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groß gemacht; nicht der Lohn, nicht einmal die Ehre ſeiner Ent⸗ deckungen ſind ihm erblüht.— Gründlichkeit und Wahrhaftigkeit
bei allen Forſchungen bildeten den Hauptzug ſeines gewiſſen⸗ haften Charakters; dieſe volle Hingabe an die Natur, dieſes ſich nur in ihre Weſenheit verſenkende Forſchen entband ihn, wie ſeine Schüler ſagen, ſeiner Subjectivität und ließ ihn der reinen Auffaſſung der Gegenſtände immer näher rücken; dadurch erhielt ſein Weſen den Stempel des„Originellen“, das Manchem auf⸗ fiel. Aber einen ſo nach innen gerichteten Geiſt berührte dies wenig, die Natur war ſeine Geliebte; was lag ihm an den Außen⸗ dingen der Geſellſchaft und des Lebens? Und doch werden grade ſie oft zum Knotenpunkt tragiſcher Schickſale und ſind es für ihn geworden. Von dem, was er durch mühſelige Fragen der Natur abgerungen, was ſie ſeinem Seherblick hat offenbaren müſſen, iſt ein Theil in alle Lehrbücher der Botanik übergegangen, ob⸗ gleich nicht durch ihn, ſondern durch ſeine Schüler dahin be⸗ fördert. Sein Intereſſe für die Sache war ſtets ſo glühend, daß er ſeine Entdeckungen gleich ohne Rückhalt ſeinen Schülern mit⸗ theilte, die ſie in glücklichſter Weiſe benutzten und zu Amt und Würden kamen. Oft hat Schimper ſeine Entrüſtung darüber ausgeſprochen; ſpäter ließ er es ſtill über ſich ergehen, forſchte weiter und erlebte neue Treuloſigkeiten. An die Alexander Braun zugeſchriebenen, aber von ihm feſtgeſtellten Geſetze der Blattſtellung, reiht ſich die Lehre vom Sproß und die wiſſen⸗ ſchaftlich exacte Feſtſtellung deſſen, was Goethe als Metamorphoſe in die Wiſſenſchaft der Pflanze eingeführt hat. Dieſe Geſetze ſind die Baſis der neueren Botanik geworden. Aber eine finſtere Gegenpartei ſuchte dem ihr unliebſamen Forſcher durch eine Fülle von Intriguen zu ſchaden und ſeinen Charakter zu verdächtigen. Man verwickelte ihn z. B. in einem katholiſchen Lande in eine Proteſtantenverfolgung, unterſchlug ſeine werthvolle Stein⸗ ſammlung und brachte ihn betrüglicher Weiſe um ſeine ſyſte⸗ matiſch geordnete Mineralienſammlung, die er dem Profeſſor Agaſſiz in Neuenburg geliehen hatte und die noch heute im naturhiſtoriſchen Muſeum in Neuenburg lagert. Eine Kette von Mishelligkeiten verfolgte den beſcheidenen Gelehrten, und der Mann, der recht eigentlich berufen zu ſein ſchien, eine erſte Stelle im Lehrfach einzunehmen, lebt jetzt ein kümmerliches, ein⸗ ſames, von der Welt verlaſſenes Leben in dem kleinen Orte Schwetzingen.— Wenn auf Irgendwen, ſo paſſen auf Schimper die Worte;„Wo die Könige bauen, da haben die Kärrner zu
thun!“ Dabei iſt es eine traurige Erfahrung, daß die Welt
oft nur Augen für das Geringe, für den Verſtoß von Rückſichten, Gebräuchen und Obliegenheiten hat und das Große nicht ſieht. Dr. Georgens ſagt von ihm:„im Umgange dieſes ſeltenen Mannes habe ich meine Begeiſterung für mein jetziges Erzieher⸗ leben genährt und geſtärkt und empfinde die Nachwirkungen davon mit ſtetem innigen Danke. Von ſeinem veredelnden Ein⸗
fluß wird Jeder, der ſich ihm naht, unmittelbar ergriffen; daher
i*ſt er mir das Ideal, das echte Weſen des Lehrers geweſen, der in ſchönſter und vollkommenſter Weiſe ſeine Schüler in die Werk⸗ ſtatt des Lebens einführt und ſie befähigt, geiſtig mitzuleben und zu arbeiten.“ Mögen dieſe Zeilen Schimpers Namen und Ver⸗ dienſte wenigſtens einem weiteren, als dem Gelehrtenkreiſe der Mitwelt bekannt machen!
Blutegel in Bulgarien. Während in den übrigen Ländern Europa's die Blutegel, in Folge des überhand genommenen Gebrauchs, welchen die Medicin davon macht, ſeltener geworden ſind, finden ſie ſich in Bulgarien im Ueberfluß. Man fängt ſie dort in den zahlreichen Seen und anderen moraſtigen Orten. Ihre Ausfuhr iſt nur denen geſtattet, welche von dem türkiſchen Miniſterium in Konſtantinopel unmittelbar das Monopol dazu
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur
gekauft haben, wogegen die Regierung es Niemanden verbietet Blutegel zu fangen und anzuwenden; nur der Verkauf ohne Einwilligung der Pächter iſt nicht geſtattet. Dieſe Pächter der Grundſtücke kaufen nämlich das Recht der Ausfuhr dieſes für die Menſchheit ſo wichtigen Artikels von der türkiſchen Regierung für alle Provinzen des Reichs und treten dieſes Recht dann wieder an andere ab. In Konſtantinopel befindet ſich die Haupt⸗ niederlage des vornehmſten Pächters, eines griechiſchen Unter⸗ thans, Dimitrios Sakellaridis, der dafür jährlich einen Pacht⸗ zins von 15,000 Franken an die Pforte zahlt, und die Anzahl der jährlich aus Bulgarien nach Konſtantinopel geſchafften Blutegel beläuft ſich auf 70— 80 Centner.
Was iſt volksthümſich? Unter dieſer Ueberſchrift beſpricht die in Stuttgart erſcheinende„Glocke der Gegenwart“, her⸗ ausgegeben von Dr. Johannes Gihr, den Artikel un⸗ ſeres Mitarbeiters Ludwig Bechſtein„Ueber deutſche Volks⸗ eigenthümlichkeiten“. Sie lobt deſſen richtige Bemerkungen, die ſie ihren Leſern im Auszuge mittheilt und knüpft daran einige verwandte Sätze, die wir ebenfalls ſo richtig und be⸗ herzigenswerth finden, daß wir ſie unſern Leſern nicht vorent⸗ halten mögen. Sie heißen:„Volksthümlich politiſiren, volks⸗ thümlich ſchreiben, volksthümlich regieren, Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft populariſiren, die Literatur dem Volke zugänglich machen— hat nur dann einen Sinn, wenn man ſich beſtrebt, die Maſſen zum Menſchenthum zu erheben, den Verſtand des Volkes zu er⸗ leuchten, ſein Herz zu erwärmen und ſeine ſittliche Kraft zu ſtählen, mit einem Wort: für ſeine Bildung zu wirken. Wenn aber namentlich die Publiziſtik ſich dadurch populär machen will, daß ſie ſich auf den Standpunkt derjenigen Maſſe hinabſtellt, welche das Ungeheuerliche für das Hohe, das Bunte für das Schöne hält und ſtets nach derben Späßen und Bilderchen lüſtern i*ſt, ſo iſt eine ſolche Popularität ebenſo werthlos, ja ſchädlich, als auf dem politiſchen Gebiete die Künſte der falſchen Demago⸗ gen verachtenswerth ſind.“
Gute Bücher.*)
Friedmann, Tägliches Brod. Wien 1856. Dieſe Hefte ent⸗ wickeln die Grundſätze des Haushaltes, die Lehren der Volks⸗ wirthſchaft und zwar in ſehr populärer und eindringlicher Sprache. Auch ihr Titel iſt in doppelter Hinſicht gut gewählt; denn Aufklärung über dieſe Dinge thut unſerem Volke eben ſo noth, wie das tägliche Brod. Möchten ſie die weiteſte Ver⸗ breitung finden! 4
Schauplatz der Natur von Eduard Hintze. Berlin. Carl Barthol. 1857. 1. Lieferung. Der Verfaſſer iſt durch ſeine vortrefflichen naturwiſſenſchaftlichen Aufſätze in W. Alexis Volkskalender zuerſt bekannt geworden. Er beſitzt das ſeltene Talent auch die ſchwierigſten Gegenſtände in klarer, faßlicher, anziehender, ſchöner und doch nicht ſchönredneriſch⸗oberflächlicher Darſtellung zu geben. Der„Schauplatz der Natur“ will Jeder⸗ mann einführen in die Schönheit, Großartigkeit, erhabene Ge⸗ ſetzmäßigkeit und wunderbare Harmonie der Natur, welche Ein⸗ ſicht den Menſchen kräftigt, zur geregelten, einſichtsvollen Thätigkeit anſpoent, ihn geiſtig erhebt und ſittlich läutert und veredelt. E. Hintze's Arbeiten ſind verdienſtliche Volks⸗ ſchriften, ein höheres Lob kennen wir nicht für den Schriftſteller, denn:„die wahre Volksſchrift iſt das Ideal alles Schriftthums!“
*) Um den Leſern des„Feierabend“ einige Winke bei Auswahl ihres
Bücherbedarfs unter der großen Maſſe des Erſcheinenden an die Hand zu geben, wollen wir auf vielfaches Verlangen dann und wann einige
ampfehlenswerthe Bücher zur Anzeige bringen. Die Red.
Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig.
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