Jahrgang 
1857
Seite
139
Einzelbild herunterladen

139

können, da auch die Reiſe dahin weder ſehr koſtſpielig noch Nach den neueſten Zeitungsnachrichten ladet übrigens gefahrvoll iſt, ſo können wir mit gutem Gewiſſen den der Sultan ausdrücklich zur Einwanderung in die Donau⸗

Auswanderungsluſtigen rathen: Wandert nach Jaſſy oder fürſtenthümer ein und ſichert den Einwanderern namhafte

Buchareſt! Begünſtigungen zu.

Das Rennthier in Sibirien. vinz des ruſſiſchen Reiches ſo überaus wichtigen Thiere haben

gewöhnlich die Größe eines zweijährigen Rindes und ſind dieſem

auch an Schnauze und Klauen ähnlich; ſie haben einen langen Ziegenbart und kurzen Schwanz und erinnern beſonders von hinten aus geſehen, etwas an das Reh, nur daß dieſes ſchmucker iſt und auch dünnere, höhere Beine hat. Was den Thieren ein beſonders impoſantes Anſehn gibt, das iſt das ungeheure äſtige Geweih, welches ſie jährlich abwerfen und das durch ein um ein Ende vermehrtes neues erſetzt wird. Die Farbe ihrer Felle iſt weiß oder kaſtanienbraun oder ein Gemiſch von beiden. Das Rennthier iſt recht eigentlich das Thier des hohen Nordens und kann keinerlei Wärme vertragen. Treten die erſten Zeichen der milden Jahreszeit ein, ſo ſchickt der Eigenthümer ſeine Heerde nach dem nördlichen Ural, wo der Schnee nie ſchmilzt und wohin ſich auch die den Thieren ſo unausſtehlichen Mücken nie verirren. Dort gehen ſie gemächlich ſpazieren, bis es zu Hauſe wieder tüchtig friert und damit ihre Arbeitszeit beginnt. Sie laufen mit Win⸗ desſchnelle und laſſen ſich durch keinerlei Hinderniſſe aufhalten. Bergab jagen ſie, daß einem Hören und Sehen vergeht; freilich ſind ſie dazu auch gezwungen, denn wollten ſie im Laufe im ge ringſten nachlaſſen, ſo käme ihnen der ſchnell gleitende, durch keine Deichſel zurückgehaltene Schlitten auf den Leib und ihre dünnen Beinchen gingen in Stücken. Die Rennthiere nähren ſich von einem dem isländiſchen ähnlichen Mooſe und ſind nicht ſo anſpruchsvoll von dem Menſchen zu verlangen, daß er ihnen für den Winter das nothwendige Futter aufſpeichere. Sie haben einen wunderbaren Inſtinct, diejenigen Orte herauszufinden, welche reich an Moos ſind. Mag der Schnee noch ſo hoch liegen, ſo wittern ſie genau das Futter heraus und legen es mit ihren Klauen blos.

Sind Thiere zum Einſpannen nöthig, ſo werden ſie aus dem

Walde geholt und nach gethaner Arbeit wieder dorthin zurückge⸗ trieben; ſie, wie unſere Pferde oder Ochſen, im Stalle zu erhalten, iſt ein Ding der Unmöglichkeit. Die Rennthiere ſuchen ihr Futter ſelbſt, nehmen es nie aus der Hand des Menſchen oder aus einer Krippe, und das Geſchäft des Freſſens iſt nicht ſſo ſchnell abge⸗ macht, wie bei unſerem Zugvieh; es gehört dazu oft ein halber Tag. Dagegen ſind ſie aber auch, wenn es gilt, Hunger und Anſtrengung zu ertragen, ungemein ausdauernd und laufen in einem Zuge 25 bis 30 Werſt(bis über 4 Meilen). Außerdem iſt das Rennthier auch noch der Wohlthäter derjenigen Gegenden, in welchen es heimiſch iſt, denn es liefert den Bewohnern der⸗ ſelben faſt Alles, was ſie bedürfen: Wäſche, Kleidung, Bett und Nahrung. Die Felle der jungen Thiere haben weiches, glän⸗ zendes Haar und dienen zum leichteren mehr ausgeſuchten Anzuge. Das Fleiſch des Rennthiers hat, beſonders wenn es nicht mager iſt, einen ganz angenehmen Geſchmack, der an Reh⸗ und entfernt auch an Elennfleiſch erinnert. Die Ruſſen mögen es nicht, weil es das Lieblingsgericht der Oſtjaken iſt, für welche ſie die größte Verachtung hegen. Die Rennthierzungen aber ſind ein ſolcher Leckerbiſſen, daß ſie ſelbſt in Moskau und Petersburg bei großen Tafeln nicht fehlen dürfen.

