Jahrgang 
1857
Seite
145
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Oberſtein iſt eine kleine Burg an der Nahe, einem der Nebenflüſſe des Rheins. Es iſt umgeben von Ber⸗ gen, die ehemals ſehr reich an Achatſchachten waren, gegenwärtig aber faſt ganz ausgebeutet ſind. Faſt alle Achatſteine, welche man jetzt dort verarbeitet, kommen daher aus entfernten Gegenden. Beſonders viel Achat liefert Braſilien, wo man, namentlich in der Umgegend

von veilchenblauer Farbe überzogen.

von Uruguay, die ſchönſten Achatſteine hinſichtlich der

Farbe und des Gewichtes findet.

Das Schleifen und Poliren des Achats zu Oberſtein geſchieht durch Waſſermühlen, welche durch einen ſehr einfachen Mechanismus Schleifſteine und Cylinder be⸗ wegen, deren Beſchaffenheit je nach der Art der Bear⸗ beitung der Steine verſchieden iſt. Zum Schleifen be dient man ſich der Schleifſteine, die von rothem Sandſtein und äußerſt hart ſind. Ihr Umfang beträgt 18 bis 24 Zoll, ihre Stärke 4 bis 6 Zoll; ein Tröpfchen Waſſer erhält ihre Oberfläche beſtändig feucht. Um den Achat zu formen, ſetzt der Arbeiter denſelben der Reibung des Schleifſteins aus, welcher ſich mit großer Schnelligkeit um⸗ dreht. Die Achatſchleifer ſind in der Arbeit des Schlei⸗ fens ſo geübt, daß ſie den Steinen jedwede beliebige Form mit Leichtigkeit zu geben vermögen.

Um die geſchliffenen Achatſtücke zu poliren, wendet man Cylinder oder Räder an, die in weichem Holz gehen; ſie werden durch dieſelben Mühlen wie die Schleifſteine bewegt, und zwar vermittelſt lederner Riemen, die ſich um die Hauptachſe oder einen großen Baumſtamm drehen. Sie werden vorher mit einer erdigen Subſtanz Dieſe erdige Sub⸗ ſtanz wird aus einer Porphyrart bereitet, in welcher man die Achatſteine findet. In der Nähe von Oberſtein kommt dieſer Porphyr in großer Menge vor.

In einigen Fällen iſt es möglich, den Achat vor dem Poliren in dünne Platten zu ſchneiden. Dies geſchieht mittels kleiner bogenartiger Sägen, deren Schärfe aus einem Eiſenfaden beſteht. Mit dieſer Säge wird der Achat beliebig geſchnitten, wobei man zuweilen den ge⸗ machten Schnitt mit Schmirgel anfeuchtet. Indeſſen wird dieſes Verfahren in Oberſtein ſelten oder gar nicht angewendet, während es z. B. in Paris das gewöhn⸗ liche iſt.:

Der Achat bildet zu Oberſtein den wichtigſten Han⸗ delsartikel und macht den Reichthum dieſes kleinen Ortes aus, deſſen Bewohner er der Mehrzahl nach beſchäftigt.

Soanſt und Jetzt.

Von Prof. Haſſenſtein.

Der Zeitenraum zwiſchen dem Jahre 1784 und 1856

beträgt noch nicht drei Viertheile eines Jahrhunderts, aber welche rieſenhafte Fortſchritte haben in dieſer kurzen Zeit namentlich die Naturwiſſenſchaften gemacht und von welchem tiefen, nie geahnten Einfluß ſind dieſelben für die geſellſchaftlichen Verhältniſſe geworden?

