und ſelbſt die Würdenträger finden keine Gnade, wenn ſie gefehlt haben. Da die Todesſtrafe auch Konfiskation des Vermögens nach ſich zieht, ſo benutzt der Fürſten⸗ und Adelſtand ſein Vorrecht des Hara⸗kiri, d. i. glücklichen Dahinſcheidens, indem ſich der in Ungnade Gefallene mit einem Meſſer den Bauch aufſchlitzt. findet das Hara⸗kiri Statt. Glaubt ein Vornehmer von einem Andern tödtlich beleidigt zu ſein, ſo ſchneidet er ſich auch wohl den Leib auf und läßt dieß den Andern wiſſen, worauf derſelbe ein Gleiches thun muß, wenn er nicht entehrt ſein will.
Obwohl kein öffentliches Kaſtenweſen herrſcht, ſind doch die acht Klaſſen der Geſellſchaft meiſt erblich. Zur erſten Klaſſe gehören die Fürſten, zur zweiten die Edeln (ſie verrichten Kriegsdienſte und beſetzen die höheren Beamtenſtellen), zur dritten die Prieſter, zur vierten und fünften die Soldaten als Vaſallen der Edeln, zur ſechsten die Großhändler, zur ſiebenten die kleinen Kaufleute, zur
Auch in Duellen
achten die Bauern, Handwerker und Tagelöhner. Den
Ausſchuß— eine quasi neunte Klaſſe— bilden die Leder arbeiter und Gerber.
Die Edeln und Krieger haben das Recht, zwei Schwer ter zu tragen, ein größeres, das faſt ſenkrecht im Leib gürtel ſteckt, und ein kleineres dolchartiges. Die Groß händler, um die Erlaubniß, das kürzere Schwert tragen zu dürfen, zu erlangen, müſſen dafür eine beſtimmte Summe erlegen. Auch die Beinkleider ſind Zeichen hoher Würde, außerdem nur bei Kriegern und auf Reiſen ge⸗ wöhnlich. Die Hauptkleidung iſt eine Art Kaftan, je nach dem Stande der Perſon von Seide, Baumwolle oder Hanf. Die Männer ziehen nach Umſtänden bis ſechs ſolcher Röcke übereinander, die Frauen das Doppelte und Dreifache dieſer Zahl. Der weite am Oberarm offene Aermel iſt vorn zuſammen genäht und dient als Taſche. Die Schuhe ſind einfache hölzerne Leiſten bei ſchlechtem Wetter, oder mit Stroh geflochtene Sandalen. Die Hüte ſind von Stroh oder Leder, auch von Holz und Pappe und gewöhnlich lackirt, werden aber vorzugsweiſe nur vom Militair getragen. Auch die Männer tragen Sonnen ſchirm und Fächer, Pfeife und Tabaksbeutel; im Gürtel ſteckt ein Schreibzeug mit der Brieftaſche, die Papier, Geld und Arzneimittel enthält. Arme Leute gehen im Sommer faſt ganz nackt. Da die Fiſcher und Seeleute an den Küſten ſo unausgeſetzt der Sonne und Luft aus geſetzt ſind, hat ihre Körperfarbe einen bräunlichen Teint angenommen. Die Bewohner der Städte und die Vor nehmern haben ihre weißere Hautfarbe bewahrt.
Kopf und Bart ſind bei den Männern ſtets geſchoren, und nur ein Haarbüſchel bleibt, der auf dem Scheitel zu
ſammengebunden wird. Geiſtliche, Aerzte und geſchiedene
Frauen tragen ein völlig geſchorenes Haupt. Die Mäd chen und Frauen verwenden auf den Haarputz die größte Sorgfalt; nur eine kleine Stelle auf der Mitte des Scheitels wird kahl geſchoren, das Haar von allen Seiten nach dieſer Mitte hinaufgeſtrichen und dann in einen leich ten vollen Knoten geſchlungen. Goldene und ſilberne Nadeln werden hindurchgeſteckt, auch wohl eine Menge kleiner ſchön polirter Stückchen Schildpatt diademartig im Kreiſe aufgeſteckt. meiſt ſchwarz und ſehr weich.
