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Sture Bjelke fand dies unterhaltend. Er hatte den ſtets mürriſchen Ipſen, mit dem er äußerſt ſelten ein Wort wechſelte, einer Herzensregung gar nicht fähig ge halten.
„O, das iſt luſtig,“ ſagte er heiter.„Da müßte man den Burſchen ja tüchtig aufziehen, damit er ein wenig warm würde. Ha, ha, ha, dieſer Klotz verliebt!“
Claas ſah den Schweden ſehr ernſt an.
„Niß Ipſen iſt kein Klotz, Herr Baron,“ erwiederte er mit Nachdruck.„Er iſt mein Knecht und er war ſtets ein treuer Knecht; außerdem darf er den Kopf als freier Frieſe gerade ſo hoch tragen, wie ich ſelbſt.“
„Verzeiht, wackerer Claas,“ verſetzte der ſchwediſche Cornet in ſcherzhaft ſpöttiſchem Tone.„Ich vergaß, daß die Frieſen ſo unbändig ſtolz ſind. Aber, wer hat denn
das unerhörte Glück von dieſem— erhaben einhergehen⸗
den freien Frieſen mit den derben Fäuſten und dem feiſten Nacken ſo heiß geliebt zu werden?“
„Ein unbeſcholtenes Mädchen,“ ſagte Claas ſo ernſt wie zuvor,„meine Dienſtmagd Margreth', die Ihr
kennt.“
„Das reizende Kind? Dieſe unter Haidekraut, Diſteln und großen Bohnen zu wunderbarer Schönheit erblühte Roſe?“ fiel Sture Bielke leidenſchaftlich erregt ein. „Geht mir, Claas, Ihr ſcherzt! Ihr wollt mich foppen!
Wie wäre es möglich, daß dieſe verzauberte Fee ſich in
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einen Bauernknecht verlieben könnte! Claas' Miene verfinſterte ſich immer mehr. Die
kurz geſchnittenen Vorderhaare, die zur Hälfte ſeine nicht
ſehr hohe Stirn bedeckten, ſchienen zu wachſen, ſo kraus zog er ſie in Falten.
„Wir Frieſen ſind alle Bauern,“ ſprach er ernſt,„und haben als Bauern manchem hochgeborenen Herrn das Viſier eingeſchlagen am Milderdamme, wie's zu leſen iſt in unſern Chronikbüchern. Margreth' iſt eines ſolchen Bauern Tochter; warum ſollte ſie anſtehen, einem ehr lichen Bauern die Hand zu reichen?“
„Donnerwetter!“ verſetzte der Cornet, dem dieſer ge waltige Ernſt des ſtolzen Frieſen Spaß machte.„Wär' ich nicht ein ſchwediſcher Freiherr aus edelſtem Blute meine Ahnen rühmen ſich von Königen abzuſtammen ich könnte beinahe Luſt verſpüren, mich hier in Friesland als Bauer niederzulaſſen und vom erſten bis zum letzten Tag im Jahre heiße Grütze zu eſſen. Eine koſtbare Schüſſel, bei unſerm großen Könige, beſonders, wenn man fürchterlich verhungert iſt!“
„Hindert Euch kein Menſch am Abziehen, Herr Baron, wenn's nicht ſchmeckt,“ erwiederte Claas trocken.