Die Veranlaſſung zu einer ſolchen Vergleichung bot ſich uns, als im November vorigen Jahres von der Margarethenkirche in Gotha der Knopf des Thurmes wegen einer nöthigen Reparatur abgenommen werden mußte. Eine kupferne Kapſel, welche man in dem Knopfe vorfand, enthielt außer mehreren Münzen aus jener Zeit, die Nachricht, daß im Jahre 1784 der Thurm mit einem Blitzableiter verſehen worden ſei, ferner Mittheilungen über die Einwohnerzahl Gothas, Preiſe der Lebensmittel und anderer Waaren u. ſ. w. Von beſonderem, allge⸗ meinen Intereſſe war aber eine auf Pergament geſchrie bene Gedächtnißurkunde, welche wir unſern Leſern im Auszuge mittheilen wollen. Sie lautet:

An die Nachkommenſchaft. 1784.

Unſere Tage füllten den glücklichſten Zeit raum des achtzehnten Jahrhunderts. Kaiſer, Könige, Fürſten ſteigen von ihrer gefürchteten Höhe men⸗ ſchenfreundlich herab, verachten Pracht und Schimmer, werden Väter, Freunde und Vertraute ihres Volks, und ſo herrſcht heute in der Reihe preiswürdigſter Vorfahren Ernſt der Geliebte neben uns. Die Religion zer⸗ reißt das Pfaffengewand und tritt in ihrer Göttlichkeit hervor. Aufklärung geht mit Rieſenſchritten, Roms geiſtliches Reich naht ſich dem Untergange. Der unſern

Eltern ſo ſchreckliche Feind der Chriſtenheit zittert vor

unſerer Macht: Tauſende unſerer Brüder und Schyeſtern,

die in geheiligter Unthätigkeit lebten, werden dem Staate

geſchenkt; Glaubenshaß und Gewiſſenszwang ſinken dahin: Menſchenliebe und Freiheit im Denken gewinnen die Ober⸗ hand. Künſte und Wiſſenſchaften blühen: Verherr⸗ lichung des Schöpfers durch nähere Kenntniß ſeiner Werke iſt einziges Beſtreben, und tief dringen unſere Blicke in die Werkſtätte unſerer Natur. Wir haben durch neu er⸗ fundene Werkzeuge einen neuen Planeten entdeckt und den Fortlauf der Sonne bemerket: Wir haben dem Blitz ſei⸗ nen Weg vorgezeichnet, mit ſeinem Feuer in unſern Zim⸗ mern geſpielt und unheilbare Krankheit damit geheilet: Wir haben die Luft durchſchifft: Wir haben Pflanzen nach Belieben vermählt, und den Embryo im Hühnerei ohne Brütwärme entwickelt: Wir haben das Peſt⸗ und Blatter⸗ gift durch Einpfropfung beſiegt: Wir haben dreizehn Luft⸗ arten erfunden, Metalle in ihnen in Brand geſteckt: ſie ſtatt Schießpulvers verbraucht: Wir haben weißes Gold entdeckt: Wir haben Quekſilber gehärtet und was weit mehr iſt, wir haben Aberglauben beſtritten, beſiegt und dicke Dunkelheit zerſtreut. Ungeziefer gabs zu allen Zeiten in dem Reiche der Wiſſenſchaften: Schöngeiſterei und Empfindelei ſind die Plagen unſers Zeitalters. Handwerker nähern ſich gleich den Künſten der Voll⸗ kommenheit: nützliche Kenntniſſe keimen in allen Ständen: Furcht vor theurer Zeit weicht weiſen Vorkehrungen: und wenn nicht übertriebene Pracht und zügelloſe Modeſucht entgegenſtrebten, ſo wäre der Wohlſtand allgemein. Hier habt Ihr eine getreue Schilderung unſerer Zei⸗ ten. Blickt nicht ſtolz auf uns herab, wenn Ihr höher ſteht und weiter ſeht, wie wir, erkennet vielmehr aus dem Gemälde, wie ſehr wir mit Muth und Kraft Euern Standort emporhoben und ſtützten. Thut für Euere Nachkommenſchaft ein gleiches und ſeid glücklich! Sowohl die erwähnte Urkunde, als auch die übrigen Gegenſtände ſind in dem Archiv des Stadtraths von Gotha niedergelegt worden, und als im Anfang des

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