ſuchend. Dieſer Ruf be⸗ freite die jugendliche Magd aus Bjelke's würgenden Hän⸗ den, denn der Schwede erkannte ſofort die Gefahr, die ihm in der Perſönlichkeit des erhitzten, nach Rache ſchnau⸗ benden Frieſen drohte. Furcht bemeiſterte ſich jedoch nicht des beherzten Kriegers. Er griff nach einem gewichtigen Schemel und drang ſofort mit dieſem auf Ipſen ein.

Nun begann zwiſchen beiden raſenden Männern in lautloſer Stille ein furchtbarer Kampf. Margreth' ſtürzte inzwiſchen aus der Thür und rief die Herrſchaft wach. Der Hund heulte wild an ſeiner Kette, die Pferde wieher⸗ ten und ſtampften, ganz Bombüll⸗Hof gerieth in Aufſtand.

Dieſer ungewohnte Lärm, der ziemlich weit in der ſtillen Nacht zu vernehmen war, lockte mehr aus Neu⸗ gierde als aus Verdacht einen der Wachtpoſten der Schwe den heran, die am nahen Deich aufgeſtellt waren. Auch mußte von dem Geſchrei Margreth's, zu dem ſich alsbald noch das der geängſteten Kinder und das Fluchen des ver⸗ ſtörten Claas geſellte, Sture Bjelke's älterer Kamerad in ſeiner Nachtruhe geſtört werden.

Während nun der Letztere nach dem Cornet rief, die Hausfrau Licht anzündete und Margreth' noch immer um Hilfe ſchrie, raſſelten ſchon die Feuerröhre des ſchwediſchen Poſten vor der Hofthür und begehrten Einlaß. In dieſem Augenblick trat Claas mit flackerndem Licht auf die Schwelle der Kammer. Ein todtenbleiches Geſicht und ein am Bo⸗ den liegender, zuckender Körper machten den Hofbeſitzer erbeben. Niß Ipſen ſtand, das bluttriefende Beil noch in der Hand, tief aufathmend, die Haare verwildert um das Geſicht hängend, vor ſeinem Herrn. Sture Bjelke lag mit geſpaltenem Schädel auf der Diele.

Unglücklicher, was haſt Du gethan! rief Claas ent⸗ ſetzt aus.Wir Alle ſind verloren! die Schweden werden dieſe That furchtbar rächen!

Niß Ipſen rieſelte kalter Schweiß über das Geſicht, er ſtrich die Haare aus der Stirn und ſagte dumpf:

Er hat ſeinen Lohn empfangen ich hab' ihn er⸗ ſchlagen! Es mag nicht recht ſein, aber warum ſtreckte er die Hand aus nach meiner Braut!

Vom Peſel her vernahm man dröhnende Männer⸗ Schweden, welche

ſchritte und die harte Stimme des alten Augenblicklich V den Mörder zu greifen befahl.