Die neugebornen Kinder werden gleich nach der Geburt gebadet, und bleiben ſo lange nackt, bis ihnen nach einem Monat im Tempel der Name gegeben wird; dann empfan gen ſie erſt ein Kleid. Die Kinderzucht iſt ſtreng und der
Elementarunterricht unter dem ganzen Volke verbreitet. Die Kinder der Vornehmeren erhalten noch beſondere Lektionen über das Ceremoniell, eingeſchloſſen die Fälle, wo es die Ehre erfordert, ſich den Bauch aufzuſchlitzen. Es zeugt übrigens von der höheren Kultur der Japaneſen, daß ſie auch die Mädchen nicht nur in den Fertigkeiten der Haushaltung, ſondern auch in Kenntniß der Literatur unterrichten. Die Soldaten vertreiben ſich die Langeweile des Poſtenſtehens mit Lektüre und Räthſelaufgeben; Witz ſpielen und Sinnſprüchen ſind Alle ergeben, die einiger maßen auf Bildung Anſprüche machen.
Es iſt im Vergleich mit den Chineſen im japaniſchen Volke bei Weitem mehr Energie, Thatkraft, Muth und Tapferkeit. Wie bei den Engländern die Miſchung des britiſchen, ſächſiſchen und normanniſchen Blutes eine ſehr kräftige Race hervorgebracht: ſo iſt auch bei den Japaneſen die Verſchmelzung verſchiedener Nationalitäten das Mittel geworden, die Race vor phyſiſchem und moraliſchem Siech thum zu bewahren. Wahrſcheinlich ſind die Japaneſen ein Miſchungsvolk aus mongoliſchen und malayiſchen Stämmen; unverkennbar wohnen noch kleine gedrungene und größere ſchlankere Leiber als verſchieden geartete Landsleute nebeneinander. Einen gemeinſchaftlichen Ur⸗ ſprung mit den Chineſen weiſen die Japaner jedoch mit Abſcheu zurück. Kämpfer hat die freilich nicht bewieſene Behauptung aufgeſtellt, daß ſie von den alten Babyloniern abſtammten, die über Korea bis nach Niphon hinüber ausgewandert ſeien. Nach alten Ueberlieferungen der Japaneſen ſelbſt ſoll aber ihr Land urſprünglich von Papuas bewohnt geweſen, dann aber durch Männer von den Kurilen(Ainos) eingenommen ſein; doch hätten auch Einwanderungen von Hindus Statt gefunden. Im Nor den der Inſel Jeſſo tritt ganz deutlich die Race der kleinen Ainos hervor, während z. B. im Inneren von Kiuſiu die Geſichter mit platter Naſe, vorſtehenden Backenknochen und ein wenig ſchief geſtellten Augenwinkeln auf mongo⸗ liſche Abſtammung hinweiſen.
Der Engländer Adams, aus Gillingham in Kent ge⸗ bürtig, der ſich der erſten Erpedition der Holländer nach Japan anſchloß und deſſen Berichte in einem Werke auf⸗ bewahrt ſind, das unlängſt von der Hakluyt-Geſellſchaft herausgegeben wurde*), ſagt u. A. von den Japaneſen: „Sie haben viel Verſtand und ertragen Schmerzen, Mühen und Kummer mit unglaublicher Geduld. Sie ſetzen ihren Stolz darein, weder in Worten noch in Hand⸗ lungen, ſei es Furcht, ſei es Betrübniß zu verrathen, und machen Niemanden, wer es auch ſei, zum Mitwiſſer ihrer Sorgen. Ihre Ruhmſucht iſt außerordentlich; zugleich ſind ſie im Punkt der Ehre überaus empfindlich und laſſen die kleinſte Beleidigung nicht ungerächt. Armuth thut bei ihnen dem Adel des Blutes keinen Eintrag. In Würde und Galanterie thun ſie es den Spaniern gleich. Im Um
gange ſind ſie meiſt verbindlich und voller Komplimente.
Das Haar der Japanerinnen iſt
Sie würden lieber ein Glied ihres Körpers verlieren, als eine Förmlichkeit auslaſſen, wenn ſie einen Freund be⸗ grüßen. Gegen die Fremden ſind ſie nicht minder höflich und in allen Beziehungen zu denſelben pünktlich und wortgetreu.“
Dieſe Schilderung paßt noch heute, ſelbſt bis zu dem letzten Punkte. Denn als es den Portugieſen geglückt war, in Japan feſten Fuß zu faſſen, als die Jeſuiten
*) Memorials of the Empire of Japan, edited with notes by
Thomas Rundall. London: published by the Hakluit-Society. Der Verfaſſer dieſes Werks war ein Zeitgenoſſe Shakespears.


