„Der treue Eckhart und der
L. Tieck mit ſeiner Novelle: Tannhäuſer“ ‚andere reihten ſich an, und ſo deNn nun die Sage in den höheren Kreiſen ihre feſte Geſtalt; ſie
wuchs gleichſam zu einer höfiſchen Dichtung, während
das Volk von ihr nur das wußte, was aus den alten Chroniken in daſſelbe gedrungen war. Lange wurde in Sättelſtätt ein Hinterhaus be zeichnet als das, durch welches das wilde Heer mit Frau Holla hindurchfahre; daſſelbe wiederholte ſi aber auch in anderen, weit vom Hörſelberge entfernt liegenden Dörfern.
Einem Hirten aus Mechterſtätt erſchien in der Nähe einer zwiſchen Mechterſtätt und Sättelſtätt gelegenen Quelle eine weiße Jungfrau aus einem glänzend hell erleuchteten Gange, der aus dem Berge führt; er pflückte am Eingange drei Blumen, und folgte der Jungfrau in das Bergesinnere, wo eine große Rittergeſel lſchaft, Männer und Frauen, bei einem Mahle ſaß, aber alle in tiefem Schweigen. Der Hirte Karg ſich ein Trinkhorn mit, ließ aber die Blumen liegen,— dadurch entging er mit Noth grauſer Gefahr und die Jungfrau jammerte, denn nun blieb ſie unerlöſt.
Fuhrleute, welche Nachts die Heerſtrgße entlang mit Weinfracht zogen, erblickten den Berg offen, und ſahen in rother Gluthenlohe darin Lebende und Verſtorbene ſitzen. Ein L zautenſpieler, der in den Berg geführt wurde, mußte den darin Verſammelten aufſpielen, und wurde mit dem Verbot zurückgeleitet, ſich nicht umzuſehen; da er dieß Verbot nicht beachtete, ſo blieb ihm zeitlebens der Kopf ſchräg zur Seite gekehrt ſtehen, und er lachte niemals wieder.
Sehr merkwürdig erſcheint eine jüngere Volksſage, welche ich zuerſt veröffentlicht habe; ich erfuhr ſie als Knabe von dem aus Sättelſtätt gebürtigen, noch in Gotha lebenden Herzogl. Bauführer Jacob Mönch, der mich zuerſt den geheimniß vollen und ſchauer rlichen Reiz der Hörſeelen Berg Sagen koſten ließ. Es haben ſich einſt mehrere Knaben ſeines Ortes, die im Hörſelthale Pferde hüteten, zuſammen verabredet, in das Hirſeliuch zu kriechen und daſſelbe zu unterſuchen; damit ihrer keiner ſich entferne, haben ſie ſich mit Pferdeſträngen und Rie men aneinander geknüpft und ſo die unterirdiſche Wan⸗ derung angetreten. Dem letzten jedoch ſei bange gewor⸗ den, er habe ſich losgetrennt, und ſei zum Eingange zurückgekrochen. Vergebens habe er die Rückkehr der Kameraden dort erwartet, vergebens gerufen, nie ſei wieder einer der Knaben zum Vorſchein gekommen, und keine Spur von ihnen gefunden worden.*)
Ob dieſer Mittheilung ein geſchichtliches Ereigniß zum Grunde liegt, habe ich nie erfahren können. Sie lenkt aber unmittelbar zu näherer Betrachtung über die Hörſelberghöhle. Dieſeniſt keineswegs ſo ununter⸗ ſucht geblieben, wie Viele zu glauben geneigt ſind. Die erſte ausfül hrliche Beſchreibung findet ſich in(Brückner's)
„Kirchen und Schulenſtaat des Herzogthum Gotha, 17 758% Bd. 2„ 12. Stück, S. 44. Statt daß die Höhle, wie die Sage geht, bis unter die Kirche in Sättelſtätt reiche, iſt ſie nur etwa 17 Lachter lang, und iſt beſchwer⸗ lich zu befahren; zeigt in ihrem weiteſten Raum ein aus gehauenes Bänkchen, und enthält eine erſtaunliche Menge
*) In meinem Buche:„Der Sagenſchatz und die Sagenkreiſe des Thuringer Landes“, 1. Theil. Hildburghauſen. 1835, und in meinem:„Deutſchen Sagenbuche“, Leipzig. 1853, habe ich die Hörſelbergſagen ausführlicher erzählt, als hier der Raum ge⸗ ſtattet. B.