„Meint Ihr?“ lachte der Cornet.„Nun vorerſt ge denken wir noch einige Zeit bei Euch zu bleiben,“ ſetzte er hinzu mit dem Tone eines Mannes, der zwar Scherz verträgt, zugleich aber auch nicht gewillt iſt, ſich irgend welche Vorſchriften machen zu laſſen.„Mundet uns Eure Grütze auch nicht jeden Tag und zu jeder Stunde, ſo wollen wir uns, denk' ich, die friſchen Lippen Eurer jun gen Töchter deſto beſſer ſchmecken laſſen.“
„Herr Baron!“ ſtieß Claas mit wildem Augenfunkel heraus und die Fauſt dröhnend auf den Tiſch ſchlagend. „Ihr ſeid mein Gaſt, Herr, und ein Frieſe iſt kein Men ſchenfreſſer,— aber— Herr— hätte ich eine Tochter in dem Alter, das Euch Reitersleuten abſonderlich gefällt, bei dem Raben, aus dem Koller, der Euch ſchützt, macht' ich einen Sarg, in dem Ihr ſelber läget!“
Sture Bjelke ſah den wüthend gewordenen Mann
ruhig an. Er hatte nicht geglaubt, daß dieſe ſcheinbar ſtillen, äußerlich kalten, einſylbigen Menſchen ſo leiden ſchaftlich aufbrauſen könnten. Dieſe hohe, ſittliche Würde, dieſer unbeugſame Nationalſtolz flößten ihm Achtung ein. Er reichte deshalb Claas die Hand und ſagte begütigend:
„Eigenſinniger Mann, wie mögt Ihr ein Scherzwort ſo ernſt und hoch aufnehmen! Wenn jedes Wort, das Krieger und Landsknechte ausſtoßen, ein Dolchſtoß wäre, lebte ſchon längſt kein Menſch mehr auf dem Erdenrund! Seid nicht böſe, Claas, ich bin nicht ſo ſchlimm, nur meine Worte ſind ſpitz und ſchärfen ſich leicht an Anderer Gegenrede. Uebrigens ſtirbt, dünkt mich, kein Mädchen an dem Kuſſe eines Kriegsmannes, und will uns eins der lieben, weichen, jungen Dinger den Schnauzbart ſtrei cheln, um bequemer mit uns koſen zu können, ſo wird's kein noch ſo brummiger Alter, und wär's der ſteifnackigſte Frieſe, verhindern. Seid froh, Claas, daß kein ſo ſchlank aufgeſchoſſenes, roſiges Ding in Euerm alten Caſtell, wo ſolch berühmter Seekönig hauſ'te, herumläuft, Ihr möchtet ſonſt viel zu hüten bekommen!“
Zögernd legte Claas ſeine Hand in die des ſchwedi ſchen Cornet. Die Rede des jungen Mannes gefiel ihm nicht, weniger noch behagten ihm die Blicke deſſelben, in denen ein unter der Aſche glimmendes Feuer heftiger Triebe zu glühen ſchien.
Dieſe Unterredung hinterließ einen tiefen Eindruck in der Seele Sture Bjelkes. Gefallen hatte dem kecken Reiterofficier die ſchlanke Magd auf Bombüll⸗Hof vom erſten Augenblicke an, er gab es aber auf, ſich um ihre Gunſt zu bewerben, da ſie die erſten Aufmerkſamkeiten, mit denen er ſie beehrte, auffallend trotzig hinnahm. Als Baron und Officier ſeines Königs, der ſchon mit mancher Gräfin getanzt und geſcherzt hatte, fand er dies abſtoßende Betragen einer Bauernmagd faſt ungezogen, beleidigt indeß fühlte er ſich nicht dadurch. Und da es allerwärts gefälligere Mädchen gab, ſo ließ er die merkwürdig ſpröde Frieſin ſehr bald völlig unbeachtet.
Die Mittheilungen des Beſitzers von Bombüll-Hof brachten ihn auf andere Gedanken. Hier galt es mehr als ein Hinderniß zu beſeitigen, mehr als einen Sieg zu erkämpfen. Und gleichzeitig konnte er auch ein paar widerwärtig trotzige, hochfahrende Menſchen, gelang ſein Anſchlag, recht empfindlich demüthigen.
Margreth' war unſtreitig ein ſchönes, begehrenswer⸗ thes Mädchen. Sie mußte allen Menſchen von raſchent Blut gefallen. Den ſchwediſchen Freiherrn hatte ſie un⸗ gezogen behandelt, dafür mußte ſie ſchon einmal beſtraft werden, und weil dies ſchnöde Gebahren jedenfalls eine Folge ihrer Liebe zu dem rauhen Knecht Ipſen war, den ſie alſo ihm, dem vornehmen Schweden aus dem höchſten Adel, vorzog, mußte die ihr zukommende Strafe recht empfindlich und kränkend für den frechen Bauerburſchen ausfallen.
Sture Bjelke entwarf mehr als einen Plan, um ſeine Abſicht zu erreichen, gab aber jeden als unausführ bar auf.
„Wenn ich die köſtliche Blume dem täppiſchen Frieſen abſpenſtig machen und ſie ihm rauben könnte, wähxend er das Nachſehen hat, das wäre doch für ihn die größte Strafe, für mich der herrlichſte Triumph!“ rief er, ſich ermuthi⸗ gend zu, und der Beſchluß, dieſen Plan durchzuführen, ſtand unumſtößlich feſt. Unvermerkt, zart, ſchmeichelnd näherte ſich der Cornet der ſchönen Frieſin. Bald be⸗


