Jahrgang 
1857
Seite
140
Einzelbild herunterladen

der Liebe zum Beſitz und Erwerb, welche natürlich beim Krieg zwiſchen Völkern, die mit einander zu verkehren gewohnt ſind, ihre Rechnung nicht findet, und iſt ſo der mächtigſte Hüter des Friedens. Wir haben dies erſt jüngſt zur Genüge erfahren. Die Weſtmächte hätten ſchwerlich einen ſo übereilten Frieden mit Rußland geſchloſſen, wenn nicht die Rückſicht auf die induſtriellen und mercantilen Verhältniſſe ihrer Völker ſie dazu beſtimmt hätte. Eine andere Friedenswaffe dieſer großen Erfindung des Men⸗ ſchengeiſtes, ein neues Friedensunterpfand der Dampfmaſchine iſt die Furcht vor ihrer zerſtörenden Wirkung, ſowie die Mög⸗ lichkeit, mit ihrer Hülfe große Maſſen von Streitkräften und Kriegsbedürfniſſen in verhältnißmäßig kurzer Zeit nach den ent⸗ legenſten Punkten zu ſchaffen. So übt die Erfindung der Dampf⸗ maſchine einen Einfluß auf die allgemeine Geſittung und auf das Wohl der Völker, der ſich in ſeiner Tragweite noch gar nicht be⸗ rechnen läßt.

Es muß im höchſten Grade unſer Erſtaunen erregen, wenn wir vernehmen, daß die Spanier ſchon in der erſten Hälfte des 16. Jahrhunderts, alſo über zwei Jahrhunderte vor dem Auf⸗ treten von James Watt, zu dieſer Erfindung, welche die neueſte Zeit für ſich in Anſpruch nimmt und neben der des electriſchen Telegraphen ihre größte nennt, zur Anwendung des Dampfes als fortbewegender Kraft gelangten, daß aber die ſpaniſche Re⸗ gierung mit tadelnswerther Gleichgültigkeit gegen die große Er⸗ findung und mit ihrer gewohnten Engherzigkeit dieſelbe dem Auge der Oeffentlichkeit verborgen hielt und ſo die Wohlthaten der⸗ ſelben der Welt entzog. Erſt im Jahre 1825 veröffentlichte Thomas Gonzalez einige darauf bezügliche Bemerkungen, die er aus den im königlichen Archive zu Simancas befindlichen Beweis⸗ ſtücken auszog, und die wir hier nach Külb wörtlich mittheilen:

Der Schiffscapitän Blasco de Garay machte im Jahre 1543 dem Kaiſer Karl V. das Anerbieten, eine Maſchine zu bauen, welche im Stande ſei, ſelbſt die größten Schiffe und ſogar bei einer gänzlichen Windſtille ohne Segel und Ruder fortzube⸗ wegen. Trotz der Hinderniſſe und der Widerſprüche, welche dieſes Borhaben fand, willigte doch der Kaiſer ein, einen Verſuch vor⸗ nehmen zu laſſen, welcher auch am 17. Juni des genannten Jahres ſtattfand. Garay weigerté ſich, irgend Jemand ſeine Maſchine und ihre Einrichtung zu zeigen, man ſah nur während des Verſuchs, daß ſie in einem großen Keſſel mit kochendem Waſſer und in zwei von dieſem in Bewegung geſetzten, an den beiden Außenſeiten des Schiffes angebrachten Rädern beſtand. Der Verſuch wurde auf der Trinidad, einem mit Getreide be⸗ ladenen Fahrzeuge von zweihundert Tonnen, gemacht. Die von Karl V. und ſeinem Sohne, dem Prinzen Philipp II., zur Prü⸗ fung beſtellten unparteiiſchen Männer und viele Seeleute, welche nebſt einer großen Menge Volkes dem Verſuche beiwohnten, er⸗ klärten ſich alle mit großer Begeiſterung für die Erfindung und prieſen beſonders die Schnelligkeit bei den verſchiedenen Wen⸗ dungen des Schiffes. Der Schatzmeiſter Ravago aber, welcher ſich mit dem Projecte nicht befreunden konnte oder wollte, be⸗ hauptete, ein von der neuen Maſchine bewegtes Schiff würde in drei Stunden nur zwei Meilen zurücklegen, auch ſei die Zu⸗ richtung zu verwickelt und koſtſpielig, und man habe außerdem das mit großer Gefahr verbundene Berſten des Keſſels zu be⸗ fürchten. Die andern zur Begutachtung aufgeforderten Beamten verſicherten dagegen, daß das Schiff ſich zweimal ſchneller ge⸗ wendet habe, als eine auf die gewöhnliche Weiſe gutbediente Galeere, und daß es in einer Stunde wenigſtens eine Meile zu⸗ rücklegen könne. Nach der glücklichen Beendigung des Verſuchs nahm Garay ſeine Vorrichtung wieder aus dem Fahrzeuge; das Holzgerüſt brachte er in das Arſenal von Barcelona, die andern Beſtandtheile der Maſchine verwahrte er ſorgfältig in ſeiner Wohnung. Trotz der Einrede Ravago's begriff Karl V. die