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kleiner Fliegen und Mücken, denen das beſtändige Sum⸗ men und Sauſen, das man am Eingange vernimmt, und das ich ſelbſt vernommen bee⸗ indem es wie fernes Waſſerrauſchen in der Tiefe klingt, zucheſchrihen wird.
Eine zweite Beſchreibung gad Dr. Kühn zu Eiſenach in ſeinem„Sammelwerke:„Der Naturforſcher“. Gieden zehntes Stück. Halle. 1782. S. 214— 219. Dr. Kühn war mit dem Pfarrer von Mellborn ſelbſt in der Höhle⸗ von der auch noch die Sage ging, die Venetianer haben aus ihr, wie aus dem ſogenannten Backofenloche am großen Marktberge, goldhaltige Erde geholt. Der Ver⸗ faſſer ſihi den die ſchöne Ausſicht vom Bergrücken, und ſagt:„Die Direction dieſer Hüble gehet nun immer nach und de ſmnehr in die Tiefe, hat verſchiedene nördliche und ſüdliche Buchten, bis ua 30 Schritten, woſelbſt große Hauſen Steine vorgefallen, die man mit Furcht paſſiret. Ohngefähr nach 10 Schritten weiter hinunter wird darauf die Höhlung des Berges ſehr weit, und man wird einen fürchterl ichen Abgrund und einen ſchnellen Ab hang gewahr.“(?)
Weiter kam Dr. Kühn nicht. Seine Beſchreibung iſt demnach unvollkommener, als die im oben angeführten Buche. Es fanden ſich kleine Lager von verfaultem Stroh, Stinkſtein und granatartige Schörlkörner in gel⸗ bem Letten von geringem Eiſengehalt.
Die Dr. Kühn'ſche Schilderung haben Dr. Roſen⸗ müller und Tileſius in ihrer Beſchreibung merkwürdiger Höhlen, Leipzig 1799, unter Nr. 49, S. 285 wörtlich wieder abdrucken l aſſen. In dem Werke: Der Thüringer Wald von v. Hoff und Jacobs, Gotha, 1807, 1. Th., S. 326—331, iſt von dem Hörſel berge die Rede. Seine Meereshöhe wird dort auf nur 1086 Par. Fuß angege⸗ ben, was ein D Bſhl er ſcheint Es wird ſtatt der 0 eine 6 haben ſtehen ſollen. Der Sage von der Höhle wird fl üchtig gedacht, und Dan heißt es:„Das Wahre ist, dass sie noch nicht untersucht ist.“ Aus geognoſtiſchen Gründen ſtellen die Verfaſſer die Anſicht auf, daß eine große Höhle im Flötzka lkſtein nicht zu ver⸗ muthen ſei.
Endlich hat in neueſter Zeit noch eine Unterſuchung oder ein Beſuch des Hörſelloches Statt gefunden, wenn ſich dabei nicht eine geiſtvolle Myſtification geduldiger und gläubiger Leſer hinter der Scene vergnüglich die Hände reibt. Es enthält nämlich Nr. 604 der Leipziger
Illuſtrirten Zeitung vom 27. Januar 1855 unter der Aufſchrift: Ein Beſuch im Hörſelber g bei Eiſenach, einen 8—9 Spalten füllenden ſehr ausführlich und gut geſchriebenen Artikel, unterzeichnet Dr. C. P., mit meh⸗ reren Abbildungen. Der Verfaſſer gedenkt der mythiſchen und romantiſchen Sagen, irrt jedoch in einigen Punkten und giebt der Höhle den ſehr nach Oper ſchmeckenden Namen Venusgrotte, wie ſie noch nie ein Menſch ge⸗ nannt hat. Eine ſchöne Venusgrotte, in die man kaum einkriechen und in der man ſich kaum rühren kann! Die Bergeshöhe wird 1620 Fuß angegeben.
Die drei Herren, welche nach dieſem Bericht die an⸗
gebliche Hö hlenwanderung unternahmen, krochen mühſam durch den Eingang, fanden dann ſoviel Platz, daß ſie eng beiſammen auf am Boden liegenden großen Steinen ſitzen, aber nicht aufrecht ſtehen konnten, hörten das Ge⸗ räuſch fallender Waſſertropfen und end dlich einen wonne⸗ ſüßen Klang melodiſcher, fern her wallender Töne und Accorde. Als deſſen Urſache wurden Millionen kleiner Mücken entdeckt, und bald darauf der Rückzug angetre⸗
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