Decembers vorigen Jahres der reparirte und vergoldete Thurmknopf wieder aufgeſetzt wurde, bewahrte man für unſere Nachkommen in demſelben wieder verſchiedene Ge⸗ genſtände auf und unter dieſen auch eine neue Gedächtniß⸗ urkunde, zu deren Abfaſſung der Verfaſſer dieſer Skizze beauftragt wurde. Dieſelbe enthält in gedrängter Kürze, das Wichtigſte, was in unſerer Zeit der Auf zeichnung werth erſchien, und da ſie einen kurzen Ueber— blick gewährt, bis zu welcher Ausdehnung wir in der
Kenntniß naturwiſſenſchaftlicher Thatſachen gekommen
ſind, ſo glaube ich, daß die Mittheilung derſelben wohl für Manche von Intereſſe ſein wird. Sie lautet wie folgt:
An die Nachkommenſchaft. 1856.
„Zwei und Siebzig Jahre ſind verfloſſen, ſeitdem die Kunde von dem, was damals bemerkenswerth erſchien, niedergeſchrieben wurde.
Was wir jetzt aufzuzeichnen haben, iſt allerdings weit umfaſſender, als das was in dem Jahre 1784 der Er⸗ wähnung werth erſchien; aber wir gedenken der Mahnung unſerer Vorfahren, wir erkennen dankbar an, daß die, welche vor uns lebten, begründeten, was wir bauten. Ja, es iſt ein ſtolzer Bau, welchen die Auserwählten in den verfloſſenen Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
aufgerichtet haben; die Fortſchritte in allen Zweigen des
menſchlichen Wiſſens ſind wahrhaft ſtaunenswerth; ein Jahrzehnd in unſerm Jahrhundert hat mehr der wichtigen Entdeckungen gebracht, als früher ein Jahrhundert. Aber
wir erheben uns nicht: mit Demuth erkennen wir viel⸗
mehr, daß all unſer Wiſſen Stückwerk iſt und daß wir noch immer in der Erkenntniß der Natur auf einer tiefen Stufe ſtehen. Kommende Zeiten werden dieſe Erkenntniß weiter fördern; allein die völlige Offenbarung alles Ge⸗ ſchaffenen, die unbeſchränkte Enthüllung des Geſeetzes, welchem das Weltall untergeordnet iſt, wird dem ſterb⸗ lichen Menſchen wohl niemals beſchieden ſein.
Kunſt und Wiſſenſchaft blühen in allen Theilen der civiliſirten Welt; auch jetzt nimmt(in Gotha) ein Ernſt
der Geliebte den Thron ſeiner Väter ein, und ſchützt
und fördert, wie ſein Vorfahr, Wiſſenſchaft und Kunſt. Auch er verachtet die ſchimmernde Pracht, ſein Wollen iſt das Glück derer zu fördern, welche ihm Gott anvertraute.
Die Elektrizität, welche, als unſer Vorfahr ſeine Worte„an die Nachkommenſchaft“ niederſchrieb, noch wenig gekannt war, iſt jetzt als eine Kraft erkannt wor⸗ den, welche in dem Haushalte der Natur die wichtigſte Rolle ſpielt. Kaum 7 Jahre nach jener Aufzeichnung, im Jahre 1701, macht Galvani die Entdeckung, daß
Elektrizität entwickelt wird, ſobald ungleichartige Körper
einander berühren. Die Folgen dieſer Entdeckung waren die fruchtbringendſten. Ihr haben wir es zu verdanken, daß wir jetzt in dem Eiſen die kräftigſte magnetiſche Thätigkeit hervorzurufen im Stande ſind und daß wir mit Hülfe des metallenen Drahtes, mit faſt augenblick⸗ licher Geſchwindigkeit, in weite Entfernung unſre Gedan⸗ ken ſenden können. Elektriſche Telegraphennetze umſpannen die ganze europäiſche Welt und bald wird auch das ferne Amerika mit ſeiner reichen Telegraphenver⸗ bindung durch ein in das Meer verſenktes Drahtſeil im Verkehr mit unſerm Erdtheil ſtehen.
Durch den Elektromagnetismus können wir jetzt große Eiſenmaſſen in Bewegung ſetzen und dadurch Ma⸗ ſchinen in Thätigkeit bringen, aber noch ſind wir nicht
dahin gekommen dieſe bewegende Kraft ſo billig zu erzeu gen, daß ihre Anwendung für die Praxis geeignet wäre. Die Wirkung des elektriſchen Lichtes können wir ſo ſtei gern, daß es auf weite Fernen hin faſt Tageshelle verbreitet. Wir wiſſen jetzt, daß die elektriſche Kraft viele Körper in ihre Beſtandtheile zerlegt, und wir benutzen dies, um namentlich aus einer Löſung des Kupfers in Formen, welche in dieſe Löſung eingelegt werden, metalliſches Kupfer in dichter Maſſe auszuſcheiden. Auf ſolche Art wer⸗ den Werke der Kunſt erzeugt, wie ſie auf andere Weiſe kaum auszuführen wären. Auf gleiche Art vervielfältigt der Kupferſtecher ſeine Druckplatten auf die leichteſte Weiſe, durch die Galvanoplaſtik, wie man dieſe Kunſt nennt. Ja die Kunſt des Kupferſtechers wird ſogar in vielen Fällen entbehrlich durch die Galvanographie, indem der Künſtler ſein Bild auf eine Kupferplatte mit eigen⸗ thümlicher Tuſche aufträgt, eine Platte darauf galvano plaſtiſch niederſchlägt und mit der gewonnenen Platte druckt. Auch die edlen Metalle, Silber und Gold, wer⸗ den jetzt durch die Elektrizität aus ihren Löſungen niederge ſchlagen, um damit andere Metalle galvaniſch zu überziehen. In der Medizin iſt die Elektrizität zu einem wichti⸗ gen Heilmittel geworden, beſonders durch die? Pirkung der Induktions⸗Elektrizität. Was man früher ahnete, daß die Elektrizität in dem thieriſchen Körper thätig ſei, hat die neueſte Zeit beſtätigt; wir wiſſen jetzt, daß die Nerven des thieriſchen Körpers die Träger des elektriſchen Stromes ſind, und können es durch Experi mente nachweiſen. Die Entdeckungen auf dieſem Gebiete werden ſicher noch zu den für die Menſchheit wichtigſten Reſultaten führen. Von tiefem Einfluß auf die geſellſchaftlichen Verhält niſſe der Menſchen iſt die nähere Kenntniß von der Wirk⸗
V ſamkeit und den Eigenſchaften des Dampfes geworden. Durch beſondere Maſchinen, Dampfmaſchinen, iſt der Waſſerdampf zu einer mächtigen Betriebskraft geworden, wodurch die Gewerbsproduktion zu einer nie geahnten
Höhe geſtiegen iſt. Aber es werden mittelſt dieſer Ma—
ſchinen nicht nur die größten gewerblichen Anſtalten in Betrieb erhalten, ſondern wir durchfurchen auch mit ihrer V Hülfe das unendliche Meer, auf den Dampfſchiffen, nach allen Richtungen hin, mit erſtaunlicher Schnelligkeit. V Dieſelben Maſchinen in veränderter Ausführung, Loko⸗ motiven genannt, führen uns auf den Eiſenbahnen mit Windesſchnelle nach allen Theilen Europas. Das Netz der Eiſenbahnen wird immer dichter und Handel und Verkehr wächſt dadurch mächtig empor.
In der Kunſt, die Luft zu durchſchiffen, ſtehen wir ziemlich noch auf demſelben Punkt wie 1784; noch immer fehlt es den Luftſchiffern an Mitteln ihren Ballon zu ſteuern.
Wichtig ſind die Entdeckungen im Gebiete der Optik, beſonders durch die Erfindung der achromatiſchen Gläſer. Die Mikroſkope haben eine Vollendung erhalten, durch welche eine mehrere tauſendmalige lineare Vergrößerung erreicht werden kann, und es ſind dadurch in allen Theilen der Naturwiſſenſchaft die wichtigſten Entdeckungen gemacht und zugleich das Mikroſkop zu einem für die Technik wichtigen Inſtrument geworden, indem durch daſſelbe zahlreiche Verfälſchungen an Nahr⸗ ungsmittel u. ſ. w. entdeckt werden können. Auch die Fernröhre haben eine große Vollkommenheit erhalten, und es ſind in Folge deſſen ſeit dem Jahre 1784 zwiſchen den Planeten Mars und Jupiter 39 kleine Planeten ent⸗
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