Wichtigkeit der neuen Erfindung und hätte ſie wohl auch begün⸗ ſtigt und ſie zu ſeinem Vortheile ausgebeutet, wenn ſeine Auf⸗ merkſamkeit nicht durch wichtige politiſche Ereigniſſe von dieſem Gegenſtand abgelenkt worden wäre; er beförderte indeſſen Garay im Dienſte, ließ ihm alle Koſten des angeſtellten Verſuches erſetzen und gab ihm überdies eine Belohnung von 200,000 Maravedis. So weit der Bericht von Thomas Gonzalez. Aus dieſer Beſchreibung geht klar hervor, daß Garay's Vorrichtung in der Hauptſache übereinſtimmt mit der gegenwärtig zur Fortbewegung der Schiffe in Anwendung gebrachten Dampfmaſchine, und ſeine Erfindung verdient daher alle Anerkennung. Durch dieſe An⸗ erkennung wird indeß das unſterbliche Verdienſt der ruhmgekrön⸗ ten Männer nicht geſchmälert, welche in der neueſten Zeit, gänz⸗ lich unbekannt mit Garay's verborgen gebliebener und ſchon im Keim erſtickter Entdeckung, die wunderbare gewaltige Naturkraft des Dampfes ſelſtſtändig erkannt und zum Dienſte des Menſchen nutzbar gemacht haben. S. Steinhard.

Mittel gegen das Duell. Noch immer hört und lieſt man von dem Zweikampfe, welchen jährlich eine große Anzahl, be⸗ ſonders von Studenten und Officieren, zum Opfer fället. Guſtav Adolph, der berühmte König von Schweden, wußte und wen⸗ dete ein Mittel gegen dieſe Unſitte an, welches man in allen Staaten nachahmen ſollte.

Zwei Generäle in ſeiner Armee hatten einen Streit bekommen und erbaten ſich vom Könige die Erlaubniß zum Duell auf Leben und Tod. Dieſer ertheilte ſie ihnen, aber unter der Bedingung ſeiner eignen Gegenwart. Dankend für dieſe hohe Gnade, trafen ſie alle Anordnungen. Sämmtliche Officiere wurden eingeladen, erſchienen zur beſtimmten Zeit, bildeten einen Kreis und nahmen die beiden Streiter in die Mitte, den König erwartend. Guſtav Adolph traf ein, brachte aber in ſeinem Gefolge den Profoß (Stockmeiſter, Scharfrichter) mit. Die zwei Generale dankten ihm aufs Neue für ſeine Gegenwart und baten, den Kampf be⸗ ginnen zu dürfen.

Der König ſprach:Ich gewähre die Bitte, wandte ſich aber zugleich an den Profoß und ſagte:Dir befehle ich, dem Sieger ſogleich den Kopf vor die Füße zu legen. Entſetzen er⸗ griff die beiden Kampfbegierigen; alsbald ſtürzten ſie zu den Füßen des Königs und erklärten ſich bereit, für immer dem Duelle zu entſagen. Guſtav erwiderte:Sie ſind Beide tapfere, ach⸗ tungswerthe Männer; ich und der Staat bedürfen Ihrer in dieſer böſen Zeit, drum war es ein ſchweres Staatsverbrechen, ein ſolches Vorhaben zu unternehmen. Es iſt ſchöner und edler, eine Privatbeleidigung zu verzeihen, als ſeinen Muth und ſein Talent in gewöhnlicher Rachſucht zu vergeuden. So fand eine würdige Verſöhnung ſtatt und die beiden tüchtigen Männer wurden für immer von ihrer Verblendung geheilt. H. K.

Die Runkelrübenzucker⸗Jabrikation in den Zollvereins⸗ ſtaaten. Im Jahre 1841 befanden ſich 145 kleine Rübenzuckerfa⸗ briken in den Zollvereinsſtaaten, die Zahl derſelben ſtieg 1855 bis auf 222 größere Fabriken. Im Jahre 1841 wurden 4,829,734 Centner Rüben verarbeitet und lieferten 241,487 Centner Roh⸗ zucker. Im Jahre 1855 wurden 19,188,402 Centner Rüben ver⸗ arbeitet und daraus 1,279,227 Centner Rohzucker gewonnen. Die Fabrikationsmethode ward dabei ununterbrochen vervollkommnet, ſo das, während man 1831 aus 20 Centner Rüben nur 1 Centner Zucker gewann, man jetzt aus derſelben Rübenmenge faſt? Cent⸗ ner gewinnt. Die Einfuhr der fremden raffinirten Zuckers hat ſich dabei von 2,795 Centner auf 1,819 Centner, die des Roh⸗ zuckers von 1,33,531 Centner auf 747,645 Centner vermindert. Der Zuckerverbrauch iſt dagegen von 2 Pfund für den Kopf auf 5 ½ Pfund geſtiegen.

b