Dieſe, für jene traurige Pro⸗

Die Dampfmaſchine als ſortbewegende Rraft ſchon 1543 von einem Spanier erfunden. Die Anwendung des Waſſer⸗ dampfes als fortbewegende Kraft gehört zu den größten und folgenreichſten Erfindungen des menſchlichen Geiſtes. Seit James Watt, der 1769 auftrat und die Dampfmaſchine zu dem machte, was ſie jetzt iſt, hat ſich dieſe Erfindung den drei wichtigſten Erfindungen, welche je gemacht worden ſind, näm⸗ lich der des Compaſſes, des Schießpulvers und der Buch⸗ druckerkunſt, als vierte angereiht. Wie jene, bezeichnet auch ſie eine neue Zeitrechnung in dem Entwickelungsgange der Menſch⸗ heit. Die Erfindung des Compaſſes war es, welche die alte Welt zur neuen führte und für die ſpätern Jahrhunderte ein gottverheißenes Canaan, ein Land der Zuflucht und des Glückes aufſchloß ſo vielen Tauſenden und aber Tauſenden, die in der alten Heimath ihres Lebens nicht mehr froh werden konnten und unter religiöſem und ſtaatlichem Druck oder unerträglich gewor⸗ dener Sorgenlaſt ſeufzten. Das Schießpulver, zunächſt das Geſchenk eines ſchwarzen Geiſtes, einer menſchenfeindlichen Macht, half wenigſtens die Kette der Leibeigenſchaft zerſprengen und brachte den Mächtigen der Erde die Lehre näher vor die Augen, daß vor dem Tode alle Menſchen gleich ſeien. Die Er⸗ findung Guttenberg's, die Buchdruckerkunſt, rief dem Aermſten und Entfernteſten das Wort des Herrn zu:Es werde Licht!

Ja, ihrer hehren Macht, ihr ward's beſchieden, Der Menſchheit Nacht in lichten Tag zu kehren, Dem Recht ein mächtig Rüſtzeug darzubieten, Damit des Unrechts Raubburg zu zerſtören. Sie ſchuf der Wahrheit einen blanken Spiegel, Um ihn dem Unhold Lüge vorzuhalten;

Sie ſprengte des Gedankens Kerkerriegel,

Brach fernhin Bahnen ſeinem freien Walten. Allgegenwärtig wirkt, was in der Stille

Ein Weiſer einſam ſinnt zum Heil der Brüder; Ein Lied, geſungen in Begeiſt'rungsfülle

Am Rhein, bald klingt es am Miſſouri wieder. Weltumgeſtaltend iſt ihr Werk geworden

In Glauben, Wiſſen und im Völkerleben.

Sie ſchuf den Donnerkeil, davor die Pforten Der Höllenburg in ihren Angeln beben.

Aber alle drei Erfindungen brachten nicht den Frieden, ſondern das Schwert! So lange die Menſchen Menſchen bleiben, wird auch einewiger Friede nur der Gedanke, der ſchöne Traum edler Denker und der fromme Wunſch der größern Mehrzahl von den Gliedern civiliſirter Völker bleiben. Wenn dagegen irgend etwas geeignet iſt, ein mächtiger Hort und treuer Wächter des Friedens zwiſchen den civiliſirten Nationen zu werden, ſo iſt es die Erfindung der Dampfkraftanwendung oder der Dampf⸗ maſchine. Noch zu keiner Zeit hatte die Luſt am Erwerb, die Sucht zu maſſenhafter gewerblicher Erzeugung eine ſolche Höhe

erreicht, wie in der Gegenwart, und noch nie hat eine Erfindung

eine ſolche Umwälzung in der geſammten Induſtrie, dieſer Haupt⸗ macht des modernen Staates, hervorgebracht, wie die Dampf⸗ maſchine. Sie gibt dem Geiſte Nahrung, welcher die Zeit be⸗ herrſcht, oder wenn man will dem Götzen, vor dem ſie ſich beugt: