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Was heliebt.
Ein fürſtliches Leichenmahl.
ſchmaus ſtatt, der uns die damalige Zeit charakteriſirt und zu⸗ gleich einen Beitrag zur Würdigung der damaligen Conditorkunſt liefert. Dr. Gräße theilt in der„Europa“ das Programm darüber mit, das wir hier folgen laſſen.
1.„Erſtes Eſſen war das erſte Alter der Welt; nämlich Adam und Eva in einem Garten und ſtund zwiſchen ihnen ein grüner Baum, darum ſich eine Schlange gewunden hatte, einen Apfel im Maul, und neigte ſich damit gegen Eva; darüber Maurachen und Pfifferling, von Zucker und Mandel gemacht.
2. Ein geſottener Schweinskopf, auf einem Roſt abgetrocknet.
3. Geſottenes Fleiſch mit Kapaunen, Hühnern und getrock⸗ netem Fleiſch.
4. Eine Figur des andern Alters der Welt, nämlich die Arche Noah, mit beiliegenden Oblaten von Zucker gebacken. 5. Ein heißes Eſſen, Fiſch von Lachsforellen, Aeſchen und andern guten Fiſchen.
6. Ein Zettelkraut und was darauf gehört.
7. Das dritte Alter der Welt, nämlich die Figur, wie Abraham ſeinen Sohn hat opfern und enthaupten wollen, dabei ein Thurm von Zucker und Mandeln.
8. Eine durchſichtige hohle Sülze mit Fiſchen.
9. Grün und geſalzenes Wildbrät in einem Pfeffer.
10. Das vierte Alter der Welt, nämlich wie David, das kleine Königlein, gegen Goliath, der in Geſtalt eines Rieſen gemacht war, ſtund und ſeine Schleuder in der Hand hatte; dabei ſüße Kröpfel von Zucker und Mandeln.
11. Gemüſe;
12. Ein eingemachter Hauſen.
13. Das fünfte Alter der Welt, nämlich der Thurm zu Babylon, der mit einigen Häuſern in einem Gemüſe ſtand.
14. Eine Paſtete mit eingemachten Vögeln.
15. Ein Rehſchlegel mit einem Zyſeindt(?).
16. Das ſechſte Alter der Welt, nämlich die Menſchwerdung Chriſti, Maria mit ihrem Kindlein, auch mit Joſeph, dem Eſelein, Oechslein und Krippen, in einem weißen Mandelmuß gemacht.
17. Eine Paſtete mit Birnen und anderm Gemüſe.
18. Eingemachte Vögel.
19. Das ſiebente und letzte Alter der Welt; nämlich das jüngſte Gericht, wie der Heiland unter einem Regenbogen ſitzt, zu der rechten Seite die Jungfrau Maria, als eine getreue Für⸗ bitterin, und zu der Linken St. Johannes knieend, dabei ein Marcipan von Zucker und Mandeln.
20. Eingemachte Karpfen und Waller.
21. Ein Gebratenes von Faſanen, Haſelhühnern, Rebhüh⸗ nern, Vögeln und anderm guten Wildbrät.
22. war des gnädigen Herrn, Herzog Albrechts hochlöb⸗ lichem Gedächtniß, Begräbniß. Nämlich die Form des Grabes, mit allen Fahnen und Panieren des Landes und der Herrſchaft, wie ſolches in der Kirche unſerer lieben Frauen auf ſeinem Grabe ſteht, nach ſeiner Bildung ein geharniſchter Mann, auf dem Rücken liegend, in der rechten Hand ein Panier, in der linken ein bloßes Schwert, bei den Füßen zwei Wappenſchilde, dabei ge⸗ füllte Oblaten.
23. Und letztens, zum Morgenmahl oder Frühſtück ein Ge⸗ backenes von Kacheln in Form eines Ofens, woraus lebendige Vögel gelaſſen wurden.
Beim Tode des Herzogs Albrecht von Baiern 1509 fand folgender großartiger Leichen⸗
Außer dieſen 23 Gerichten wurden noch mehrere Eſſen und andere Mahlzeiten gegeben, z. B. eine Galeere mit ihrem Segel⸗ baum, eine Paſtete mit etlichen Thürmen, darin ein Thor, und darauf ein Hirſch mit einem vergoldeten Gehörn; ein brauner Igel in einem weißen Gemüſe; St. Johannis Enthauptung; das Abendeſſen Chriſti ꝛc.
