Jahrgang 
1857
Seite
138
Einzelbild herunterladen

denen Ihr, der fremden Sprache unkundig, in dem wild⸗ fremden, mit Tauſenden von umherſchleichenden, auf deutſche Einwanderer lauernden Gaunern erfüllten Lande ausgeſetzt ſeid, dann wird vielleicht die Frage in Euch entſtehn: Giebt es denn kein andres Land, in welchem es an arbeitsfähigen und arbeitsluſtigen Menſchen, in's Beſondere von Handwerkern fehlt?

Bevor wir zur Beantwortung dieſer Frage ſchreiten, wollen wir ein wenig das Leben der Handwerker in zwei Ländern betrachten, welche bei weitem nicht ſo entfernt ſind, als es Amerika iſt, und welche im Ganzen auch nur dünn bevölkert ſind(es wohnen etwa 2000 Menſchen auf einer Quadratmeile, während z. B. in Preußen durch⸗ ſchnittlich 3300 und in Frankreich 3600 Menſchen auf der Quadratmeile wohnen) wir meinen die Donau⸗ fürſtenthümer Moldau und Walachei. Natürlich wer⸗ den wir uns bei dieſer Betrachtung nur auf die Städte, insbeſondere auf die beiden Hauptſtädte Jaſſy und Buchareſt beziehen. Denn bei dem äußerſt niedrigen Culturzuſtande der Landbewohner würde ein tüchtiger deut⸗ ſcher Handwerker in den Dörfern ſehr ſchlechte oder gar keine Geſchäfte machen. Da aber in beiden Hauptſtädten faſt dieſelben Verhältniſſe obwalten, ſo werden wirzunächſt nur von einer, von Buchareſt(Bukureſcht), reden. Und was von dieſer geſagt wird, gilt durchweg auch von Jaſſy.

Die Romunen(gemeinſchaftlicher Name für Moldauer und Walachen) ſtammen von den Römern ab. Die Römer eroberten 100 Jahre nach Chriſtum das Land über der Donau, welches damals Dacien hieß, und gründeten dort eine Römiſche Colonie. Später vermiſchten ſich dieſe Coloniſten mit Slaven(Bulgaren und Roth⸗Ruſſen). Sie haben alſo Italieniſches und Slaviſches Blut in den Adern. Nun habt Ihr gewiß ſchon den Lieblingsſpruch der Italiener gehört, nämlich: dolce far niente, d. h. Süß iſt das Nichtsthun. Und von den Slaven(Polen, Böhmen, Ruſſen ꝛc.) wißt Ihr ohne Zeifel auch, daß ſie an Fleiß, Mühſamkeit und Arbeitsluſt dem Deutſchen bei Weitem nachſtehen. Daher könnt Ihr Euch denken, daß ſich die Romunen mit ihrem Italieniſchen und Slaviſchen Blute nicht beſonders zur Arbeitſamkeit, insbeſondere aber zum Handwerkerſtande eignen. Sie überlaſſen das Handwerk vielmehr fremden Einwanderern. Der größte Theil aber von dieſen Einwanderern beſteht aus Deut⸗ ſchen, und zwar aus Sachſen, deren Vorfahren ſich vor vielen Jahren in dem nachbarlichen zu Oeſterreich ge hörenden Lande Siebenbürgen niedergelaſſen haben und von dort nach den Donaufürſtenthümern übergeſiedelt ſind.

Da es in dieſen Fürſtenthümern faſt gar keine Fabriken oder Magazine gibt, da die Hauptſtädte mit reichen Bojaren (Edelleuten) angefüllt ſind, und da die Einführung aus ländiſcher Fabrikate und Producte ſehr erſchwert iſt, ſo ſind die Verhältniſſe des Handwerkers äußerſt günſtig. Er hat Arbeit vollauf und erhält ungewöhnlich hohe Preiſe für ſeine Producte. Ja, da er eingehenden Beſtellungen nicht immer genügen kann da es ihm an Arbeitskräf ten fehlt ſo wird er, während bei uns der arme Hand⸗ werker Jahre lang creditiren muß, oft im Voraus bezahlt, damit er nur ſeinen Verſprechungen machlannt. Und der einzige Uebelſtand, in welchem dort der Handwerksmeiſter zu kämpfen hat, iſt der fortwährende Mangel an Arbeits⸗ kräften, an Geſellen.

Für's Erſte fehlt es überhaupt an Geſellen, weil der Meiſter lediglich auf ausländiſche Wanderburſchen ange⸗ wieſen iſt. Für's Zweite wiſſen die Geſellen nur zu gut,

wie unentbehrlich ſie dem Meiſter ſind, und daß es an allen Ecken und Enden jeder Zeit Arbeit und hohen Lohn für ſie gibt. Daher werden ſie großentheils faul und lüderlich. Sie arbeiten drei oder vier Tage in der Woche und verdienen damit ſo viel, daß ſie die übrigen Tage trinken und bummeln können. Entläßt ſie der eine Meiſter, ſo reißen ſich zehn andere um ſie. Anſtatt 2, 3 Jahre fleißig zu arbeiten und dadurch ſo viel zu erwerben, daß ſie ſich dann ſelbſt als Meiſter etabliren könnten, leben ſie in Saus und Braus und betrinken und raufen ſich, ſo daß der deutſche Geſell bei der Moldau⸗Walachiſchen Polizei ſehr ſchlecht angeſchrieben ſteht. Hätte der dortige Handwerksmeiſter mehr und fleißigere Geſellen, ſo müßte er in ſehr kurzer Zeit zum reichen Manne werden. Denn während er, wie ſchon erwähnt, Ueberfülle an Arbeit hat und außerordentlich hohe Preiſe erhält, ſo lebt er doch noch weit billiger, als bei uns. Wenn man erwägt, daß das Pfund des beſten Ochſenfleiſches(die Moldauer Ochſen ſind ihres vortrefflichen Fleiſches wegen berühmt) nur einen Silbergroſchen koſtet(die Oka zu 2 Pfund koſtet einen Piaſter, 2 ¾ Silbergroſchen); daß der Wa lachiſche Wein(mit Waſſer und Zucker vermengt, ein ſehr wohlſchmeckendes und geſundes Getränk) nicht theurer, als unſer gewöhnliches Faßbier iſt und daß die Getreidearten ſehr billig ſind; ſo wird man, ganz abgeſehen von den vie⸗ len ſpottwohlfeilen Früchten(Melonen, Weintrauben, Orangen u. dgl.), zugeſtehen müſſen, daß der Handwerker nirgends billiger leben kann, als in den Donaufürſtenthü⸗ mern. Luxusgegenſtände freilich, ſogar die Kleider ſind theuer. Davon wird aber der Handwerker am wenigſten berührt, vorausgeſetzt, daß er ſich nicht berühren laſſen will. Die Abgaben ſind äußerſt geringe. Kurz, bei Fleiß und Tüchtigkeit iſt jedem Handwerker der Wohlſtand ſicher.

Aber nicht allein in materieller Hinſicht iſt für den deutſchen Auswanderer geſorgt. Er hat auch in Buchareſt eine deutſche(proteſtantiſche) Kirche und Schule. Der Geiſtliche iſt ein ächt deutſcher biederer Mann, ein tüch tiger Redner und ein guter Lehrer, der nicht nur Liebe predigt, ſondern auch dafür ſorgt, daß der Geiſt der Liebe unter der Gemeinde walte. Daher findet man unter den deutſchen Handwerkern in Buchareſt, was man bei den Deutſchen in Amerika ſelten findet, Eintracht, Frieden und Zuſammenhalt. Die Katholiken ſind übler daran. Es iſt eine eigenthümliche Erſcheinung, daß ſich der Katholi⸗ cismus(der römiſche nämlich) in den Donaufürſtenthü⸗ mern, wo doch auch eine katholiſche(griechiſch⸗katholiſche) Religion Landesreligion iſt, niemals hat einbürgern kön⸗ nen. Ja, es iſt eine geſchichtliche Thatſache, daß die Serbier, welche auch griechiſch-katholiſch ſind, ſich im Jahre 1459 aus Abneigung gegen die römiſch⸗katholiſche Kirche dem Sultan Mohamed unterwarfen. Die Zahl der römiſchen Katholiken in den Donaufürſtenthümern iſt äußerſt gering. Gleichwol befindet ſich in Buchareſt auch ein römiſch⸗katholiſcher Prieſter.

Was die Sprache anbetrifft, ſo kommt ein Handwerker in Buchareſt und Jaſſy nöthigen Falls mit der deutſchen Sprache fort. Die Bojaren ſprechen großentheils deutſch. Denn trotzdem daß ſie vorgeben, den Deutſchen zu ver⸗ achten, haben viele von ihnen, wol mehr aus Eitelkeit als in der Abſicht, Etwas zu lernen, deutſche Univerſitäten be⸗ ſucht. Außerdem ſind ihre Diener größtentheils Deutſche.

Sonach iſt das Loos des deutſchen Handwerkers in den Donaufürſtenthümern ein ganz zufriedenſtellendes. Und da noch hunderte dort Arbeit und Nahrung finden