Alle Fürſten, fürſtliche Abgeſandte und die Räthe aßen bei Hofe; ihr übriges Geſinde, die einzelnen Damen und wer von ſelbſt gekommen iſt, wurden zu Hauſe geſpeiſt und in den Gaſt⸗ höfen die ganze Zeit über freigehalten.
Außerdem noch wurden aus fürſtlichem Keller und Küche täglich geſpeiſt 2500 Menſchen und gefüttert 1809 Stück Pferde.“
Fürwahr, ein großartiges fürſtliches Leichenmahl!— Wie tief mag die Trauer der fürſtlichen Gäſte um den geliebten Herrn geweſen ſein, als ſie die gefüllten Oblaten ſeines fingirten Gra⸗ bes ꝛc. ſpeiſten?!—
Schwimmende Rirche. In England erregt eine ſchwim⸗ mende Kirche neuerdings viel Aufſehen. Um den Jahr aus Jahr ein auf dem Waſſer befindlichen und Gottes Wort entbeh⸗ renden Matroſen daſſelbe nahe zu bringen, hat ein Geiſtlicher durch milde Gaben eine Art Kirche auf einem Schiffe erbauen laſſen und fährt damit an Englands Küſten von Hafen zu Hafen. Wenn das Glöcklein des Schiffskirchleins ertönet, ſo bemerkt man eine lebhafte Bewegung unter den verhärteten Menſchen und eine große Anzahl eilt in das eigenthümliche Gotteshaus. Man hört, daß der Eindruck des dort Vernommenen tief ſei. Ein Beweis mehr, daß noch Manches für die untere Volksklaſſe und zwar zu deren zeitlichem und ewigem Heile geſchehen kann!
Ein gutes Volksbuch. Dr. Frank's„Umſchau auf dem landwirthſchaftlichen Gebiet des thüringer Waldes“(Gotha, Thienemann) iſt von der Herzogl. Staats⸗ regierung zu Gotha mit einem Preis gekrönt worden. Das wackere Buch hat eine ſolche Auszeichnung verdient, obwol das Bild, das es von der landwirthſchaftlichen Thätigkeit der Wald⸗ bewohner entwirft, nicht gar erfreulich iſt. Darum hat man auch hin und wieder darüber die Naſe gerümpft, und einige widerhaarige Schultheißen, die ſich nicht gern kratzen laſſen, ob⸗ gleich es juckt, haben die Schrift mit dem hochweiſen Bemerken von ſich gewieſen, daß in ihren Orten und in ihren Fluren die Oekonomie ſo muſterhaft betrieben werde, daß der Acker gar nicht mehr tragen könne, und wenn Herr Frank noch zehn Bücher ſchreibe. Das iſt eben die Sprache des alten Schlendrians, der vom Beſſermachen nichts hören und wiſſen mag.
Anderwärts aber hat das gute Wort eine gute Statt gefun⸗ den. Bei Schwarzhauſen und Sonneborn iſt tieflageriger Mergel aufgefunden worden, der eine Goldgrube für die daſigen Fluren werden wird; in Traßdorf hat man angefangen, die Gemeinde⸗ teiche abzulaſſen, um ihren Schlamm— wol an 3000 Wagen voll!— zu Kompoſtdüngung zu benutzen; in mehren Orten haben ſich landwirthſchaftliche Vereine gebildet, die jetzt zu einem Bezirksverein zuſammentreten; in Goſſel, Liebenſtein und Rip⸗ persrode hat man die Schweinezucht mit Austrieb eingerichtet, und die Gemeinde Finſterbergen hat einen Zuchteber angeſchafft und ihn den Nachbarorten zur Dispoſition geſtellt, um auch dieſen Schaden Joſeph's abzuſtellen.
So trägt ein gutes Volksbuch immer ſeine Früchte, wenn auch die beſſeren Einrichtungen ſich nur langſam und nicht ohne mancherlei Kämpfe Bahn brechen.
Verlag von Hugo Scheube in Gotha.— Verantwortl. Redacteur: Hugo Scheube in Gotha.— Druck von Gieſecke a Devrient in Leipzig.


